Dietmar Dath über Superhelden Leckerbissen im pubertären Denkfutter

Mit Superhelden denken lernen: Dietmar Dath zeigt in einem schmalen Buch, welch enorme intellektuelle Power in den oft als Kinderkram abgetanen Comics von Marvel und DC steckt.

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Die Pubertät kann eine fürchterliche, peinigende Zeit sein. Für das ästhetische Erleben und die Auseinandersetzung mit Kunst ist sie die vielleicht beste, weil intensivste. Auch wenn das, was der junge Mensch mit Leidenschaft konsumiert - Popmusik, Comics, Genrekino - vielen Erwachsenen bestenfalls als hoffentlich vorüberziehender Unsinn gilt. Selber schuld.

Der Schriftsteller und Journalist Dietmar Dath hält dagegen: Man sollte nicht von Popkultur, man sollte von populären Künsten sprechen. Auch und gerade wenn es um die Abenteuer von Batman, Superman, Iron Man, Spider-Man oder den Avengers geht. All das nämlich sei Kunst und müsse dementsprechend mit demselben Ernst bedacht werden wie die Werke, die man gemeinhin der Hochkultur zurechnet.

In dem schmalen Band "Superhelden" unternimmt Dath den, nehmen wir es gleich vorweg, geglückten Versuch, auf genau 100 Seiten in die Geschichte und Gegenwart der Superhelden-Comics einzuführen und Antworten auf die Frage zu finden, was die fantastischen Erzählungen mit dem Leben ihrer Leserinnen und Leser zu tun haben könnten.

Der Text beginnt autobiografisch. Dath, der Jahr für Jahr zwei bis drei meist eher dicke Romane und zahlreiche Artikel (vor allem für die "FAZ") schreibt, ist einer der wenigen Autoren hierzulande, die offenlegen, in welcher Weise sie von den Dingen, um die es in ihren Büchern geht, berührt worden sind.

Der erste zündende Kurzschluss zwischen gezeichneten Superhelden und dem lesenden Kind aus Fleisch und Blut geht so: "Weil wir Kinder waren, die von sich wussten, dass man ihnen äußerlich nicht ansehen konnte, was alles in ihnen steckte, leuchtete uns unmittelbar ein, dass die farbenprächtige und mächtige Seite dieser Leute, das, was man nicht übersehen konnte, wenn es sich enthüllte, ihr Eigentliches war, nicht die schäbige Hülle des Allzumenschlichen, in der sie doch vermutlich mehr Zeit verbrachten, ja, Tag für Tag fristen mussten, wie man eine Gefängnisstrafe absitzt."

In diesem einen, zugegebenermaßen ausgesprochen langen Satz ist implizit bereits eine Antwort auf Daths zentrale Frage enthalten: "Warum bedeutet dieses Zeug manchen Menschen so viel?"

Die eine Erklärung: Wegen der Wunschfantasien, die sich an die Superheldenfiguren heften können. Die zweite: Weil Batman, Spider-Man, Superman, die X-Men et cetera nicht nur Auserwählte, sondern auch Außenseiter sind - "teils wunsch-, trieb- und dickschädelgesteuert, teils innerlich gehemmt, nie hinreichend in Gemeinschaften integriert, um nicht permanent fürchten zu müssen, wieder herauszufallen". Viel genauer kann man die Lage der pubertierenden Bevölkerung in den westlichen Gesellschaften nicht beschreiben.

Vom Goldenen Zeitalter zu den gebrochenen, komplexen Figuren von heute

Dass Comics wie Vergrößerungsgläser wirken können, gilt allerdings für Leser jeden Alters. Superhelden seien ein "großes Gleichnis auf das Subjekt-Selbstempfinden moderner Menschen allgemein". Und das heißt altersübergreifend, zumindest für die, die nicht meinen, all das als Kinderkram abtun zu müssen.

Die "Iron Man"-Figur beispielsweise lasse sich als Verbindung von "Flexibilität mit darwinistischem Durchsetzungsvermögen" deuten; eine zeitgemäße, neoliberale Variante "des von Wilhelm Reich als Muskel-Dauerverspannung identifizierten autoritären 'Körperpanzers'". Dieser Subtext unterläuft dem Comic nicht einfach, er wird mit den ästhetischen Mitteln des Mediums entfaltet.

Im ersten Teil seines kursorischen Durchmarsches durch das Genre fokussiert Dath sich auf Autoren, die die Ästhetik der Superhelden-Erzählungen in den Achtzigerjahren revolutioniert haben. Der Verschiebung vom Goldenen Zeitalter der frühen Jahre hin zu den gebrochenen, komplexen Figuren, mit denen wir es heute zu tun haben, wird viel Platz eingeräumt. Prägendes wie der das Marvel-Universum vorübergehend erschütternde "Civil War" von 2006, in dem Captain America und Iron Man gegeneinander in den Krieg ziehen, wird hingegen nur angetippt.

