Migrations-Roman "Schlafgänger" Helvetische Halluzinationen

Die Schweizerin Dorothee Elmiger hat einen Roman über ein hochaktuelles Schweizer Thema geschrieben: über Einheimische und Einwanderer. Doch einen brisanten Debattenbeitrag will sie gar nicht liefern. Elmiger sucht einen Raum zwischen Politik und Poesie.
Autorin Elmiger: Schreiben über die politische Gegenwart ohne die Sprache des Politischen

Autorin Elmiger: Schreiben über die politische Gegenwart ohne die Sprache des Politischen

Foto: Juergen Beck

Es war einmal eine Zeit, im 19. Jahrhundert, da zogen Zehntausende Glücksritter in die Großstädte der Industrialisierung: nach Berlin, München, Frankfurt, Wien, Zürich. Es waren Landflüchtlinge, die Arbeit suchten und meist auch fanden, irgendwie. Was sie nicht fanden, war eine eigene Wohnung, und so wurden die Neuankömmlinge zu sogenannten Schlafgängern: flüchtigen Existenzen, die sich stundenweise das Bett eines anderen Menschen mieteten, sich dieses Bett oft sogar noch schichtweise mit einem Kollegen teilten.

"Schlafgänger" hat die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger ihren neuen Roman genannt, der ebenso experimentell ist wie ihr Erstling "Einladung an die Waghalsigen", mit dem sie 2010 den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt gewann. Anders als der Titel nahelegt, ist "Schlafgänger" kein historischer Roman, sondern ein gegenwärtiger, politisch sehr aktueller. Er beschäftigt sich mit den Neuankömmlingen in den Großstädten unserer Zeit: Flüchtlingen aus anderen Ländern.

Elmiger verzichtet auf eine klassische Handlung. Sie spannt professionelle Grenzüberschreiter zusammen, darunter einen Logistiker und eine Übersetzerin, und lässt sie über Grenzen sprechen: über Herkunft und Gerechtigkeit, Import und Export, Heimat und Migration. Immer wieder flechtet sie Zitate ein von realen Personen: von Schweizer Nachrichtensprechern, Talkshowgästen, Staatsanwälten. Es entsteht ein Gesprächsdickicht, in dem es keine Lösungen gibt und nicht mal Lösungsvorschläge, ja nicht mal einen roten Faden zur Lösungssuche.

Die Dramaturgie ist vertrackt, verworren, verschraubt, so dass man sich zwangsläufig in ihr verirrt. Was Teil des Konzepts ist, natürlich ist es das, denn die flüchtige Form spiegelt die flüchtigen inhaltlichen Gewissheiten des Gesprächs. Zusammenfassen lässt es sich nicht. Was bleibt, sind Ahnungen, Annäherungen, Ideenschnipsel. Die aber sind hochinteressant.

Träumen mit offenen Augen

Der Logistiker berichtet davon, nicht mehr schlafen zu können, und je länger er nicht mehr schläft, desto deutlicher sieht er in seiner Wohnung fremde Gestalten. Sie beunruhigen ihn jedoch nicht, ja sie überraschen ihn nicht einmal, denn "es waren ja gewöhnliche Dinge, die ich sah, es fehlte mir nur die Zeit, mich davon zu entfernen, also die Erholung, also die Distanz zwischen mir und den Ereignissen". Es ist, als träume er mit offenen Augen. Oder genauer: Als öffne ihm der Schlafentzug die Augen für das, was immer da ist, was er im Vollbesitz seiner Abwehrkräfte jedoch verdrängt. Die fremden Gestalten sind Halluzinationen, aber diese Halluzinationen haben einen sehr realen Hintergrund.

Darauf weist ein Journalist hin, der ebenfalls am Gespräch teilnimmt: Alles sei viel handfester, als es in den Medien dargestellt werde. Kaum einer könne sich ja noch etwas vorstellen unter den zugereisten Menschen, von denen immer die Rede sei, "dabei säßen einige von ihnen in diesem Moment im zweiten Obergeschoss eines Hauses unweit dieser oder jener Stadt und tränken Coca-Cola und studierten die Zeitungen oder das Rechnen mit Brüchen". Sie sind geflüchtete Existenzen, das schon, sie sind vielleicht sogar noch flüchtende Existenzen, mag sein, aber flüchtige Existenzen - das sind sie nicht. Sie sind keine Gespenster, die im Verborgenen herumspuken, sie sind körperlich anwesend.

Es ist der Journalist, der dann auch darauf hinweist, dass es Grenzen gibt, die eigentlich nicht zu überschreiten sind. Diese Grenzen unterscheiden zwei Kategorien von Personen - Einheimische und Fremde - und verlaufen mitunter durch ein- und denselben Raum. Ein Beispiel: Ein Einheimischer kann ein Empfangszentrum für Fremde zwar physisch betreten, aber es ist nicht dasselbe Empfangszentrum, das ein Fremder betritt. Denn die Regeln des Raums verlieren bei einem Einheimischen ihre Gültigkeit.

Der Schlafentzug lässt den Logistiker zwischen die Grenzen geraten: in einen Zwischenraum zwischen Einheimischen und Fremden. Er verliert nach und nach den Verstand, und versteht eben dadurch immer mehr: Keiner seiner Gedanken schließt mehr an den anderen an, keiner seiner Gedanken findet mehr ein Ende, und eben dadurch findet er so etwas wie Wahrheit. Er gerät außer sich. Er verlässt seine Grenzen.

Eben das versucht Elmiger mit ihrem ganzen Roman. Sie versucht, über die politische Gegenwart zu schreiben, ohne sich der Sprache des Politischen zu bedienen. Sie versucht, in einen Raum zwischen Politik und Poesie einzudringen. Dabei sprengt sie die Grenzen des Erzählens - und zwangsläufig immer wieder auch die Geduldsgrenzen des Lesers.

Wer sich an dieses Buch begibt, sollte sehr ausgeschlafen sein.


Dorothee Elmiger: Schlafgänger. DuMont Verlag, Köln; 142 Seiten; 18 Euro.