Roman über Amerikas Ureinwohner Blut, das an Federn klebt

Tommy Orange erzählt in seinem Debütroman "Dort, dort", wie das Trauma das Leben von Native Americans prägt - und spiegelt zugleich die Massaker unserer Zeit.

Tänzer bei einem Powwow in Coeur d'Alene, Idaho
Getty Images

Tänzer bei einem Powwow in Coeur d'Alene, Idaho

Von


Der Rhythmus wird schneller am Schluss. Hier ein Blick auf Dene, dort Opal, hier Blue, da Orvil. Kürzestkapitel, reihum. Zwölf Menschen von Hunderten, zeitgleich an einem Ort, allein und doch verbunden. Bis sich im Stadion in Oakland über den Sound der Trommeln der Takt von Schüssen legt. Und viele dieser zwölf zersiebt sind von Kugeln.

Verzeihung, das musste sein. Es ist eine schwierige Abwägung, aber hier scheint es unmöglich, den Schlusspunkt auszusparen. Tommy Orange setzt ihn in "Dort, dort" so beklemmend, dass es einen umhaut - die Nominierung für den Pulitzer überrascht nicht weiter.

Unmöglich, weil diese Szene, fast drei Jahre, nachdem er eine Agentin für seinen Debütroman fand, am Tag nach der Wahl von Donald Trump im November 2016, noch lauter und brutaler widerhallt. In der US-Geschichte danach und der davor, den Massenmorden, Schießmassakern. In den drei Malen allein in den vergangenen dreieinhalb Wochen. In den Abschlachtungen mehrerer Völker seit der europäischen Invasion des Kontinents, dieser "fünfhundertjährigen Völkermordkampagne".

"Die verirrten Kugeln und Konsequenzen schlagen auch heute noch in unsere arglosen Körper ein", heißt es im Prolog über die Massaker an den Native Americans. Zeitgemäßer lässt sich die Realität von Rassismus und Unterdrückung kaum fassen. Es ist Blut, das wie auf dem Cover rot an Federn klebt.

Wie es sich lebt und nicht lebt mit der "unversorgten Wunde", die sich damals entzündet hat und bis heute nicht geheilt ist, erzählt "Dort, dort". Jene "Wunde, die gerissen wurde, als die Weißen kamen und sich nahmen, was sie nahmen (...)" Die Leben von zwölf Figuren faltet Tommy Orange dafür ineinander, Kapitel für Kapitel, Alltagsmomente, Vergangenes, ein Oaklander über Oaklander.

Preisabfragezeitpunkt:
20.08.2019, 14:10 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Tommy Orange
Dort dort

Verlag:
Hanser Berlin
Seiten:
288
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Hannes Meyer

Wie der 21-jährige Tony Loneman, der dealt, seit er 13 ist und bei seiner Großmutter lebt, die Louise Erdrich liest. Die Schwestern Opal Viola Victoria Bear Shield und Jaquie Red Feather, die in den Siebzigern eine Weile mit ihrer Mutter auf der Gefängnisinsel Alcatraz lebten, um mit anderen Native Americans für Gerechtigkeit zu protestieren. Brüder wie Orvil und Lony, deren Mutter tot ist und die Großmutter Alkoholikerin, also wachsen sie bei ihrer Großtante auf. Die lange nicht wissen, dass sie Native Americans sind. "Die Beschäftigung mit deinem Erbe ist ein Privileg. Ein Privileg, das wir nicht haben", erklärt die Adoptivmutter, die an all die Suizide, die Drogen und ihre Opfer denkt, an die Wunden, die ihnen unerträglich wurden.

Darunter auch einer wie Dene Oxendene: Der anfängt, Geschichten zu sammeln. Von all jenen, die Reste dieser Wunde mit sich herumschleppen. "Wir sind Indianer und Native Americans, American Indians und Native American Indians (...) Wir sind Vollblut, Halbblut, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel. Mathematisch nicht darstellbar. Ein unerheblicher Rest." Es ist dieses Nebeneinander an Stimmen, das auch Oranges Buch so stark macht: Weil es nie genug Geschichten geben kann, um dem rassistischen Stereotyp der homogenen Masse etwas entgegenzusetzen.

Orange taucht spät im Buch noch konkreter auf, als der Trommler, und wechselt hier nun vom Erzähler zur Anrede: "Du stammst von einem Volk ab, das nahm und nahm und nahm. Und von einem Volk, das genommen wurde. Du warst beides und keins", heißt es über Thomas, Mutter weiß, Vater Cheyenne, wie beim Autor selbst.

