Politische Korrektheit Mit Helmut Kohl in den Bürgerkrieg

War früher alles besser? In ihrer Streitschrift "In Anführungsstrichen - Glanz und Elend der Political Correctness" kämpfen zwei Wiener Feuilletonisten gegen das Sprachdiktat der "Gutmenschen" und schwärmen ausgerechnet von Altkanzler Kohl.

Referenzobjekt Helmut Kohl: "Wer raucht, steht"
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Referenzobjekt Helmut Kohl: "Wer raucht, steht"

Von Oskar Piegsa


Die Sprachwarte der political correctness begegneten mir zum ersten Mal auf einer Diskussionsveranstaltung der Globalisierungskritiker von Attac. Nach einem Vortrag über den Einfluss neoliberaler Institute und Netzwerke kam der Referent auf die Frage, ob es auch linke Denkfabriken brauche. Einige Minuten gingen die Argumente hin und her, ehe eine Empörte das Wort ergriff. "Denkfabrik, allein schon dieser Name", ereiferte sie sich, "das Wort 'Fabrik' steht für Ausbeutung und menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse!" Damit war die Debatte für sie gelaufen.

Einige Jahre später, in einem Politikseminar an der Universität: Diskutiert wurde, ob man die extreme Rechte nach wissenschaftlichen Kriterien als soziale Bewegung beschreiben könne. "Niemals", urteilte eine Studentin. Wenn schon, müsse man aus Respekt vor der Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen von einer "asozialen Bewegung" sprechen. Diesen Einwand wiederholte sie noch mehrfach.

Wer gelegentlich Diskussionen unter Linksliberalen und Akademikern beiwohnt, kann ähnliche Anekdoten erzählen. Sie handeln von Linken, die sich weniger dafür interessieren, wie man die Macht im Staat erobern kann, als dafür, wie man darüber spricht, ohne anderen weh zu tun. Doch zugleich trägt ihre Beharrlichkeit aggressive Züge. Über solche Menschen haben die österreichischen Kulturjournalisten Matthias Dusini und Thomas Edlinger nun ein spöttisches Buch geschrieben: "In Anführungszeichen. Glanz und Elend der Political Correctness".

Dort ist zu lesen, dass der Siegeszug der political correctness im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts begann, nachdem in den amerikanischen und europäischen Demokratien die Gleichheit vor dem Gesetz auch für Frauen und Minderheiten weitgehend erstritten worden war. Doch weil lange fast nur weiße Männer das Monopol auf politische Herrschaft hielten, dominierten sie noch immer in Kultur und Gesellschaft: Die Historiker erzählten vor allem von ihnen, in den Schulen waren fast ausschließlich ihre Romane und Gedichte Unterrichtsstoff, ihre Gemälde wurden in die Museen gehängt und ihre Bedürfnisse zur Grundlage von Medizin und Wissenschaft gemacht.

Utopische Züge

Gerechtigkeit geht anders, deshalb machten sich Feministinnen und andere daran, für die Gleichheit in der symbolischen Repräsentation zu streiten. Lehrpläne und Geschichtsbücher wurden korrigiert. Politiker sprachen nicht mehr nur zu den Bürgern, sondern auch zu den Bürgerinnen, denn die waren jetzt ja auch Wählerinnen. Und die Werbe- und Medienindustrie achtete fortan darauf, zumindest ab und zu andere als weiße und männliche Menschen zu zeigen - denn mit der politischen Gleichberechtigung wurden Frauen und Minderheiten auch wirtschaftlich interessant.

Bereits daran zeigt sich, dass political correctness eine Gemengelage verschiedener Interessen ist. Und ein langwieriger, komplizierter Prozess. So folgt in der Ausführung von Matthias Dusini und Thomas Edlinger auf den Glanz schnell das Elend der political correctness. Diese correctness so schreiben die Autoren, trägt utopische Züge: Sie behauptet, dass es einen politischen Idealzustands geben könnte, in dem niemand mehr durch das Sprechen und Handeln anderer verletzt oder ausgeschlossen wird. Politik ist aber per definitionem ein Aushandlungsprozess widersprüchlicher Interessen. Wer sich auf political correctness berufe, argumentieren Dusini und Edlinger, nutzt diese als Mittel, um seine Position im Aushandlungsprozess zu stärken.

Das führe zu einer paradoxen Dynamik: Weil man nach der Logik der political correctness Macht entfalte, indem man einen Opferstatus reklamiere, werde Gerechtigkeit zur Gefühlssache. Eigenschaften wie Geschlecht oder sexuelle Orientierung, die nichts über persönliche Qualitäten aussagen und dem Einzelnen ohne sein Zutun gegeben wurden, würden demnach hervorgehoben und zur Essenz des Wesens und Seins eines Menschen umgedeutet. Denn nicht nur jene Menschen wollten Gerechtigkeit, die nicht weiß oder nicht männlich waren, sondern auch solche, die nicht heterosexuell, nicht christlich oder nicht ohne Migrationshintergrund waren. Und wenn sie es selbst nicht wollten, dann wollten es ihre selbsterklärten Stellvertreter. Die Empörte auf der Attac-Diskussion hatte schließlich nie selbst in einer Fabrik gearbeitet. Und die Studentin im Proseminar war nicht selbst in der Frauen- oder Bürgerrechtsbewegung aktiv gewesen, deren semantisches Monopol sie nun gegen die Neo-Nazis verteidigte.

