Doris Lessing Mutter Nobelpreis

Sie gilt als unberechenbar, scharfzüngig, links. Der Literaturnobelpreis für Doris Lessing hat viele überrascht - und einige enttäuscht. Kritiker vermissen die literarische Qualität ihrer jüngeren Werke. Zu Unrecht: Die britische Ex-Kommunistin und Feminismusikone wurde spät, aber verdient gekürt.

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Sie irrten: die Auguren des Literaturbetriebs ebenso wie die Wettbüros. Wenige Stunden vor der Verleihung des Literaturnobelpreises hatte die britische Wettagentur Ladbrokes noch den italienischen Autor Claudio Magris vor dem australischen Dichter Les Murray und vor allem dem mittlerweile obligaten Favoriten Philip Roth als wahrscheinlichste Kandidaten für den Literaturnobelpreis des Jahres 2007 gehandelt. Und das Feuilleton fordert seit Jahren ohnehin fast mantrahaft: Endlich, endlich müsse es doch der Roth einmal werden! Und nun? Doris Lessing, 87, die große alte Dame der britischen Literatur. Eine überraschende Wahl.

Eine Entscheidung für eine Außenseiterin ist die Wahl dennoch nicht. Die Stockholmer hatten in den vergangenen Jahren oft ein unglückliches Händchen bewiesen: etwa als sie den Italiener Dario Fo (1997) kürten, den Briten Harold Pinter (2005) oder die Österreicherin Elfriede Jelinek (2004), anlässlich deren Wahl es selbst zu harscher öffentlicher Kritik aus dem Kreis der 18-köpfigen Schwedischen Akademie kam. Eine ähnliche Skandalisierung ist nach Lessings Wahl nicht zu befürchten: Ihr Name war in den vergangenen 30 Jahren wiedergeholt genannt worden, so oft sogar, dass sie selbst schon resignierte: "Ich bekomme ihn nie."

Lessing ist eine globale Autorin. Die Liste ihrer Themen, die sie oft aus ihrer Biografie schöpfte - Feminismus, das Elend Afrikas, Kommunismus, Rassismus - lesen sich wie ein Stichwortverzeichnis globalgesellschaftlicher Konflikte, die das vergangene Jahrhundert bestimmten und auch teilweise heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben. Ihr Œuvre umfasst mehr als 50 Werke.

Machistisch durchtränkte Machtspielchen

Im Gegensatz zum letztjährigen Preisträger Orhan Pamuk, hat Doris Lessing den Zenit ihres Schaffens überschritten; sie erhält den Preis für ihr Lebenswerk, ähnlich wie Günter Grass 1999. Oder noch exakter: vor allem wohl für ihr Hauptwerk "Das goldene Notizbuch" von 1961. Die brillante, mit avantgardistischen Mitteln und bisweilen hypnotisch fesselnd erzählte Geschichte zweier Frauen, die sich in den Wirren machistisch durchtränkter Machtspielchen der kommunistischen Bewegung zu behaupten versuchen, gilt als "Bibel der Frauenbewegung" zumindest im angelsächsischen Sprachraum. Dieses Buch machte ihren Namen Ende der sechziger Jahre schließlich auch in Deutschland bekannt.

Dass Lessing auch als Frau, als einflussreiche Stimme des literarischen Feminismus geehrt wird, kommt in der Begründung der Stockholmer Komitees gleich zu Beginn zum Ausdruck, in der Lessing als eine "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat". Doch wer nun hämisch die Stimme erheben und rufen will: "Nur weil sie eine Frau ist", der geht fehl. Sicher, sie ist erst die elfte Frau in der Liste der Nobelpreisträger, und jährlich schwillt der Chor jener, die aus Gründen der Gleichberechtigung und nicht literarischer Qualität eine weitere Frau ausgezeichnet sehen wollen. Und auch nicht alle der Werke der Vielschreiberin Lessing - seit Anfang der achtziger Jahre fast jährlich ein Buch! - sind von literarisch hoher Qualität. Vor allem ihr Spätwerk wie "Das Tagebuch der Jane Somers" (1983) oder "Die Liebesgeschichte der Jane Somers" (1984) brachte ihr teilweise berechtigt harsche Kritiken ein.

Doch auch hier zeigt sich eine Parallele zu Grass. Viele Kritiker schätzen dessen Spätwerk nicht sonderlich, halten aber "Die Blechtrommel" für einen stilistisch grandiosen Kommentar zu den historischen Verwerfungen der deutschen Geschichte. Und Grass' erstes Buch der Danziger Trilogie erschien bereits 1959, so wie Lessings Hauptwerk 1961 publiziert worden ist. Insofern trifft die Einschätzung Gottfried Honnefelders zu, dem Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, der die Wahl Lessings mit den Worten kommentierte, dass der Preis nicht nur einen "Entdeckungssinn, sondern auch einen Wiederentdeckungssinn" habe.

Scharfzüngig, unberechenbar, undogmatisch

Zudem: Lessing war durchaus keine stromlinienförmige Zeitgeistlinke. Stets blieb sie durch und durch Individualistin, die wiederholt mit einst hoch gehaltenen Weisheiten brach, sich als undogmatisch und bisweilen unbequem erwies. Die Britin, die sich im Übrigen selbst nie als Feministin bezeichnet wissen wollte, schätzt etwa die Wirkungsmacht des Feminismus sehr kritisch - und auch scharfzüngig - ein. So beklagte sie einmal, er hätte viel mehr erreichen können, wenn die Frauen nicht nur geredet, sondern auch gehandelt hätten: "Too much talk, not enough action."

Unberechenbar ist sie auch heute noch: Vor wenigen Tagen schalt sie bei einer Lesung im Hamburger Thalia Theater die feministische Bewegung dafür, jene Frauen zu attackieren, die als Mütter mit ihren Kindern daheim bleiben wollten. Weich ist sie mit dem Alter dennoch nicht geworden: "Die Generation unserer Mütter hat herumgesessen und über die Männer gejammert, und ich habe mir geschworen, das nie, nie zu machen."

Der schwedische Kritiker Mats Gellerfelt hatte im Vorfeld der Verleihung gesagt: "Der ideale Kandidat ist momentan wohl eine lesbische Asiatin." Gellerfelt hatte pointiert einer Befürchtung Ausdruck verliehen, die viele in der Literaturwelt teilten: Dass die Schwedische Akademie eine Autorin oder einen Autor kürt, dessen literarische Bedeutung den Proporzprinzipien der political correctness untergeordnet worden ist. Nun erhält eine britische Feministin und Ex-Kommunistin, geboren in Persien und aufgewachsen in Simbabwe, damals britisches Rhodesien, den Preis. Liest man Gellerfelts Spitze und vergleicht sie mit Lessings Biografie, man könnte meinen, das Komitee habe sich tatsächlich hinreißen lassen und eine Autorin zweiten Ranges gekürt. Aber liest man Doris Lessings Hauptwerk aus den sechziger Jahren, kommt man zu dem Schluss: eine überraschende Wahl, ja. Aber keine schlechte.

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