Doris Lessings Nobelpreisrede Lästern von gestern

Verdient, aber zu spät und vor allem rückwärtsgewandt: So kritisierten viele Kommentatoren die diesjährige Wahl der Literaturnobelpreisträgerin. Doris Lessings Attacke gegen das Internet in ihrer Dankesrede zeigt: Die Kritiker behalten recht.

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Ein unbehagliches Gefühl schleicht sich bei der Lektüre dieser Rede ein. Man fühlt sich vage erinnert an die kulturpessimistischen Ausflüge der deutschen Geistesgeschichte, Spenglers "Der Untergang des Abendlandes" etwa. Oder an Sokrates' oft zitiertes Lamento über den Zustand der Jugend, der jeglicher Respekt vor den Alten und ihrer Weisheit fehle. Nun gebührt der mittlerweile 88-jährigen Doris Lessing sicherlich jeder Respekt - doch Respekt erlaubt nicht nur berechtigte Kritik, sondern fordert sie sogar heraus.

Nobelpreisträgerin Lessing: Plädoyer für die Kraft der Literatur
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Nobelpreisträgerin Lessing: Plädoyer für die Kraft der Literatur

Lessings vorab publizierte Dankesrede für den Nobelpreis, der ihr heute Abend in Stockholm verliehen wird, ist ein flammendes Plädoyer für die Kraft der Literatur, für die Macht des Buches. Nichts wäre dagegen zu sagen und sehr viel dafür. Aber Lessings Worte preisen nicht allein, sie klagen auch an.

In der Kernpassage ihrer Rede beklagt sie die jämmerliche Infrastruktur afrikanischer Schulen, wo die Kinder inmitten aller Armseligkeit - keine Atlanten, kein Globus, oft nicht einmal eine Mahlzeit - dennoch gierig nach Büchern verlangen. Und dann schwenkt sie über, in den gesättigten, ja übersättigten Teil der Welt, in den Norden Londons. Und sie berichtet davon, wie ihr Besuch in einer privilegierten Schule zu einer deprimierenden Veranstaltung geriet. Junge Männer, 18 und 19 Jahre alt, hätten mit völligem Unverständnis reagiert, als sie ihnen von dem Hunger nach Büchern im völlig verarmten Afrika berichtet habe. Ein Lehrer habe ihr später im Gespräch den Grund des Nicht-Verstehens erläutert: Sie müsse doch wissen, wie das ist. Die Bücherei werde ja kaum genutzt, viele der Jungs hätten gar niemals ein Buch gelesen. Etwas später in der Rede erfahren wir, wer daran schuld sein soll: das Internet.

Nostalgische Episoden

Lessing beklagt unsere fragmentierte Kultur, die aller gesellschaftlich geteilter Gewissheiten verlustig gegangen sei. Dass dies keine neue Erkenntnis ist, muss nicht bedeuten, dass die Erkenntnis selbst keine gültige ist. Doch gilt dies nicht spätestens seit der Ausbreitung der Privatfernsehens und der professionellen Ausdifferenzierung der Arbeitswelt, die in Bildung und Lebenswelt das Spezialistentum befördert? Und kann man ernsthaft behaupten, wie Lessing es tut, dass unsere Gesellschaft sich nie gefragt habe, wie sich "unser Leben, unsere Denkweise durch das Internet verändert"?

Was Lessing folgen lässt, ist wenig mehr als ein Lamento über junge Menschen, die Jahre bester Ausbildung genossen hätten und "nichts von der Welt wissen, nichts über die Welt gelesen haben, die nur über spezialisiertes Wissen verfügen, etwa über Computer." Und schließlich gebraucht sie das zutiefst undifferenzierte Wort von den "inanities" des Internets - was sich als Albernheiten, Dummheiten oder Nichtigkeiten übersetzen ließe.

Doch was setzt Lessing dem entgegen als bloß nostalgische Episoden? Sie gedenkt der stolzen und bildungshungrigen Arbeiterbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, die dem Buch seine Reverenz erwiesen habe. Und sie erinnert sich an ihre eigene Kindheit in Afrika, an Tage, an denen ihre Mutter Bücher in braunen Paketen in Empfang nahm; gelebt habe man in einer "Schlammhütte, aber voller Bücher". Man möchte fragen: Wie sonst hätte eine britische Kolonialoffiziersfamilie für die standesgemäße Bildung ihrer Tochter Doris im fernen Afrika sorgen sollen? Und mutet solch Verklärung für eine einstige Kommunistin nicht fast zynisch an? Was sonst hätte etwa die junge Frau nach Afrika gebracht, als der britische Kolonialismus?

Literatur als Lebens- und Herzensbildung

Lessing klärt an keiner Stelle explizit, welche diese Welt sein soll, von der die Jungen nichts wissen. Doch es schimmert - ganz in der Tradition ihres Werks - ihre politische Haltung durch, die sie stets das Ungleichgewicht zwischen den reichen Ländern des Nordens und den verarmten der Dritten Welt geißeln ließ. Sicher: Der Zustand der politischen Bildung gerade in diesem Punkt ist beklagenswert, das öffentliche Desinteresse daran ebenso. Aber ist daran das Internet schuld? Ist es nicht vielmehr so, dass im Netz Chancen für Demokratisierung liegen, für Partizipation, schließlich auch für Information?

Und mehr noch: Lessing schließt sogar eine völlig neue Lebenswelt aus. Literatur, so entnimmt man ihren Worten, versteht sie auch als Lebens- und Herzensbildung. Umso bedauerlicher, dass sie unterschätzt, wie sehr das Internet die Imagination befeuert, wie sehr es uns die Leben anderer nahe bringt. Leben, die uns vor dem Internet-Zeitalter absolut fremd gewesen, uns nur in einer Form zugänglich gewesen wären: als literarische Fiktion. Natürlich ersetzen My-Space-Profile keine Literatur, sind Facebook-Einträge kein Äquivalent für die Lektüre Goethes oder Kafkas. Aber: Was sonst sind solchen Seiten als die Selbst-Erzählungen junger Menschen? Und um was sonst handelt es sich dabei als um Narrative, die es auch literarisch abzubilden und zu verarbeiten gilt?

So voller Nichtigkeiten ist das Netz nicht. Das sollte auch Doris Lessing wissen. Immerhin wurde ihre Rede dort publiziert, nachdem sie ihr persönliches Erscheinen zur Feier absagen musste.



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