Kalabrien zwischen Armut und Kriminalität Es wäre schön, ein Mafioso zu sein

30.000 Bewerber für 40 Jobs - da kann ein Verbrecherleben junge Männer im Süden Italiens mehr locken. Ihren Alltag beschreibt Gioacchino Criaco im Roman "Die Söhne der Winde". Dann aber kommt doch einiges anders.

Mafiositreffen (Symbolbild)
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Mafiositreffen (Symbolbild)


"In Kalabrien bedeutet Überleben Kampf", sagt man dort. Aber die meisten wollen nicht mehr kämpfen. Sie haben es zu oft versucht, und sie haben zu oft verloren. Oder auch nur miterlebt, wie andere sich erfolglos gegen den Obrigkeitsverbund aus Mafia, Carabinieri und Kirche auflehnten. "Ich verstand, warum die Menschen den Kopf senkten," sagt Nicola, die Hauptfigur in Gioacchino Criacos Buch "Die Söhne der Winde". "Sie waren glücklicher."

Criaco erzählt die Geschichte eines Jungen aus dem Armenviertel von Africo Nuovo - einem 3000-Einwohner-Dorf mit dem Ionischen Meer vor und dem Aspromonte-Bergmassiv hinter sich. Nicht lange vor der Geburt von Nicola, Mitte der Fünfzigerjahre, hatte die Bevölkerung das wahre Africo verlassen müssen. Nur 15 Kilometer entfernt, doch eine andere Galaxie: eine wuchtige Siedlung aus Stein, hoch droben im Gebirge, nur zu Fuß oder mit dem Maultier erreichbar, eine Gründung aus phönizischen oder griechischen Zeiten. Eine einsame Gegend mit dunklen Wäldern, versteckten Höhlen und vielen Geheimnissen ist es noch heute. Imposante Wildschweine beobachten den Fremden ganz nah, gleichwohl sicher entfernt, vom Waldrand aus.

Erdbeben und anderen Katastrophen hatten die Menschen getrotzt, doch eine Überschwemmung Ende Oktober 1951 war zu viel: Etliche starben, Häuser wurden unbewohnbar, und die damals etwa 2500 Einwohner mussten nach Africo Nuovo umsiedeln, einem mit viel Beton billigst hochgezogenen Dorf für Arme. Und arm blieben die Menschen auch. Denn was machen Bauern und Viehzüchter ohne Land?

Da beginnt die Geschichte, die Criaco erzählt. Eine Geschichte von Brutalität und Liebe, eine Mutter-und-Sohn-Geschichte in einer weitgehend vaterlosen Gesellschaft.

Nach Velbert zum Reichwerden

Während die Alten den guten alten Zeiten in den Bergen nachtrauern, träumen die kleinen Jungs davon, den Heiligen zu tragen, wie es die starken Männer im Dorf dreimal im Jahr tun.

Gioacchino Criaco
Ubaldo Franco/ Folio Verlag

Gioacchino Criaco

Ein paar Jahre älter, träumen sie dann davon, einer von denen zu sein, die ihre Mützen leicht schief tragen: die Mafiosi. Denn die mussten nicht auswandern. Nach Wolfsburg zu VW oder "nach Velbert zum Reichwerden". Reich kommt aber kaum einer zurück. Viele kommen gar nicht wieder. Wie Nicolas Vater, der in Deutschland bleibt, dort eine neue Familie gründet und die Mutter von Nicola und zwei Schwestern nicht nur zurücklässt, sondern zudem in Schande bringt: "Die konnte ihren Mann nicht halten!", heißt es hämisch im Dorf.

Dabei organisieren Frauen wie Nicolas Mutter das Leben auch ohne Männer: ernten nachts Jasminblüten, neun Stunden Bücken für ein paar Lire. Die Frauen ernähren die Familien, wenn auch kärglich. Nicola wünscht sich jeden Tag, auf seinen Spaghetti einmal richtige Tomatensoße zu haben.

Ein Mafioso zu sein, oder auch nur ein Freund jener noblen Familien, die in den besseren Häusern etwas oberhalb am Hügel wohnen - das wäre toll gewesen. Dabei hatte die Mafia in jenen Jahren nicht viel mit der 'Ndrangheta von heute gemein. Die Umsätze waren vergleichsweise bescheiden, man fuhr keinen Ferrari, bestenfalls ein Mittelklasse-Auto. Es gab keine Schießereien zwischen den rivalisierenden Clans, es ging alles eher bürgerlich-bescheiden zu. Man machte eben seine lukrativen, illegalen Geschäfte. Und die Familienoberhäupter wurden mit "Don" angeredet, waren in Kirche und Dorf geachtet.