Kunst, Selbstbeherrschung zu genießen

Die Folge: Je mehr Anerkennung geschaffen wird, desto mehr Menschen fühlen sich verkannt. Da kämpfen politische Initiativen für "Männerrechte", als wären nicht alle Bürger- und Menschenrechte immer schon Männerrechte gewesen, ehe Feministinnen forderten, sie auch auf Frauen auszuweiten. Andere wollen ihrer sexuellen Orientierung Ausdruck verleihen und Heterosexuellenparaden veranstalten, mit dem Argument, die Schwulen dürften das ja auch - nur waren es bisher eben die Homo- und nicht die Heterosexuellen, die im öffentlichen Raum zur Unsichtbarkeit gezwungen wurden. Dusini und Edlinger schreiben von "gefühlten Opfern", von einer Konjunktur der "selbstbezogenen Empfindsamkeit" und vom "Narzissmus der kleinen und kleinsten Differenz".

Matthias Dusini und Thomas Edlinger versuchen nicht, berechtigte und unberechtigte Ansprüche zu unterscheiden. Stattdessen polemisieren sie gegen "Gutmenschen", wie sie pauschal die Fürsprecher der political correctness nennen. Neu ist das nicht: Tom Wolfe spöttelte schon 1970 in einer Reportage über den "Radical Chic" der linksliberalen Oberschicht in New York, der Journalist David Brooks verfeinerte die Kritik 2000 in seinem Buch "Die Bobos: Der Lebensstil der neuen Elite".

Anders als diese beiden betreiben Dusini und Edlinger keine Feldforschung, sondern schreiben über Dinge, die sie umgeben: Romane, Filme, Fernsehserien. Zudem sind sie schärfer in ihrem Spott. Denn sie kommen nicht als Reporter in ein fremdes Milieu, sondern erkennen sich selbst im Gutmenschen - und mit einem Faible für psychoanalytische Rhetorik: den Gutmenschen in sich selbst. "Der gutverdienende Gutmensch in einem", schreiben sie, "steht unter ständigem Entscheidungsdruck. Die Schwierigkeit besteht für ihn darin, zu genießen und sich zu beherrschen; die Kunst darin, die Selbstbeherrschung zu genießen und sich an gewissensstärkenden Gutwaren so zu erfreuen wie andere an nicht erkannten Sünden wie Currywurst und Plastikspielzeug."

Wichtiger Aspekt kommt zu kurz

Insofern liest sich das Buch "In Anführungszeichen" stellenweise wie ein Exorzismus der Dämonen, die seine Autoren plagen. Richtig zornig werden Dusini und Edlinger beim Rauchverbot, das sie als verordnete Rücksichtnahme im Sinne der political correctness deuten. Im Rauchverbot verbündet sich demnach der Staat mit dem schlechten Gewissen. In fast jedem Raucher, so schreiben die Autoren in wilder Übertreibung, tobten "Schlachten von Scham und Selbsthass", ein "innerer Bürgerkrieg".

So zerrissen fühlen sich Dusini und Edlinger, dass sie offenbar gar nicht merken, wie sie sich der Strategien bedienen, die sie eben noch kritisierten. Wie sie sich als Raucher nun selbst als Opfer stilisieren und mit schriller Stimme nach Gerechtigkeit schreien. Früher war alles besser, das ist der Tenor dieser Buchpassage, und so schwärmen die beiden Feuilletonisten ausgerechnet von Helmut Kohl, weil er Pfeife raucht und einmal seinen Sohn erklärte: "Wer raucht, steht." Ja, so war er, der standhafte Kanzler Kohl, durch und durch gefeit gegen die political correctness. Von den "Gutmenschen" ließ er sich nicht das Rauchen verbieten, nicht das Essen, und auch nicht die Kränze auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg. Auch außer Dienst lässt er sich nicht einschüchtern, sondern steht zu seinem Ehrenwort. Ein toller Mann!

So scharfsinnig und amüsant "In Anführungszeichen" an vielen, vielleicht den meisten Stellen ist: Die aufgeklärte Kritik der political correctness darf zu keinem Zeitpunkt eine nostalgische Sehnsucht nach einer weniger korrekteren und deshalb vermeintlich freieren Zeit zulassen. Denn diese Zeit gab es nicht (oder höchstens für weiße, heterosexuelle, christliche Männer, die gerne mit ungebildeten Frauen schlafen). Es ist kein Zufall, dass es auf beiden Seiten des Atlantiks rechte Populisten gibt, die es sich zum Bannerspruch gemacht haben, politically incorrect zu sein, sich aber darauf beschränken, Muslime und "Gutmenschen" zu verhöhnen.