Tommy Orange, Autor des Romans "Dort, dort", am Indian American Institute of Art in Santa Fe in New Mexico, wo er unterrichtet
Christopher Thompson/ NYT/ Redux/ laif

Tommy Orange, Autor des Romans "Dort, dort", am Indian American Institute of Art in Santa Fe in New Mexico, wo er unterrichtet

Und so laufen wir, ganz unvernehmlich, neben den Alltagsmomenten dieser zwölf her auf jenen vierten und letzten Teil zu, den Moment des Versammelns: "Powwow". Wenn sich Generationen wiedertreffen - und sich verlorene Väter, Kinder, Mütter finden, nach Jahrzehnten. Es ist einprägsam, wie Orange hier das Kleine und das Große parallel erzählt. Wie das geht, anzuknüpfen an die teilverschüttete eigene Geschichte, eine Familie neu entstehen zu lassen. Für die Community der Native Americans - und für Blue, Edwin, Jacquie, Harvey, Opal und den Rest.

Das Powwow wird auch deshalb zum einmaligen Ort, da es sonst keinen mehr gibt. Alles ist "neu bebautes, vergrabenes Ahnenland, Glas und Beton und Draht und Stahl, unwiederbringliche, bedeckte Erinnerung", findet Dene. "Es gibt dort kein Dort." Es ist das Dort des Titels, ein Verweis auf Gertrude Stein, die über ihr Oakland als einen verlorenen Ort schrieb, die überlagerte, ausgelöschte Geschichte: "There is no there, there."

Dene, der Story-Sammler, erklärt allen, die sich vor seine Kamera setzen: "Wenn man Geschichten hört von Menschen wie einem selbst, fühlt man sich weniger allein." Im erzählten Erinnern erschaffen sie es dann doch, zusammen: ein "Dort".



