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04. April 2019, 09:31 Uhr

Architekturroman

Hausbau in Absurdistan

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Ein Architekturstudent soll in einer ehemaligen Sowjetrepublik Prunkbauten für den Diktator errichten: Jochen Schmidts Roman "Ein Auftrag für Otto Kwant" ist eine flammend erzählte Groteske.

Ein paar Mal marschieren waschechte Architekten durch dieses Buch. Nicht nur Gropius, Mies van der Rohe oder Le Corbusier, die Otto Kwant als mahnende Idole zur Seite stehen. Nein, in Urfustan, jenem Land im hintersten Winkel der ehemaligen Sowjetunion, in dem der Architekturstudent sich wiederfindet, haben die großen Stars der Gegenwartsarchitektur gewirkt. Einer der drei örtlichen Flughäfen stammt von Meinhard von Gerkan, auch Norman Foster und Bjarke Ingels haben sich im Steppensand verewigt.

Zwischen diesen Prestigebauten und anderen, ziemlich fürchterlich erscheinenden Wolkenkratzern, die ihre mangelhafte Ausführung eint und die zusammengenommen die neue Hauptstadt Mangana bilden, soll Kwant einen "Palast der Demokratie" errichten. Sein Gönner und Auftraggeber: Zültan Tantal, der Diktator des Landes.

Wieso Kwant diese Ehre zuteil wird, bleibt unklar, vermutlich handelt es sich um ein Missverständnis. Denn zwar ist Tantal großer Fan von Kwants Vater Nepomuk, der in der Nachkriegszeit einige der schönsten brutalistischen Kirchen Deutschlands erbaute, aber der Junior selbst ist ein entscheidungsschwacher Student, der sich als Korrekturleser eines Kleinst-Verlages verdingt, in dem Bücher mit Titeln wie "Laube - Kolonie - Heterotopie", Kochbücher mit Rezepten für "Bauhaus"-Schnittchen oder Pop-up-Bücher der berühmtesten Fußballstadien der Welt erscheinen. Nach Mangana reist er als Assistent des Stararchitekten Holm Löb, der jedoch kurz nach der Ankunft verschwindet.

Oft umtänzelt der Autor die Pointe

Kwant findet sich plötzlich zwischen allen Fronten wieder: Der Diktator, die "innere Exilregierung" und der amerikanische Geheimdienst zerren an ihm. Das Einzige, was ihm übrig bleibt, ist die Flucht. Und die führt nicht nur durch ein Land, in dem die Menschen gold-silberne Adidas-Trainingsanzüge tragen, in dem Kugelstoßen Volkssport ist und die Männer die Fahrradsattel verkehrt herum montieren, um ihr Glied besser abzupolstern, sondern bringt ihn auch ins Gefängnis, in ein Dorf der deutschen Minderheit, wo er als Adolf Hitler verkleidet einer Dame zum 100. Geburtstag gratuliert und eine Reisegruppe deutscher Kulturtouristen.

Zwei Dinge sind es, die dieses Buch in Erinnerung ruft. Einmal das 2004 erschienene "Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns". Jochen Schmidt zeichnet vor allem die Landbevölkerung mit ähnlich derbem Pinselstrich wie seinerzeit die Autoren des Reiseführers zu einer imaginären postkommunistischen Republik in Südosteuropa. Wie sie hat er dabei keine Angst, nah am Klischee zu operieren. Beim Setting muss man indes an die stets wachsende kasachische Hauptstadt denken, gerade von Astana in Nursultan umbenannt, wo in den letzten Jahren tatsächlich üppige Bauwerke wie die "Pyramide des Friedens und der Eintracht" entstanden und mit dem Bayterek Tower ein Turm steht, der wie ein großer, goldener Lutscher aussieht.

Die Stärke des Autors, das kennt man aus seinen bisherigen Büchern, ist dabei der Umgang mit der Pointe. Nicht immer liefert er sie in ihrer direkten Form; oft umtänzelt er sie eher, verliert sie zugunsten ausführlichen Freidrehens scheinbar aus dem Blick. Er nutzt jede Möglichkeit, einen Seitenstrang mit Futter anzureichern, einer Situation zusätzliche Absurdität zu verleihen, einen Charakter noch näher am Wahnsinn zu platzieren.

Unvermittelt im Architekturdiskurs

Schmidt erzählt von den Gastgeschenken im Präsidentenpalast - das von Gerhard Schröder ist "ein Tischtelefon aus Meißener Porzellan, mit goldenem Hörer, auf der Wählscheibe stand auf Deutsch: 112 Feuer - Notruf 110". Er lässt deutsche Rentner über Fußpilz, chinesische Bettbezüge und die Schallgeschwindigkeit räsonieren und spottet gleich mehrfach über Paolo Coelhos Bestseller "Der Alchimist".

An anderer Stelle wechselt er relativ unvermittelt in eine Art Architekturdiskurs, blickt durchaus ernsthaft auf Entscheidungsprozesse in Demokratien und Diktaturen, das Wesen von Kitsch, die Arbeiten von Zaha Hadid und Co. und Architektur als Machtinstrument. Das ist manchmal ermüdend, aber Schmidt kriegt immer wieder die Kurve.

Am besten ist das Buch immer dann, wenn er beides zusammenführt, etwa wenn am Ende eine der Familien, bei denen der mittlerweile dem Wahnsinn nahe Kwant auf seiner langen Reise unterkommt, in einem ehemaligen sowjetischen Beton-Bushäuschen lebt. "Die Proportionen waren, das musste man zugeben, perfekt", so sagt Otto Kwant. Schön, ihn endlich begeistert zu sehen. Schade, dass dieses Glück von kurzer Dauer ist.

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