Ein wichtiger Aspekt der political correctness kommt in dem Buch "In Anführungszeichen" zu kurz: dass sie nämlich in Amerika auch aus dem Wissen um die Schuld entstand, eine Gesellschaft auf den Leichen und Trümmern der indigenen Zivilisation errichtet zu haben. Und zwar mittels der Jahrhunderte andauernden Versklavung von Afrikanern, deren Nachfahren noch heute im Schnitt ärmer sind als die Nachfahren der weißen Profiteure, früher sterben und häufiger im Gefängnis landen.

Es gibt nicht den geringsten Grund, die deutsche Gesellschaft im Vergleich zur amerikanischen für unschuldig zu halten - doch die Schuld hat eine andere Struktur. Eine unaufgeregtere Kritik der political correctness hätte danach fragen können, inwieweit sich dieses Konzept aus den Vereinigten Staaten überhaupt sinnvoll auf Deutschland übertragen lässt. Doch Matthias Dusini und Thomas wollen aufregen - sich selbst und andere.

Davon zeugt auch das sarkastische Glossar mit dem sie ihr Buch beenden, das von "Antisemitismus" bis "Wutbürger" reicht und das alle inneren und äußeren Tugendwächter in die Flucht schlagen dürfte.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
daskänguru 28.06.2012
1. Früher war mehr Lametta
Früher war mehr Lametta. Punkt aus Ende, mehr gibt es nicht zu sagen.
paulroberts 28.06.2012
2. Kohl
Zitat von sysopREUTERSWar früher alles besser? In ihrer Streitschrift "In Anführungsstrichen - Glanz und Elend der Political Correctness" kämpfen zwei Wiener Feuilletonisten gegen das Sprachdiktat der "Gutmenschen" und schwärmen ausgerechnet von Altkanzler Kohl. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,838633,00.html
Kohl war nach Hitler das Schlimmste, was diesem Land geschehen konnte.Was besonders schlimm ist-die Schäden, die er angerichtet hat sind geistiger, moralischer, ethischer Art, also nicht so eindeutig zu sehen wie ein zerstörtes Haus zum Beispiel und daher auch schwieriger zu reparieren.
nicolo1782 28.06.2012
3. Wenn es denn ein Sprachdiktat gibt,
dann kommt es von denjenigen, die versuchen, einem eigentlich positiven Begriff wie 'Gutmensch' eine negative Konotation zu geben. 1984 läßt grüßen.
sozialminister 28.06.2012
4.
Es ist wohl in konservativen Kreisen zur Mode geworden, die politische Korrektheit der Linken zu kritisieren. Natürlich ist das meistens, wie auch bei diesem Buch, rein ideologisch motiviert. Wenn man politische Korrektheit nur bei den Linken findet ist man wohl blind gegenüber dem eigenen Gutmenschentum. Das ist bei politischen Außenpositionen wohl grundsätzlich der Fall. Lächerlich ist diese einseitge Kritik der Rechten schon allein deswegen, weil sie doch selber die politische Korrektheit erfunden und salonfähig gemacht haben. Über Jahrzehnte hat sie sich dieses Instruments bedient um oppositionelle Meinungen kleinzureden, um Diskussionen im Keim zu ersticken. Nun wo die Linke in den letzten Jahren gelernt hat sich desselben Instruments zu bedienen fangen die Rechten plötzlich an rumzujammern und die Schuld an diesen gedankenverbietenden System den Linken zuzuweisen? Geht es eigentlich noch bigotter? Wenn man sich mit Konservativen unterhält kriegt man ähnliche Reaktionen wie von den linken Gutmenschen. Man muss nur den richtigen Kontext finden. Nehmen wir nur einmal Drogen- und Sexualpolitik. Da erhält man schonmal gerne Antworten wie "Alle Drogen gehören verboten. Punkt." oder "Mit so etwas widerlichem wie Pädophilie will ich mich garnicht erst befassen. Ende der Diskussion" ...und das bevor sie überhaupt angefangen hat. Auch in Amerika gilt bei Konservativen Obamas Gesundheitsreform und höhere Steuern für Reiche als Kommunismus. Das man solch ein Gutmenschentum ignoriert macht die Verfasser des Buches schon sehr verdächtig.
Felix MS 28.06.2012
5. Super, da ...
Zitat von paulrobertsKohl war nach Hitler das Schlimmste, was diesem Land geschehen konnte.Was besonders schlimm ist-die Schäden, die er angerichtet hat sind geistiger, moralischer, ethischer Art, also nicht so eindeutig zu sehen wie ein zerstörtes Haus zum Beispiel und daher auch schwieriger zu reparieren.
... haben Sie einfach mal einen plakativen, vernichtenden Satz rausgehauen, ohne diesen auch nur im Ansatz zu begründen. Schön wäre es, wenn Sie das noch nachholen würden.
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