Ehrung für Saul Friedländer Der Schrei aus der Asche

Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche: Der Historiker Saul Friedländer ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Der 75-Jährige wurde dafür geehrt, den Opfern des Holocaust eine literarische Stimme gegeben zu haben.

Frankfurt am Main - Hohe Ehrung für israelischen Holocaust-Forscher: Saul Friedländer ist heute mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Friedländer erhielt die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung für sein Werk als epischer Erzähler der Geschichte der Shoah, der Verfolgung und der Vernichtung der Juden. Der 75-Jährige habe "den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt", hieß es in der Begründung des Stiftungsrats für die Würdigung Friedländers. An der Zeremonie in der Frankfurter Paulskirche nahm auch Bundespräsident Horst Köhler teil.

"Ich bin mir darüber im Klaren, dass mir der Preis zu einem erheblichen Teil wegen der Thematik meiner Arbeit zuerkannt worden ist; und darum nehme ich in großer Demut eine Ehrung an, deren Bedeutung weit über jede individuelle Leistung hinausreicht", sagte Friedländer in seiner Dankesrede, in deren Zentrum unveröffentlichte Briefe seiner Familie aus dem Jahr 1942 standen. "Die Stimmen der Menschen bewegen uns unabhängig von aller rationalen Argumentation", sagte Friedländer über die persönlichen Schreiben seiner Eltern.

Der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, Wolfgang Frühwald, hob in seiner Laudatio Friedländers Darstellung über das "Dritte Reich und die Juden 1933 bis 1945" hervor: "Saul Friedländer hat sich vor Emotionalisierung gehütet. Er lässt die historischen Dokumente, den Brief, das Tagebuch, die Verordnung, das Protokoll, ungeschminkt sprechen." Friedländer sei es damit gelungen, die tyrannisch-bürokratische Ordnung und die Verzweiflung derer, die ihr unterworfen waren, zu vereinen. "Zugleich hat er das Schweigen der aus dem Dunkel der Vergangenheit auftauchenden Menge der Zuschauer, ohne die öffentliche Gewalt niemals geschieht, als einen handelnden Faktor in der Geschichte belegt."

"Unruhe der Erinnerung"

Nicht das Vergessen und die Verdrängung seien der Weg zum Frieden, "sondern das erinnernde Wissen", sagte Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. SPD-Chef Kurt Beck schrieb in einem Glückwunschschreiben, Friedländer halte mit seiner Darstellung der Vernichtung der europäischen Juden und der gleichzeitigen Vergegenwärtigung des Leidens der Opfer die "Unruhe der Erinnerung" in allen Menschen wach. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) nannte die Auszeichnung für Friedländer einen "Protest gegen Relativierung, Verbrämung und Verschleierung".

Friedländer wurde am 11. Oktober 1932 als Pavel Friedländer in Prag geboren. Die Familie emigrierte wegen ihrer jüdischen Wurzeln nach der Besetzung der Stadt durch Deutschland nach Frankreich. Nach dem Einmarsch der Deutschen dort überlebte der junge Friedländer als Internatsschüler und getaufter Katholik unter dem Namen Paul-Henri Ferland, während seine Eltern wahrscheinlich 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich Friedländer unter dem Eindruck des Holocaust dem Judentum zu und wanderte 1948 in den neu gegründeten Staat Israel aus. Heute lebt Friedländer überwiegend in Los Angeles.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergibt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels seit 1950 jährlich an Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft und Kunst, die zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988) und Vaclav Havel (1989).

Letzte Briefe der Eltern - Auszüge aus der Dankesrede von Saul Friedländer in der Frankfurter Paulskirche

"(...) Ich habe mich entschlossen, in meiner kurzen Antwort Auszüge aus einigen Dokumenten vorzutragen, und zwar in erster Linie aus Briefen, die bis auf wenige noch nicht veröffentlicht sind und die während jener Jahre von Angehörigen meiner Familie und ihren Freunden in ihrer deutschen Muttersprache geschrieben wurden. (...)

