Ed-Brubaker-Comic Verdammt gut, einen Fehler zu machen

Zack Overkill in der Zwangsjacke des Zeugenschutzprogramms: Der amerikanische Comic-Autor Ed Brubaker widmet sich in "Incognito" der Resozialisation eines Schurken - und erweitert die Grenzen des Superheldencomics mit einer düsteren Geschichte voller Sex und Gewalt.

Panini

Von Jörg Böckem


Zack Andersen hasst sein Leben. Er arbeitet als Bürobote, seine Kollegen kennen kaum seinen Namen, und selbst die Kollegin, die sonst mit jedem ins Bett steigt, sieht durch ihn hindurch. Er ist ein Niemand: Einsam, schwach, hilflos, gestrandet in einem Leben, das ihm fremd, leer und verlogen erscheint.

All das wäre vielleicht noch zu ertragen, wenn er sich nicht so genau an eine Zeit erinnern würde, in der alles ganz anders war. In der er sich lebendig fühlte, stark und überlebensgroß. Damals hieß Andersen noch Zack Overkill, zusammen mit seinem Bruder Xander gehörte er der Organisation des Superverbrechers Black Death an. Vor drei Jahren aber hatte sein Boss Xander töten lassen, und Zack war beim dem Anschlag nur knapp mit dem Leben davongekommen.

Er sagte gegen seinen Boss aus, die Regierung täuschte seinen Tod vor, hemmte mittels Medikamenten seine Kräfte und steckte ihn ins Zeugenschutzprogramm, in ein Leben, das ihm nun wie eine Zwangsjacke erscheint. Als er feststellt, dass die Drogen, mit denen er seinem öden Alltag nur entfliehen will, als Nebeneffekt die Wirkung der Medikamente aufheben und ihm seine Kräfte zurückgeben, kann er nicht widerstehen.

Autor mit kleinkrimineller, drogendurchsetzter Vergangenheit

"Noch bevor ich das erste Mal zuschlug, wusste ich, dass ich einen Fehler machte", heißt es zu Beginn von "Incognito - Stunde der Wahrheit". "Und ich muss zugeben, manchmal fühlt es sich einfach verdammt gut an, einen Fehler zu machen." Ein Fehler mit Folgen - am Ende sind nicht nur die Regierung, sondern auch seine alten Kollegen hinter Zack her, und er muss feststellen, dass sein erstes, vermeintlich besseres Leben ebenso auf Lügen beruhte wie seine Tarnexistenz.

Der Autor Ed Brubaker ist ein großer Glücksfall für den amerikanischen Superhelden- und Mainstream-Comic. Er versteht es wie nur wenige Kollegen, die Konventionen des Genres kunstvoll zu variieren und zu erweitern. Brubaker, selbst ein Mann mit traumatischer Kindheit, kleinkrimineller, drogendurchsetzter Vergangenheit und psychisch belasteter Gegenwart, schreibt über die Gescheiterten, Geschundenen. In seinen Erzählungen verwischt die Grenze zwischen Gut und Böse, seine Fiktion ist immer tief in der Realität verankert. Brubakers Comics sind stark beeinflusst vom Noir-Krimi und der Pulp-Literatur. "Die Comic-Superhelden", sagt er, "wurzeln in den Charakteren des Pulp - Doc Savage, The Spider, The Shadow."

"Incognito", eine düstere Geschichte voller Gewalt und Sex, huldigt dieser Tradition in besonderem Maße. Und widmet sich Brubakers großem Erzählthema: der Frage nach Identität, danach, wie weit die Sünden der Vergangenheit in die Gegenwart hineinreichen und unser Leben bestimmen. Auch wenn "Incognito", wie auch Brubakers grandiose Serien "Criminal" und "Sleeper" von Sean Phillips kongenial düster illustriert, am Ende eher in konventionellen Bahnen läuft, beweist Ed Brubaker wieder eindrucksvoll, dass im Superhelden-Comic jenseits von Crossover-Manie und epischen Schlachten eben auch kleine, düstere, abgründige und absolut packende Geschichten möglich sind.



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Klausw, 07.12.2009
1. Sex und Gewalt im US-Comic
Na ja, was soll uns diese Zeile sagen? Sex im US-Comic wird zumeist durch Knutschen angezeigt, oder durch verhüllende Bettlaken. Richard Corben war da schon mal weiter - allerdings auch nur in seiner Anfangszeit. Und Gewalt? Nun ja, die scheint ja in US-Comics Standard zu sein. Ohne MASSIVE Gewalt geht in einem US-Comic (fast) nix. Allerdings gibt es auch einige wenige rühmliche Ausnahmen wie "Blankets". Ansonsten wird die Gewalt zelebriert, das einem schlecht wird. Argumente liegen nicht auf der Hand sondern in der Faust. Welche Paranoia treibt da die Amerikaner? Im Film ist es ja oft nicht anders. Da kann gar nicht genug geprügelt, geschossen und explodiert werden - Gott sei Dank kein Abbild der amerikanischen Straße. Zumindest mit meiner Realität hat das aber auch gar nix zu tun, da liebe ich dann doch die franko-belgische Schule. PS: DMZ war einige der wenigen Ausnahmen, bei denen ich die Gewalt dann doch akzeptiert habe, den die Story ist wirklich intelligent, die Gewalt passt ins geschilderte Umfeld, dominiert die Geschichte hinter den Bildern aber nie. Und generell: zeichnerisch finde ich haben die Jungs aus USA fast alle wirklich was drauf! Grüße klauswerner
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