Roman über "Jenseits von Afrika"-Autorin Wir sind Heldinnen

Sanne Jellings' Roman erzählt von der Schriftstellerin Karen Blixen - und geht darin weiblichem Kämpfertum auf den Grund. "Ein dänischer Winter" liest sich wie ein historischer Begleitkommentar zur "Generation Greta".

Filmszene aus "Jenseits von Afrika": Neuer Optimismus
ddp images

Filmszene aus "Jenseits von Afrika": Neuer Optimismus


Wir leben in Zeiten der großen Abgesänge. Proklamiert wurden mitunter schon das Ende der Geschichte sowie der Menschheit. Und da sowieso alle Zeichen auf Abwärts stehen, hat man schon mehrfach die postheroische Epoche ausgerufen. Denn um der Komplexität und Orientierungslosigkeit in der Spätmoderne zu begegnen, kann man kaum mehr ernsthaft von Prinzessinnenrettern oder Wildwest-Sheriffs erzählen - so die Annahme, die by the way auf einem rein patriarchalen Modell gründet. Gemeint ist der maskuline Einzelkämpfer, der durch Stärke und Durchsetzungskraft brilliert. Ja, von ihm mag man spätestens seit #MeToo weniger hören.

Allerdings bedeutet dies nicht den unausweichlichen Abschied vom Heldentum an sich. Stattdessen wird es in der zeitgenössischen Prosa erneuert: Zunehmend bestimmen souveräne Frauenfiguren die Geschicke des Daseins. Man denke etwa an Romane von Julia von Lucadou oder Elena Ferrante.

Weiblichkeit ist in Büchern jedoch nicht per se ein Kriterium für heroische Vorbildlichkeit. Vielmehr erweist sich deren besondere Ausgestaltung als entscheidend und kann, wie Sanne Jellings' neuer Roman "Ein dänischer Winter" über eine historische Frauenfigur zeigt, eine Alternative zum Mythos des männlichen, oftmals kriegerischen Weltenlenkers anbieten.

Preisabfragezeitpunkt:
15.10.2019, 11:41 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Sanne Jellings
Ein dänischer Winter

Verlag:
Kindler Verlag
Seiten:
160
Preis:
EUR 18,00

Wir befinden uns im Jahr 1929, als Karen Blixen, bekannt durch den Hollywoodfilm "Jenseits von Afrika", ihre Familie nahe Kopenhagen besucht. Harte Monate liegen hinter der späteren Schriftstellerin: Mit großem Mut hat sie einst eine Kaffeefarm in Afrika errichtet und sich als Unternehmerin und frühe Entwicklungshelferin bewährt. Nun drohen Schulden und Ernteausfälle ihr Lebenswerk zu zerstören.

Neuen Optimismus gewinnt sie durch die Begegnung mit der jungen Minna, einem Dienstmädchen in ihrem Elternhaus, das selbst an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt ist. Da sie ihre Mutter versorgen muss, kann sie nicht studieren. Ihr Kopf ist voller Sehnsucht nach einem besseren Dasein. Es scheint, als hätten sich zwei Suchende gefunden: Für Karen bedeutet Minna das Ende der Einsamkeit, für Minna ergibt sich möglicherweise eine Chance auf eine bessere Zukunft in Afrika.

Frauen, die Vorbilder sind

Zwei Frauen, die für ihre Autonomie kämpfen und trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft Freundinnen werden - davon erzählt Jellings' Sittengemälde. Zwar verfängt sich der Text mitunter in allzu honigsüßen oder phrasenhaften Formulierungen, wenn etwa Sätze wie "Träume sind schöpferisch. Sie können Dinge verändern" fallen. Allerdings erweist sich gerade die emotional grundierte Sprache als ein hohes Gut dieses Romans.

Karen Blixen als junges Mädchen
DPA

Karen Blixen als junges Mädchen

Denn durch sie, sowie durch die wechselnden Innenperspektiven der Protagonistinnen offenbart das weibliche Heldentum seine fragile Seite. Anders als in der männlichen Ausprägung zeigt sich darin der Mensch, echt mitsamt seinen Schwächen und Hoffnungen. Egomanie und Posertum stehen Jellings' Protagonistinnen fern. Ihr Wunsch, Selbstverwirklichung mit Verantwortung für die Familie zu verbinden, ist aufrichtig.

Was sie vom Stereotyp des maskulinen Kämpfers abgrenzt, ist das Vertrauen auf Kooperation. Gegenseitige Hilfe lautet das Gegenprogramm zum Lone Ranger: "Es ist an der Zeit, dass wir Frauen gut zueinander sind", sagt Karen, die überzeugt ist, "dass die Zukunft nach Frauen verlangte, die nicht mehr nur die Zierde eines Heimes waren, sondern selbst gelebt hatten."

Dieser so leichtfüßig wie kraftvoll geschriebene Beispielroman femininer Selbstermächtigung erscheint zur richtigen Zeit - kann man ihn doch durchaus als einen historischen Begleitkommentar zu den jungen Heroinnen unserer Gegenwart lesen. So haben Figuren wie Greta Thunberg oder Carola Rackete von Anfang an auf die integrative Macht von breitem Unterstützertum und Dialogbereitschaft gesetzt. Wie sie, die eine humane und nachhaltige Gesellschaft fordern, verfolgen auch Karen und Minna in "Ein dänischer Winter" ein höheres Ziel.

Die Protagonistinnen wissen, dass ihr Handeln letztlich Vorbildcharakter für alle Frauen besitzt und belegen: Der Postheroismus ist vielleicht schon wieder Geschichte und nur der Beginn einer Literatur im Zeichen weiblichen Heldentums.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jankleinmann 25.10.2019
1. Nairobi
In Nairobi ist übrigens ein ganzer Stadtteil nach ihr benannt: Karen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.