Eshkol Nevos Lebensroman Ich, ich, "ich"

Schamlose Nabelschau? Kalkuliertes Verwirrspiel? Der israelische Autor Eshkol Nevo macht in seinem autofiktionalen Roman "Die Wahrheit ist" die Macht des Narrativen zum Thema.
Autor Eshkol Nevo

Autor Eshkol Nevo

Foto:

Bogenberger Autorenfotos

Wenn ein Roman als Interview mit einem Schriftsteller angelegt ist, der nicht nur den Namen des Autors trägt, sondern auch ostentativ dessen biografische Details abhandelt, reale Figuren auftreten lässt und noch dazu als Läuterungsprozess angepriesen wird, möchte man das Buch gleich beiseitelegen. Noch so ein selbstgefälliger autofiktionaler Text eines Mannes mittleren Alters in einer Lebenskrise, schießt es einem durch den Kopf.

Und in der Tat bestätigt sich nach den ersten Seiten von Eshkol Nevos "Die Wahrheit ist" genau dieser Eindruck. Dann aber entspinnt sich daraus eine vielschichtige Erzählung, die die Fragen des Lebens behandelt, universelle Konflikte beleuchtet, die Frage nach Heimat und Identität im modernen Israel aufwirft und vor allem die Macht des Narrativen in den Fokus stellt.

Eshkol Nevo also, 1971 in Jerusalem geboren, ist dieser Autor, Erzähler und Protagonist, die für den autofiktionalen Roman essenzielle Personalunion. Denn sie ermöglicht das wohlkalkulierte Verwirrspiel um die Identität des Schriftstellers, die ungenierte und minutiös inszenierte Selbstdarstellung, befriedigt den Voyeurismus des Lesers an der Person des Autors. Nicht erst seit dem Erfolg von Karl Ove Knausgård mit seinem Mix aus Autobiografischem und Fiktivem ist diese Form des Erzählens zum Genre der Stunde geworden. Nun also Nevo, einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart in Israel. 

Sein Erzähler ist Anfang 40, Vater dreier Kinder, Schriftsteller, Dozent und derzeit in einer schweren Krise: Seine Ehe steht kurz vor dem Ende, sein bester Freund liegt im Sterben, seine älteste Tochter zieht es vor, in einem Internat die Schule zu beenden, er selbst hat schon seit einem Jahr nichts Substanzielles mehr u Papier gebracht.

Nun also schreibt er, "um gerettet zu werden", wie er den Leser gleich zu Beginn wissen lässt: Er antwortet auf die User-Fragen, die ein Internetportal gesammelt hat. Völlig unvermittelt geht es mit einer dieser typischen Fragen los, ob er denn schon immer Schriftsteller werden wollte, und der Erzähler antwortet mit einer Anekdote aus seiner Jugend, so wie er auf die meisten Fragen nicht direkt, sondern mit Geschichten und unzuverlässigen Erinnerungen beantwortet. Er ist der Geschichtensammler, der professionelle Wahrheitsverdreher, der das Leben, das er nicht leben konnte, sich erschrieben hat. Doch nun, so gibt er vor, wird er nichts als die Wahrheit schreiben, was er natürlich selbst ad absurdum führt. 

Ist der Seitensprung erfunden oder tatsächlich erlebt?

Diese teils banalen und dem Erzähler so zugewandten Fragen sind anfänglich irritierend, fast störend. Doch nach und nach fügen sich die Antworten zu einer groß angelegten Erzählung eines im intellektuellen Milieu aufgewachsenen Jungen, der während der ersten Intifada seine Zeit bei der Armee absolvierte, gern gesehener Gast bei Lesungen und Veranstaltungen jüdischer Gemeinden in der ganzen Welt ist, sich als perfekter Vater, Ehemann und Freund betrachtet, Enkel des dritten israelischen Premierministers Levi Eshkol ist. Parallelen, die sich unmittelbar zu dem Autor Eshkol Nevo ziehen lassen.

Und immer wieder ist es das meist manipulative Narrativ, das sein Leben bestimmt. Das ist kein neuer Gedanke. Literatur und auch Geschichtsschreibung waren schon immer ein subjektiv gesteuerter Prozess, der im schlimmsten Fall der Propaganda dient, manchmal die Bedürfnisse des Marktes oder die Vorlieben der Leser befriedigt. Nevos Erzähler beichtet seiner Ehefrau einen Seitensprung, der ihrer Ehe den letzten Todesstoß versetzt, einen Seitensprung, von dem er am Schluss schreibt, selbst nicht mehr zu wissen, ob er ihn erfunden oder tatsächlich erlebt hat.

Fiktion und Realität sind kaum mehr zu unterscheiden - alles unterliegt einem ausgeklügelten Skript. Auch der Erfolg eines mittelmäßigen Politikers, der es vom Bürgermeister bis in eines der höchsten Regierungsämter des Landes schafft, weil der Erzähler ihm die passenden Slogans schreibt. "Du hast ein Monster erschaffen", sagt seine Frau Dikla, als sie eine TV-Rede von diesem (fiktiven) Yoram Sirkin hört. Und der Erzähler? Er gibt sich geläutert: "Texter ist ein korrupter Beruf".

Nevo integriert verschiedene Textformen in seinen Roman, Tagebuchauszüge der Frau, Blogeinträge der Tochter, Briefe, die er hätte schreiben wollen, seine Slogans für den Politiker und ihre Ausführungen. Diese vielschichtige Auseinandersetzung mit der Macht des Narrativen, die Nevo in scheinbar alltäglichen, persönlichen Erlebnissen thematisiert, macht den Reiz dieses Romans aus. Doch er strapaziert dieses Motiv über, weist den Leser immer wieder auf die meta- wie autofiktionale Ebene des Schreibens hin und kreist dabei dann vor allem um sich selbst. Am Ende bleibt dann doch nur der Eindruck einer eitlen Nabelschau eines larmoyanten Mittvierzigers.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.