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ruhepuls 20.08.2019
1. Offene Wunde Amerikas (und Europas..)
Die Eroberung Amerikas brachte den neuen "Amerikanern" Wohlstand - und Europa die Demokratie, denn ohne die amerikanische Unabhängigkeit hätte es die französische Revolution vermutlich nie gegeben. Den Preis für amerikanischen und europäischen Wohlstand und Freiheit bezahlten die Ureinwohner, die ihre Freiheit und ihr Land verloren. Daran ändert auch nicht, dass die europäischen Eroberer ebenfalls einen hohen Blutzoll bezahlten, denn sie trafen auf Menschen, die sich wehrten und ein Land, das für Europäer Wildnis war - und ebenfalls wehrhaft. Daher gibt es in den USA (mindestens) zwei Geschichten, eine weiße und eine rote (und ein schwarze und eine gelbe...). Und auf allen Seiten offene Wunden. Diese schließen sich nur sehr langsam und es wird wohl noch Generationen dauern, bis sie verheilen.
hw7370 20.08.2019
2. Oh nein !
Sehr geehrte Mituser, Sie schrieben: " (......) . Den Preis für amerikanischen und europäischen Wohlstand und Freiheit bezahlten die Ureinwohner, die ihre Freiheit und ihr Land verloren. Daran ändert auch nicht, dass die europäischen Eroberer ebenfalls einen hohen Blutzoll bezahlten, denn sie trafen auf Menschen, die sich wehrten und ein Land, das für Europäer Wildnis war - und ebenfalls wehrhaft." Zitat: "In den ersten 50 Jahren nach der Entdeckung Amerikas durch die katholischen Spanier waren bereits eine Million Indianer im karibischen Raum zugrunde gegangen . (…) . Nach 150 Jahren waren in ganz Amerika 100 Millionen Menschen gestorben - über 90 Prozent der Bevölkerung (Südwestpresse, 2.5.92)." Sie wollen doch nicht wirklich die mehr als 100 Millionen tote Indigene, mit den toten der Eindringlinge vergleichen? Ich habe in meinem Buch "Die Pumaschildkroete, sein Jaguargesicht" (6000 Jahre Mittelamerika, Amazon,2017) die Geschichte der indigene Voelker zwischen Mexiko und Peru aufgeschrieben. Es ist meines Wissens nach das einzige Buch, das sich mit der gesamten indigene Historie Mittelamerikas auseinandersetzt, (von den Legenden und Goettern, der indigenen Denkform, ueber die Kunst, den religioesen Hintergruenden , bis zum Widerstand der Indios ) und hierbei auch die grauenhaften Graeueltaten der Eroberer beschrieben. Deren Bluthunde, die darauf trainiert wurden die Weichteile der Ureinwohner zu zerfleischen, die indigene Frauen, denen die Brueste abgeschnitten, Indios die lebenden Leibes ueber dem Feuer geroestet wurden, abgehackte Haende und Fuesse , Kleinkinder die an Helebarden gespiesst und deren Koepfe an Baeumen zerschmettert wurden, das war kaum an Sadismus zu ueberbieten. Pedrarias Davila zum Beispiel, wuetete ueber 16 Jahre im heutigen Nicaragua mit grosser Grausamkeit. Am Ende waren nur noch 20 % der Ureinwohner am Leben.. Ganz Latainamerika watet im Blut der abgeschlachteten Ureinwohner. Ich selber bin sei 20 Jahren mit einer indigenen Frau verheiratet und lebte teils Jahre im Busch bei Indios, und erfahre die Demuetigungen und Verachtungen, die den Ureinwohnern heute noch entgegen gebracht werden. Wer kennt schon die Schamhaftigkeit der Indios, die tiefe Religioesitaet, die Zwangschristianisierung? "Die Seele des Indios muss vernichtet werden" befahl Cortez in Mexiko und so wurden als erstes alle Chamanen und Caciquen, Kuenstler und Wuerdentraeger umgebracht, damit nur noch unwissendes Volk uebrig bleibt. Es gab in ganz Mittelamerika eine ueberreiche hohe Kultur, der Architektur, der Astronomie, der Medizin, alles wurde vernichtet. Erst recht die heiligen Buecher, da sie "heidnisch" waren. Diese Geschichte der Indios Mittelamerikas (und nicht nur Mexikos) wurde bislang nie aufgearbeitet. All das Leid, all die Demuetigung. All den Tod, den die Europaere gebracht haben. Noch heute partizipiert Europa teilweise von den Raubguetern. Durch mein Leben bei und mit den Ureinwohnern erfuhr ich Dinge, die kein Aussenstehender kennt. Ich schrieb es auf, damit es nicht vergessen wird.
anotherprelude 20.08.2019
3. Besten Dank, hw7370.
Besten Dank, hw7370, fuer den detaillierten Beitrag. Als Mitteleuropaeer, der seit 3o Jahren in Kalifornien lebt und sich eng verbunden fuehlt mit der Kultur der Ureinwohner, sehr beruehrend. Trotzdem, und trotz der gegenwaertigen schaendlichen Administration, komme ich nicht umhin, festzustellen, dass die Amerikanische Kultur, die entstanden ist, grossartige und ausserordentliche Aspekte ueber viele Hundert Jahre hervorgebracht und verbreitet hat. Aspekte, die heute die westliche Welt praegt und auszeichnet. Und wo waere Europa heute, wenn es nicht von den alliierten und Amerikanischen Kraeften befreift worden waere? Wo waere der Westen heute, wo waere die Welt heute? Ebenfalls: viele der Staemme der Ureinwohner hatten Eigenschaften, die grausam waren und an die Isis erinnern.
ruhepuls 21.08.2019
4. #hw7370 / Aufrechnen? Sicher nicht
Es ging mir nicht darum "Köpfe aufzurechnen", sondern darum auf das "psychologische Bild" einer Nation hinzuweisen, in der praktisch jede Bevölkerungsgruppe "verwundet" ist - aus deren subjektiver Sicht. Und im Verhältnis zwischen Menschen, auch Völkern, zählt "gefühlte Geschichte" mehr als dokumentierte. Wenn Ihre Ururururgroßmutter von Natives vergewaltigt und umgebracht worden wäre, hätte das - gefühlt - ein größeres Gewicht, als die Millionen von Ureinwohnern, die durch eingeschleppte Seuchen und Vertreibung vorher umkamen. Wenn die Amerikaner jemals so etwas wie "ein Volk" werden wollen, werden sie sich um alle offenen Wunden kümmern müssen, denn von den Verursachern lebt heute keiner mehr. Ich kenne die amerikanische Geschichte recht gut, inklusive aller Massaker und Kriegshandlungen, nicht zuletzt durch persönliche Kontakte zu weißen, wie indigenen Amerikanern - weiß daher, wie unterschiedlich Geschichte dort wahrgenommen und die eigene Rolle in Mythen idealisiert wird (Stichworte: Mutige Pioniere vs. friedliebende Indianer).
ruhepuls 21.08.2019
5.
Kleine Ergänzung: Mir sind die Gräueltaten der Konquistadores bekannt. Allerdings waren derartige Praktiken auch unter den indigenen Völkern durchaus verbreitet. Die Irokesen waren "Meister der Feuermarter" und schafften es beispielsweise einen Gefangenen über Tage hinweg stückchenweise lebendig zu verbrennen. Und mitzuerleben, wie rote Ameisen das eigene Gesicht nach und nach abnagen, während man bis zum Kopf neben einem Ameisenhaufen eingegraben ist (eine Methode der Nde bzw. Apachen), war sicher auch kein Vergnügen. Brutalität und Grausamkeit war kein Import der Europäer. Sie war schon vorher da. Es gibt keine Heiligen - nirgends.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.