Aussteigerroman "Dschungel" Holt mich hier rein, ich will da raus!

Felix reist nach Kambodscha, um zu verschwinden. Sein bester Freund geht auf die Suche und erzählt im "Dschungel"-Buch über die Sehnsucht nach ultimativer Freiheit: starkes Romandebüt von Friedemann Karig.
Dschungel in Uganda: Fluchtpunkt ins Nirgendwo

Dschungel in Uganda: Fluchtpunkt ins Nirgendwo

Foto: guenterguni/ Getty Images

Dschungel - gibt es so etwas überhaupt noch? Im Fernsehen scheint er zum Inbegriff für den Camp-Kurztrip geworden zu sein. Millionen Zuschauer in Deutschland sehen jedes Jahr live dabei zu, wie sich C-Promis im australischen Wald gegrillte Insekten in den Mund stopfen und abends am Lagerfeuer die Fingernägel lackieren. Reiseunternehmen bieten Abenteuertrips in den Urwald, Survivaltrainer zeigen Tricks, wie sich fernab von Supermarkt und Tiefkühltruhe mit Strohhalmen und zwei Händen ein Fischköder herstellen lässt.

Trotzdem bleibt es meistens beim Abenteuer auf Zeit: Die Robinsonade endet am Flughafen, per Klick auf die Fernbedienung. Selbst Aussteiger wie Jürgen Wagner - besser bekannt als "Öff Öff" - haben der Zivilisation nicht komplett den Rücken zugekehrt, zu seinem Wohnwagen im Wald pendelt er nur noch. Funktioniert das aber überhaupt? Lässt sich die Verbindung zum Rest der Welt einfach so kappen?

In Friedemann Karigs neuem Roman "Dschungel" versucht ein Mann genau das: Felix reist nach Kambodscha, um für immer zu verschwinden. "Ultimativ frei" zu sein: Die letzte Nachricht kommt aus einem Hostel. Mit Bierflasche und Peacezeichen. Danach: Schweigen.

An der Klippe

Sein bester Kumpel fliegt ihm nach und sucht ihn. Kambodscha ist zehn Stunden Flug entfernt. Für ihn, den Erzähler, so abstrakt wie eine Postkarte. "Erfunden, wie aus einem Fantasyfilm." Er schläft im selben Hostel wie Felix, im selben Stockbettzimmer, in der selben austauschbaren Menge von Touristen. Ohne jeden Bezug nach draußen. Um ihn herum: Staub, Motorräder, Wellblechhütten. Auf der Straße zeigt er Felix' Foto. Die Reaktion: leeres Lächeln. Der Dschungel wird zum Fluchtpunkt ins Nirgendwo.

Keine Spur von Felix. Die Suche scheint anfangs aussichtslos. Was dem Erzähler bleibt, ist zunächst nur sein "Gesicht als meine Eintrittskarte in das Labyrinth, in dem er sich verlaufen hatte". Je länger er aber mit seinen Gedanken alleine ist, desto mehr wird die Suche nach Felix zur Suche nach etwas anderem: Der Erzähler gräbt in der gemeinsamen Vergangenheit.

In einzelnen Episoden durchbricht die Erinnerung seine Reise nach Kambodscha. Mit Felix steht er auf einer Klippe über dem Meer. Unter ihnen das Meer, Felsen, die tosende Brandung. "Würdest du mich stoßen, wenn ich darum bitte?", fragt Felix. "Den freien Fall! Würdest du mir das schenken?" Die Schwelle zum Tod, "wie geil" muss das wohl sein. Das Meer wäre wie eine Decke. Keine Spur mehr von Felix.

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Karig, Friedemann

Dschungel: Roman | Eine atemberaubende Geschichte über das Verschwinden, die Kraft der Erinnerung und ihren Fluch

Verlag: Ullstein Hardcover
Seitenzahl: 384
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Gerade in dieser Vielschichtigkeit liegt die Stärke in Karigs Roman: Felix' Freund macht im Verlauf eine Entwicklung durch. Und das auf mehreren Ebenen. Er fährt über das Meer, stolpert trotz Höhenangst über Hängebrücken. Dringt tiefer in das Innere Kambodschas vor.

Grenzen überschreiten, Bindungen durchtrennen

Gleichzeitig werden in der Beziehung zu seinem Freund auch in verschiedenen Stufen traumatische Ereignisse sichtbar. Anfangs kaufen sie als Jugendliche noch "Chips und Pfirsich-Eistee und Tittenhefte". Später kommt es zu Drogen, Schlägereien, Tod. Dschungel wird zu einer Herausforderung loszulassen. "Was machst du", fragt der Erzähler, "damit etwas von dir bleibt?" Felix' Antwort: "Willst du das überhaupt?"

Autor Friedemann Karig

Autor Friedemann Karig

Foto: Isa Foltin/ Getty Images

Für Friedemann Karig ist es nicht das erste Buch, in dem Menschen Grenzen überschreiten, Bindungen durchtrennt werden. Zuletzt schrieb der Journalist unter dem Titel "Wie wir lieben" über das Ende der Monogamie. "Wir sind heute freier als jemals zuvor. Aber wir nutzen die Freiheit nicht", schreibt Karig in dem Sachbuch.

Seinen Roman "Dschungel" bezeichnete er in einem Interview  als "metaphorischen Ausweg aus diesen Fesseln, die einem die Familie gibt". Womöglich liegt hier auch das einzige Problem des Romans: Es bleibt bei der Metapher. Die "ultimative Freiheit" gelingt nur, wenn das Ultimatum durchbrochen wird, die Freiheit bedingungslos wird.

Felix' Freund, der Erzähler, bleibt im Buch namenlos. Seine scheinbar innigste Bindung zu seiner Freundin zerreißt. Danach: keine Spur mehr von ihm. Dem Leser zumindest hinterlässt er eine - diesen Kurztrip, dieses "Dschungel"-Buch.