Diskutieren über Deutschland "Nation ist ein Gefühl"

Experten unter sich: Bei einer Buchmessen-Diskussion über deutsche Befindlichkeit galt es, Farbe zu bekennen. Auf Schwarz-rot-gold konnten sich die Autoren Klaus Werle, Christian Schüle und SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek immerhin einigen - wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Von Jenny Hoch

Wir erinnern uns: Es war Fußball-Weltmeisterschaft und Deutschland verwandelte sich für ein paar Wochen in eine euphorische Nation. Für Moderator Matthias Matussek war es ein "merkwürdiger Sommer". Seine Wohnung habe vor lauter internationalen Flaggen ausgesehen wie eine Uno-Vollversammlung, bevor sie - parallel zur grassierenden Deutschlandeuphorie - immer schwarz-rot-goldener wurde. "Das hatte nichts zu tun mit dem grimmigen, chauvinistischen Deutschland, als das wir gelten, sondern wir waren ein leichtes, lockeres Land", eröffnete der SPIEGEL-Kulturchef auf der Frankfurter Buchmesse die Diskussionsrunde zum Thema "Was hält Deutschland eigentlich zusammen?"

Gemeinsam mit seinen zwei jungen Mit-Diskutanten bildete er auf einem Podium inmitten des Messe-Gedränges für kurze Zeit eine Art Insel der Deutschlandseligen. Inder mit Turbanen, Amerikaner mit Prospekten und Jugendliche, die hofften, irgendwo Manga-Comics oder 3-D-Postkarten abzugreifen, liefen vorbei. Doch alle, die stehen blieben, nickten begeistert, als Matussek feststellte, dass das Land während der WM das Bedürfnis hatte, sich selber zu umarmen.

"Deutschlandpuzzle", "Deutschlandvermessung" und "Wir Deutschen" heißen die Bücher, die die Journalisten Klaus Werle (33, "manager magazin"), Christian Schüle (35, "Die Zeit") und Matthias Matussek, 51, geschrieben haben. Und obwohl jedes für sich eine Bestandsaufnahme der derzeitigen deutschen Befindlichkeit ist, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Während Schüles "brillanter Essay" eher den Überbau zum Thema liefere, habe Werle in seinem "amüsanten Buch" wie ein Anthropologe an der Basis gearbeitet, lobte Matussek die jungen Kollegen. Dagegen plädiert er selbst bekanntlich für mehr Patriotismus. Tenor: Jetzt ist Schluss mit der Duckmäuserei.

Typisch deutsch sei für ihn, sagte Schüle, die "charmante Unfähigkeit der Deutschen, sich selber lieben zu können." Dann erzählte er, wie er Helmut Kohl einmal in einem Restaurant getroffen habe und schwer beeindruckt war von "seinem Kanzler", also dem prägenden Politiker der heutigen Generation der Mittdreißiger. Matussek hielt mit: Er sei einmal mit Kohl unterwegs gewesen und war, als dieser sich "eine Elefantenportion Spaghetti" auf den Teller geladen habe, ebenfalls "beeindruckt von dessen gewaltiger physischer Präsenz". Er verkörpere damit die Monumentalität Deutschlands. Werle dagegen empfindet das ständige Sich-etwas-beweisen-müssen als typisch deutsch: "Wir können nicht einfach locker sein, wir müssen es uns gegenseitig immer wieder bestätigen."

Wie sehr die Deutschland-Frage eine Generationen-Frage ist, wurde im Folgenden deutlich. Während Matussek vom "geistigen Erbe" sprach, einen "geschichtlichen Diskurs über unsere patriotische Tradition" forderte und von "starken, bindenden Ideen" schwärmte, waren die Jungen zurückhaltender. Werle sagte, er sei skeptisch, was jeglichen geistigen Überbau beträfe, Schüle forderte eine "kreative Wildheit" seiner Generation und plädierte gleichzeitig für ein neues Bildungsbürgertum.

Doch man wolle keinen Patriotismus, da waren sich beide einig. Schließlich sei unser Alltag mit Döner und Ikea sowieso längst multikulturell geprägt. Ob es sinnvoll sei, in Zeiten der Globalisierung noch von Nation zu reden, wollte Matussek anschließend wissen und beantwortete die Frage gleich selbst: Nation sei "keine Religion, kein Territorium, kein wirtschaftliches Interesse, sondern ein Gefühl". Für die Deutschen gäbe es aber zwei Fluchtidentitäten: Die des Europäers oder die des regional verwurzelten Bürgers. Es sei an der Zeit, ein neues Sinnzentrum zu schaffen, "in der Tradition des christlichen Abendlandes".

E-bay statt Kuckucksuhr, SMS statt Schrebergarten - es ist ja nicht so, lautete ein allgemeines Fazit, dass die Deutschen sich dem Fortschritt nicht öffnen würden. Doch neue deutsche Sinnstiftung hin oder her - zumindest, was die jüngere Generation betrifft, gilt: Der Kitt, der die Republik zusammenhält, steckt wohl eher im Banalen.

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