In panischer Angst suchten meine Eltern nach einem sicheren Versteck für mich; schließlich entschieden sie sich für ein katholisches Internat, einen Wechsel der Identität und die Taufe. Madame Macé de Lepinay, eine Einwohnerin des Ortes, die bei meinem Vater Deutsch lernte, traf alle Abmachungen.

Meine Mutter hatte sie in einem auf Deutsch geschriebenen Brief vom 28. August inständig gebeten: 'Meine große, innige Bitte an Sie, gnädige Frau, ist nun, sich unseres Kindes anzunehmen und ihm, bis zum Ende dieses furchtbaren Krieges, Ihre Patronage angedeihen zu lassen. Wie er am besten zu schützen ist, weiß ich nicht, habe aber vollstes Vertrauen zu Ihrer Klugheit und Güte. Meines Mannes und mein Schicksal liegt nur mehr in Gottes Händen. Wenn Er will, dass wir durchkommen, so werden wir das Ende dieser grauenhaften Zeit erleben. Wenn wir zugrundegehen müssen, so haben wir das eine große Glück, unser geliebtes Kind gerettet zu wissen. (...)'

Am 30. September schrieb mein Vater, noch immer in St. Gingolph, an Madame Macé de Lepinay: 'Wir haben nach einer sehr anstrengenden Reise die Schweiz erreicht und wurden abgeschoben. Man hatte uns nicht richtig informiert. Wir erwarten nun unsere Überführung ins Lager von Rivesaltes, wo man in der Ihnen wohl bekannten Art und Weise über unser Schicksal entscheiden wird. Wir haben keine Worte, um Ihnen unser Elend und unsere Verzweiflung zu beschreiben.' (...)

Den letzten Brief meiner Eltern schrieb mein Vater an Madame Macé de Lepinay am 5. Oktober auf dem Transport, der sie von Rivesaltes nach Drancy brachte (sie wussten nicht, wohin der Zug fuhr). Das Schreiben wurde aus dem Zug geworfen und von Quäkern entgegengenommen, die auf den Bahnhöfen warteten, als die Konvois durchkamen.

'Madame', schrieb mein Vater auf Französisch, 'ich schreibe Ihnen dies aus dem Zug, der uns nach Deutschland bringt. Im letzten Moment habe ich einem Vertreter der Quäker 6000 Francs und ein Armband mit Anhängern sowie einer Dame ein Briefmarkenalbum zur Weitersendung an Sie übergeben. Heben Sie alles für den Kleinen auf und nehmen Sie zum letzten Mal unseren unendlichen Dank und die herzlichen Wünsche für Sie und die ganze Familie entgegen. Verlassen Sie nicht den Kleinen! Gott möge Ihnen alles vergelten und Sie und Ihre ganze Familie segnen! Elli und Jan Friedländer.' (...)

Sechzig Jahre sind vergangen, seit diese und zahllose andere Stimmen zu vernehmen waren. Und doch berühren sie uns, mag auch noch so lange Zeit verstrichen sein, mit einer ungewöhnlichen Stärke und Unmittelbarkeit, die weit über die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft hinaus fortwirkt und die große Teile und mehrere Generationen der abendländischen Gesellschaft bewegt hat. Wenn wir diesen Schreien lauschen, dann haben wir es nicht mit einem ritualisierten Gedenken zu tun, und wir werden auch nicht durch kommerzielle Darstellungen des Geschehens manipuliert.

Vielmehr erschüttern uns diese individuellen Stimmen infolge der Arglosigkeit der Opfer, die nichts von ihrem Schicksal ahnten, während viele rings um sie das Ergebnis kannten und manchmal an seiner Herbeiführung beteiligt waren. Vor allem jedoch bewegen uns die Stimmen der Menschen, deren Vernichtung bevorstand, bis auf den heutigen Tag gerade wegen ihrer völligen Hilflosigkeit, ihrer Unschuld und der Einsamkeit ihrer Verzweiflung. Diese Stimmen bewegen uns unabhängig von aller rationalen Argumentation, da sie den Glauben an die Existenz einer menschlichen Solidarität stets von neuem einer Zerreißprobe aussetzen und in Frage stellen."

sto/AFP/dpa/ddp

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