Neuer Erzählband von Margaret Atwood Frauen, die die Welt bestimmen

Alte Damen, die morden und mies gelaunt sind: Mit ihrem neuen Kurzgeschichtenband schreibt Margaret Atwood brillant gegen das Klischee der sanften Seniorin an.

Margaret Atwood
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Am Ende füllt Constance einfach einen Gefrierbeutel mit Asche und trippelt schlitternden Schritts los zum nächsten Tante-Emma-Laden. Hinter ihr immer diese schwarze Spur, die sie sich durchs vereiste Toronto sät. Eine Notlösung, das Streusalz ist alle, und sie hatte anderes im Kopf, ihr Mann ist gerade gestorben.

Jene rauchschwarze Linie, die sich durchs ewige Weiß windet: Diese Idee bindet die Geschichten in Margaret Atwoods nun auf Deutsch erscheinendem Erzählband "Die steinerne Matratze" auf geniale Weise zusammen. In ihr steckt das Brotkrumen-Streuen des Geschichtenerzählers, das auch einige der Shortstorys über ihre Protagonisten miteinander verknüpft (wie übrigens auch schon in früheren Kurzgeschichten von Atwood, etwa in "Moralische Unordnung" von 2006). Die Aschespur ist Zeichen von Vergänglichkeit, wirkt morbide und hemdsärmelig zugleich. Und nein, es sind nicht die Reste von Constances totem Gatten Ewan, auch wenn das zum blitzenden Edgar-Allan-Poe-Charme des Bandes durchaus passen würde.

Wie wichtig der kanadischen Autorin das Erzählen-übers-Erzählen ist, macht sie gleich in dieser brillanten Auftaktgeschichte klar: Constance, einsilbig und mies gelaunt, hat in einer Serie von Bestsellern einen Fantasykosmos namens "Alphinland" erschaffen. Es ist dort, in der Welt in ihrem Computer, wo sie weiter mit Ewan zu leben scheint: "'Asche, Masche, Flasche, wasche', sagt sie laut vor sich hin, während sie sich ihren Weg über das Eis bahnt. Es gibt einiges, was sich auf Asche reimt. Sie wird die Asche in den Erzählstrang einflechten müssen." Bis die Grenzen verschwimmen.

Abdrücke im Schnee: durchs ewige Weiß
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Abdrücke im Schnee: durchs ewige Weiß

Dass Atwood ihrer Erzählsammlung im Original den boshaften Zusatz "wicked tales" verpasst hat, statt schlicht "short stories", also Kurzgeschichten, ist vielsagend: Ist doch "tale" ein altertümlicher Begriff, der eher Fabeln, Märchen, Gruselkram meint. Also jene Genres, die neben Science-Fiction, ebenfalls in Atwoods Standardrepertoire, mit den Grenzen des Vorstellbaren spielen. Es sind Fantasiewelten, die nur ein My neben der Realität sitzen - ein Stilmittel, das schon 1969 in Atwoods Debüt "Die essbare Frau" steckte.

Die Fiktion als "Zimmer für sich allein", das sich Frauen selbst schaffen, unabhängig von den von Männern diktierten Regeln: Diesen Selbstbestimmungsgedanken, den die englische Schriftstellerin Virginia Woolf in jenem berühmt gewordenen Essay 1929 formulierte, zitiert Atwood - indem sie ihren Figuren das Erzählen als Überlebensmittel an die Hand gibt.

Und schreibt damit zugleich eine Geschichte nach der anderen gegen das Klischee der homogenen Masse von (vor allem alten) Frauen an. Sie töten, sind mies drauf und schnitzen sich die Welt ohne Wimpernzucken so zurecht, dass es für sie passt. Lauter Selbstermächtigungsstorys, wie schon so häufig in ihrem ŒOeuvre.

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Da ist Verna, die in "Die steinerne Matratze" auf einer Kreuzfahrt ins Eis jenen Typen ermordet, der sie vor Jahrzehnten vergewaltigte - und diesen Bob für den Rest der Schiffsreise vermeintlich am Leben hält, indem sie eine alternative Story strickt, jeden Morgen in seiner Kabine die Dusche anmacht, schmutzige Handtücher auf den Boden wirft, seine Wäsche reinigen lässt.

Oder Tobias, den die fast blinde Wilma im Luxusaltersheim dazu bringt, ihr die Welt in lauter Kurzepisoden zu erzählen, während ihr nach und nach ihre imaginären Freunde entgleiten. Selbst in der schwächsten Geschichte im Band bleibt doch zumindest der Ansatz kurios: In "Der gefriergetrocknete Bräutigam" entledigt sich eine Frau ihres Fastgatten auf eine burschikose Art - auch sie hält über Jahre eine Fiktion aufrecht, bis ein Typ ihren Lagercontainer ersteigert.

Die Schönheit des Beiläufigen

Es gibt derzeit keinen Autor und keine Autorin, die derart vielfältig arbeitet wie Margaret Atwood. Zusammen mit der deutschen Fassung von "Die steinerne Matratze" sind fast zeitgleich zwei weitere Bücher von Atwood auf Englisch erschienen, die ihr phänomenal breites Spektrum illustrieren: zum einen ihre aberwitzige erste Graphic Novel "Angel Catbird" über einen Forscher, der als Kater mit Superkräften die Welt rettet; zum anderen "Hag-Seed", ein Roman, der Shakespeares "Sturm" neu erzählt. Und dann lieferte sie im vergangenen Jahr den ersten Text für das Projekt "Future Library", deren Bücher erst in 100 Jahren gedruckt und gelesen werden können. Allein diese drei, zusammen mit dem sarkastischen Schalk ihrer Kurzgeschichten und der Verve, mit der sich die 76-Jährige etwa in Twitter wirft, stehen für eine schriftstellerische Neugier, die ihresgleichen sucht.

Die wahrhaft schönsten Momente ihrer Erzählungen sind jene Stellen, in denen etwas völlig Beiläufiges die Geschichte noch einmal ganz neu aufreißt. "Es gab keinen Kühlschrank", erzählt die verwitwete Protagonistin Constance etwa in der eiskalten Auftaktgeschichte "Alphinland" rückblickend, "also legten sie ihre Lebensmittel draußen auf die Fensterbank, wo sie im Winter erfroren und im Sommer verdarben, nur im Frühling und im Herbst ging es einigermaßen, wenn da nicht die Eichhörnchen gewesen wären."

Die Eichhörnchen. Der nur mit einem Komma angehängte Nachgedanke als Stilmittel, hinterhergetröpfelt wie ein Ascherest, der zufällig aus der Plastiktüte fällt. Und damit das Muster eines Gedankens verändert. Es wirkt minimal, ja, ist aber die große Kunst des Atwood'schen Satzendes. Allein deshalb möchte man keinen einzigen davon überspringen.



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