Schule ohne Buch

Nicola und seine Freunde gehen in eine Schule ohne Buch. Es gibt zwar eines für die vier Schüler in der ersten Reihe, das freilich bei denen weiter hinten nie ankommt. Das stört weder die Schüler noch den Lehrer. "Nur zuhören und leise sein!" ist das Leitmotiv der Schule.

Oft gehen die drei Freunde sowieso lieber an den Strand oder hängen im Dorf ab. Dort lernen sie zwei junge Ganoven kennen, die kleine Postämter überfallen und die dort eingelieferten Schecks klauen. Die überlassen sie Nicola und Co. zum Einlösen in den größeren Städten. Über Nacht haben die Jungs Geld, können sich Essen, Kleidung, eine gebrauchte Vespa leisten und "gehen zu den Weibern", wie sie es ausdrücken, damit es erwachsen klingt. "Wenn so das Verbrecherleben war, wollte ich mein ganzes Leben lang Verbrecher sein", erinnert sich Nicola später.

Die Revolution kommt mit der Eisenbahn

Die Revolution kommt dann mit dem Deutschland-Rückkehrer Papula. Angekündigt per Brief: "Am 1. August komme ich mit dem Zug ins Dorf." Der Zug hatte noch nie in Africo gehalten, dieses Mal aber zieht irgendwer die Notbremse. Papula steigt samt Großfamilie aus und krempelt ratz-fatz das Dorf um. Er bringt einen Backofen mit, der den Brotpreis auf ein Drittel reduziert, spricht von Revolution und davon, dass der Zug auch hier halten müsse. So etabliert sich der Griff zur Notbremse, bis die Bahnbehörde aufgibt und offiziell eine kleine Blechbude zum Bahnhof erklärt.

Jeden Tag hat Papula eine neue, verrückte, revolutionäre Idee. Criaco steckt den Leser an mit der unbändigen Befreiung, die nicht nur in Africo Nuovo die Menschen befällt, sondern auch in den Dörfern ringsherum. Eigentlich möchte man sofort nach Kalabrien fahren und mitmachen. Und das alles ist keine Erfindung des Autors: Papula gab es tatsächlich, er hieß Rocca Palamaro und löste eine intensive anarchistische Welle aus. Die 68er-Bewegung Kalabriens!

Criaco: Bruder Mafioso, Vater Opfer

Aktiv miterlebt hat der Autor diese Zeit eher nicht, denn er ist 1965 geboren - in Africo zwar, aber doch zu jung dafür. Criaco besucht das Lyceum, studiert Jura, arbeitet zwanzig Jahre lang als Rechtsanwalt in Mailand. Dann reicht es ihm: Aus dem Anwalt wird ein Schriftsteller, der halb in Mailand, halb in Africo lebt. 2008 erscheint sein erstes Buch, "Anime nere" (auf Deutsch: "Schwarze Seelen"). Es handelt von drei Jugendlichen, die sich in der Kriminalität verlieren. Criaco kennt sich aus in dieser Welt: Sein Bruder Pietro war Mafioso und bis zu seiner Ergreifung einer der meistgesuchten Kriminellen Italiens. Sein Vater wurde 1993 in einer Blutfehde ermordet.

Preisabfragezeitpunkt:
20.05.2019, 16:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Gioacchino Criaco
Die Söhne der Winde

Verlag:
Folio
Seiten:
336
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Karin Fleischanderl

Kalabrien - das bedeutet auch, dass die meisten jungen Menschen nur geringe Chancen auf ein gutes Leben haben. 2017 fanden nach Angaben des italienischen Arbeitgeberverbandes Confindustria fast 60 Prozent der 15- bis 24-jährigen Süditaliener keinen Job.

Wenn einmal im Jahr öffentlich Stellen ausgeschrieben werden, etwa im Krankenhaus-Sektor, dann konkurrieren nicht selten 30.000 junge Menschen um 40 Arbeitsplätze. Das Durchschnittseinkommen pro Kopf liegt in Kalabrien bei 16.000 Euro im Jahr. Im europäischen Mittel liegt es bei 29.200, in Norditalien bei 34.000, in Deutschland über 40.000 Euro.

Kein Wunder, dass Elend und Kriminalität von süditalienischen Autoren besonders häufig beschrieben werden. Auch im Criaco-Buch wird der Held, Nicola, kriminell. Ob er den Weg zurück findet? Das muss jeder selber lesen. Es lohnt.



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