So erfährt man in dem ersten Band der "100 Seiten"-Reihe des Reclam Verlags vor allem anhand exemplarischer Beispiele, was in Superhelden-Comics ästhetisch, kulturdiagnostisch und subjektphilosophisch möglich ist. Trotz des wenigen Platzes argumentiert Dath auf der Höhe der Genre-Entwicklung.

Zurzeit existiere ein Nebeneinander verschiedener Phasen. Seit Alan Moores epochaler Großtat "Watchmen" gebe es eigentlich keine klaren Grenzen zwischen Weitermachen, Umbauen und Abschaffen mehr. Die Naivität der ersten Jahre steht heute ohne Weiteres neben der radikalen Düsternis, die Frank Miller ("The Dark Knight Returns") etabliert hat, dazu kommen ironische Retro-Unternehmungen und Filmkomödien wie "Guardians of the Galaxy" oder "Ant-Man".

Dath belegt die Phase, in der wir uns befinden, mit der schönen Metapher des "Quecksilberzeitalters". Man hätte darüber gerne mehr erfahren; dafür hätte der Verlag auch gerne das halbe Dutzend eher entbehrliche Infografiken rausschmeißen können, die über den Text verstreut sind. Trotzdem, gerade in seiner Knappheit funktioniert der Band hervorragend als Einführung wie auch als Essay für Leser, die schon seit Jahren mit DC Comics, Marvel und Artverwandtem zu tun haben.

Nicht zuletzt ist der Text ein weiteres Plädoyer Daths für die Weltsicht und die radikalen Potenziale jugendlicher Erfahrung. "Die Pubertät", hat Dath einmal in einem Interview behauptet, "ist die Lebenszeit, in der man schon denken kann, aber noch kein Geld verdienen muss, also der beste Lebensabschnitt für Intellektuelle. Fünf kurze Jahre zwischen dem 13. und dem 18. Lebensjahr - mehr Zeit lässt uns die über Lohnarbeit vergesellschaftete Zivilisation nicht, den Verstand auszuprobieren und zu entwickeln." Einen guten Teil dieser Zeit mit den Erzeugnissen von Marvel und DC Comics zu verbringen, scheint nicht das Schlechteste zu sein.

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insgesamt 8 Beiträge
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DJ Doena 16.09.2016
1.
Ich kann nur die vom öffentlich-rechtlichen US-Fernsehen hergestellte Dokumentation "Superheroes" empfehlen. Sind knapp drei Stunden und in jeder Stunde durchschreiten sie eine Ära der US-Comicbuchgeschichte, angefangen mit Superman im Jahr 1938. Und sie betrachten auch durchaus kritisch die weniger schönen Aspekte, wie zum Beispiel Japaner, die wie Schweine dargestellt wurden, mangelnde positive Frauenbilder oder fehlende nicht-weiße Superhelden. https://www.amazon.de/dp/B00EE8AJ50/ https://www.youtube.com/watch?v=H4MN3a59yUQ
DJ Doena 16.09.2016
2.
By the way: "Spiderman" wird "Spider-Man" geschrieben. Marvels Stan Lee, der Erfinder dieses Charakters, hat sich damit nämlich von der DC-Figur Superman absetzen wollen.
helmut_s 16.09.2016
3.
"Fünf kurze Jahre zwischen dem 13. und dem 18. Lebensjahr - mehr Zeit lässt uns die über Lohnarbeit vergesellschaftete Zivilisation nicht, den Verstand auszuprobieren und zu entwickeln." Endlich schreibt's mal jemand. Sollte einem schon zu denken geben ... aber halt, Zeitfenster verpasst. Schon wieder zu doof geworden dafür. ;)
Nania 16.09.2016
4.
Manche DC-Comics (damit kenn ich mich besser aus als mit Marvel) sind noch gar nichts für einen 13-jährigen. Ich finde, dass ganz allgemein mal klar gesagt werden muss, das ein Großteil der heutigen Superheldencomicleser deutlich über 18 sind. Die Hefte sind mit ihren heutigen Preisen auch nicht mehr so einfach erschwinglich, die Storys immer häufiger hochkomplex.
Newspeak 16.09.2016
5. ...
Es ist das Vorrecht der Jugend, ihre Zeit zu "verschwenden". Aber ob man das unbedingt mit Superheldencomics tun muß? Immerhin, es gibt einige, die durchaus anspruchsvoll sind. Das Meiste aber ist Quark. Wie nebenbei fast alles, was die Durchschnittsmassen in Mengen konsumieren. Billigste Surrogate, die ablenken sollen, damit niemand auf "dumme" Gedanken kommt, die manchmal gesellschaftlich vielleicht gar nicht so dumm wären. Dath schreibt übrigens auch hervorragend über Technik, Wissenschaft und Mathematik!
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