"Der beste Roman des Jahres" Das Treiben beim Schreiben

Der preisgekrönte Schriftsteller Edward St Aubyn hat ein Buch über die Vergabe eines Literaturpreises geschrieben: nicht die peinliche Abrechnung eines Enttäuschten - sondern ein sehr lustiges Buch.

Autor Edward St Aubyn: Erzählt vom Wahnsinn einer Buchpreisverleihung
Ellen Warner

Autor Edward St Aubyn: Erzählt vom Wahnsinn einer Buchpreisverleihung

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Ein Bankettsaal, darin königliche Porträts, große Vorräte an Champagner, mächtige schwarze Vorhänge und Girlanden. Geladen ist die Kulturelite. Autoren, Lektoren, Verleger, Kritiker, Mäzene. Und jeder der Gäste hat seine ganz eigene Meinung dazu, welches Buch die Jury wohl auszeichnen wird. Am sichersten ist sich der Literaturagent, der auch schon genau weiß, mit welchem Satz er sich dereinst in dem ausführlichen "Vanity Fair"-Porträt zitieren lassen wird: "Manchmal muss man eben nicht die Bücher, sondern die Gedanken der Jury lesen."

Dass tatsächlich manchmal mehr Mühe und Zeit darauf verwandt wird, die Gedanken der Jury zu lesen und zu interpretieren als die nominierten Bücher, weiß jeder, der die Berichterstattung um Literaturpreise verfolgt. Kaum wird die Longlist eines Literaturpreises bekannt gegeben, melden sich die Kritiker zu Wort: zu wenig junge Frauen. Zu wenig relevante Titel. Zu vorhersehbar. Zu abseitig. Das gehört zum Spiel. Ist in der Realität mal mehr, mal weniger treffend. Mal mehr, mal weniger nervig. Als fiktionale Geschichte jedoch kann es ganz große Unterhaltung sein.

"Der beste Roman des Jahres" von Edward St Aubyn erzählt in punktgenauen Miniaturen diese Geschichte von der Jury-Besetzung bis zum Abend der Verleihung eines Literaturpreises. Ach was, es geht um den Literaturpreis. Mit dem Elysia-Preis soll jedes Jahr nicht weniger als der beste Roman des Jahres ausgezeichnet werden. Dass die Jury niemals alle infrage kommenden Romane gelesen hat? Dass manche von ihnen zwar keine Ahnung, aber ganz eigene Interessen haben? Dass tatsächlich ein versehentlich eingereichtes indisches Kochbuch im Rennen ist? Das alles gehört zum Wahnsinn dazu.

Es geht öfter um Intrigen als um Literatur

Ebenso wie das unvermeidliche Personal dazu gehört: der empfindsame Debütant, der depressive Lektor, die arbeitswütige Akademikerin, die verführerische Schriftstellerin, die Jurorin, die heimlich triviale Kriminalliteratur verfasst, der französische Theoretiker, bei dem alle nie so ganz genau wissen, was er jetzt schon wieder meint. Und der Juryvorsitzende, dem es vor allem darum geht, mit dem Preis ein politisches Zeichen zu setzen. Insgesamt geht es ihnen allen eher selten tatsächlich um Literatur und um die Möglichkeiten der Sprache. Sondern um Affären und Vorteilsnahme, um Intrigen, um Anerkennung, um persönliche Interessen und um Zurückweisung.

Es ist nicht besonders schwer, das reale Vorbild dieses fiktionalen Preises zu erraten: der Booker-Preis, der wichtigste englische Literaturpreis, dessen Verleihung live im Fernsehen übertragen wird und dessen Gewinner sich nicht nur über ein hohes Preisgeld, sondern vor allem über steigende Verkaufszahlen ihrer Bücher freuen dürfen.

Wenn ein Autor nun einen satirischen Roman über die Vergabe eines wichtigen Literaturpreises schreibt, dann steht erst einmal die Befürchtung im Raum, es mit der peinlichen Abrechnung eines Enttäuschten zu tun zu bekommen. Es kann aber auch gut gehen, so wie im Fall von Marlene Streeruwitz, deren Roman "Nachkommen" über die junge Schriftstellerin Nelia Fehn in diesem Jahr selbst auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet ist. Oder eben in diesem Fall. Edward St Aubyn wurde mit dem Bollinger Everyman Wodehouse Preis ausgezeichnet. Der Preis wird in Großbritannien für den lustigsten Roman des Jahres vergeben.



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