"Die trunkene Fahrt" von Albrecht Selge Kalauer bis die Buchstaben kollabieren

Vier Männer fahren in einem rostigen Fiat Panda über Alpenpässe, trinken in den Pausen lokale Spirituosen. Das kann nicht gutgehen, ergibt bei Albrecht Selge aber einen sehr guten, ziemlich heiteren Roman.
Von Stephan Lohr
Alpenpass mit Schlangenlinien

Alpenpass mit Schlangenlinien

Foto: Anita Stizzoli/ Getty Images

"Das ist die Lage: ein schrottreifer Kleinwagen im Gebirge mit einem psychopathischen Pianisten, einem geistesschwachen Professorensohn, einem fetten Frauenschwarm, einem Krüppel am Steuer. 3 Dünne, 1 Dicker. Die Väter von 10 Kindern." So heißt es auf Seite 193 dieses turbulent komischen Textes. Nun will man auch noch die weiteren knapp hundert Seiten lesen, um zu erfahren, wie der Ausflug dieses skurrilen Männerquartetts endet.

Bei dem schrottreifen Auto handelt es sich um einen in die Jahre gekommenen Fiat Panda, der an einem Sommertag das Gefährt für die abenteuerliche Fahrt durch die Tiroler Alpen abgibt. Zusammengebracht hat diese Gesellschaft der Vater des Professorensohns. Engagiert hat er einen hochgebildeten, etwas fatalistischen Gymnasiallehrer, der sich trotz eines amputierten Beines als souveräner Chauffeur der abenteuerlichen Tagesreise erweist und zum Stichwortgeber zahlloser pointierter Kalauer wird. In etlichen Zwischenstopps empfiehlt er seinen Mitfahrern die alkoholischen Spezialitäten der Landgasthäuser so emphatisch, wie er sie selbst genießt.

Albrecht Selge

Albrecht Selge

Foto: Reza Jan Mansouri

Albrecht Selge, 41, tischt fünf Jahre nach seinem viel gerühmten Debüt "Wach" diese verrückte Geschichte von der "Trunkenen Fahrt" auf: ein das Risiko schrägen Humors nicht scheuendes Buch, dessen gelegentlich auch makabre Heiterkeiten die Lektüre vergnüglich geraten lassen. Zumal für Literaturkenner und Musikenthusiasten, denn es mangelt nicht an Anspielungen auf Goethe, Kafka oder Jelinek beziehungsweise Bach, Liszt, Boulez - oder einen Neutöner namens Zaubitzer, der sich in den Siebzigerjahren einen Namen auch dadurch gemacht habe, dass er einen Flügel aus einem Flugzeug stürzen ließ.

Die Aufführung eines Werkes dieses Komponisten in Toblach hat das Personal der Story im Frühsommer 1989 nach Tirol verschlagen. Den dickleibigen Westberliner Musikkritiker Zwantulla, den in Hannover lehrenden, "weltberühmten" Pianisten Günter Perger, Heinrich, genannt Hibiscus Kumm, Sohn des gastgebenden Professors Kumm, schließlich den rundum bildungsbeschlagenen, trinkfesten und einbeinigen Gymnasiallehrer Paul Gasser, der den rostigen Fiat Panda durch die alpine Landschaft steuert. Es wird parliert, geblödelt, geraucht, getrunken.

En passant erfahren wir etwas über die Farbenblindheit von Habichten, die gleichwohl das ultraviolette Leuchten von Mäuse-Urin zu erkennen vermögen. Ab etwa Seite 225, man merkt es zunächst kaum, wird die Schrifttype des Textes kleiner, auf Seite 282 verliert sie sich in nicht mehr entzifferbare grau-schwarze Pünktchen, sodass wir nicht erfahren, wie die schließlich halsbrecherische Fahrt über die Tiroler Serpentinen in der Nacht endet, gerade lesen wir noch, dass es im Auto, das zwischendurch auch noch einen fünften Passagier aufgenommen hatte, nach verbranntem Öl stinkt.

Albrecht Selge schreibt virtuos, ihm ist ein furioses Kammerstück gelungen. Nun fehlt eigentlich nur noch der große Roman, der die Klugheit seines Debüts mit der stilistischen Brillanz seines aktuellen Buches verknüpft. Das könnte ganz große Literatur werden.

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Albrecht Selge:
Die trunkene Fahrt

Rowohlt Berlin; 288 Seiten; 19,95 Euro.

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