Geschichte eines Ehebruchs Wie eine leere Keksdose

Eine Insel im Mittelmeer, eine Affäre, das Ringen um die bürgerliche Sicherheit. Edoardo Albinati, hochgelobt für "Die katholische Schule", sucht nach Sinnlichkeit in seinem neuen Roman "Ein Ehebruch". Das ging schief.

Paar im Sommer (Symbolbild): Aufgeschäumte Romanze
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Paar im Sommer (Symbolbild): Aufgeschäumte Romanze


Man nehme eine Insel im Mittelmeer, blendende Sonne, blauen Himmel, zwei Liebende, die verheiratet sind, aber nicht miteinander. Dazu ein schäbiges Hotelzimmer, viel Schwitzen, viel Leidenschaft, viel Lustangst, viel Kopfzerbrechen über die schwer erträgliche Leichtigkeit des Seins. Drei Tage und zwei Nächte dauert die kräftezehrende Affäre. Ach, dieses verflucht schöne, schmerzhafte Leben!

Edoardo Albinatis kurzer Roman "Ein Ehebruch" ist eine atemlose Suada von Schwulst und Schwiemeligkeit, deren gefühlte Temperatur bei mindestens 120 Grad liegt. Dagegen kann auch die wahrlich nicht zu beneidende Übersetzerin nichts ausrichten. Emotionen werden behauptet, aber nicht mit Inhalt gefüllt.

Das ist so, als hätte man eine Keksdose in der Hand, die auf dem Deckel höchsten süßen Genuss verspricht, aber wenn man sie öffnet, ist sie leer. Im Text liest sich das dann zum Beispiel so: "Clementina war nicht zu neuem Leben erweckt, sondern verspürte stärker denn je den Wunsch zu sterben, sterben und sonst nichts, nicht mehr aufwachen wegen einer Überdosis Glück..."

Was auf der Insel passiert, ist quasi zeitenthoben

Wäre das Buch nicht von Edoardo Albinati geschrieben, könnte man es locker abtun. Doch Albinati ist einer der bekanntesten italienischen Gegenwartsautoren, vor drei Jahren bekam er für seinen viel diskutierten Roman "Die katholische Schule" den wichtigsten Literaturpreis Italiens, den Premio Strega. Das Buch spielt im Rom der Siebzigerjahre und handelt von Sex, Katholizismus und männlicher Gewalt. Im Mittelpunkt steht ein Kapitalverbrechen, das es tatsächlich gegeben hat, begangen von einigen Ehemaligen einer Priesterschule. Albinati war damals selbst Schüler dieses Gymnasiums gewesen.

Vielleicht wollte sich der Autor, nach so viel Grauen, nun wieder den sinnlichen Seiten des Lebens zuwenden, quasi ein Geschenk an sich selbst. Eine überschaubare Novelle mit klaren Begrenzungen von Ort, Zeit, Handlung und Personal, Restriktion nach dem 1300-Seiten-Monumentalwerk mit seinen vielen Erzählfäden, Porträts und Protokollen.

Edoardo Albinati
picture alliance/ EIDON/ MAXPPP

Edoardo Albinati

Die Protagonisten dieser schwülen Spätsommer-Liaison, Erri und Clementina, mehr Schablonen als Individuen, kennen sich seit drei Wochen. Das erste Mal haben sie sich auf einer Party und danach ein paar Male getroffen. Clementina, 29, hat vor einigen Monaten ein Kind zur Welt gebracht, Erri, 37, ist Vater von zwei Töchtern. Der Wochenendtrip, der auf einem Tragflügelboot beginnt, ist nur möglich, weil Erri und Clementina, ganz klassisch, gegenüber ihren Ehepartnern ein paar Lügengeschichten zusammengestrickt haben. Über ihr Vorleben, die bürgerlichen Strukturen, in die sie eingebunden sind, erfahren wir so gut wie gar nichts. Das, was auf der Insel passiert, ist quasi zeitenthoben, fast irreal.

Mit Gefühlspathos aufgeblasene Figuren

Als das Paar auf der Insel ankommt, ist das Hotelzimmer noch nicht fertig. Gegen den Luststau hilft nur der Fick im Wasser, bei dem sie sich an dem von ihnen gemieteten Motorboot festhalten. Am Ende flucht Erri, ganz unromantisch, weil ihm plötzlich kalt geworden ist, dafür geht es dann im Hotelzimmer weiter - mit ambivalenten Gefühlen. Denn die Liebenden haben Angst, ihre Beziehung könne sich weiterentwickeln, zur Belastung werden. Und damit ihre gewohnten Alltagsrituale, das Aufgehobensein in ihren Familien, aushebeln.

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 11:52 Uhr
Ohne Gewähr

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Edoardo Albinati
Ein Ehebruch: Roman

Verlag:
Berlin Verlag
Seiten:
128
Preis:
EUR 20,00
Übersetzt von:
Verena von Koskull

Eigentlich könnte diese Konstellation reizvoll sein: eine Mittelmeerinsel in der Spätsaison, eine hochtourige Affäre, das Ringen zwischen bürgerlicher Sicherheit und dem Wunsch nach Ausbrechen. Doch das Ganze kann nur dann etwas taugen, wenn der Autor tiefer in seine Figuren hineinschaut, anstatt sie mit Gefühlspathos aufzublasen, als wären sie Luftballons. Dazu Monologe, die theatralisch rüberkommen, eine bisweilen fast hilflos wirkende Adjektivschwemme - o Dio! Wer auch immer das Abenteuer einer Affäre plant, wird dieses Buch eher nicht als Reisebegleiter in die Tasche stecken.

Die Literatur ist bekanntlich voll von Ehebrüchen, von den Klassikern (Anna Karenina, Madame Bovary, Effi Briest) bis zu Vicky Baums "Rendezvous in Paris" oder, aktuell, Ulrich Woelks "Der Sommer meiner Mutter", wo es um lesbische Liebe geht. Albinati paart das Thema Ehebruch mit dem Vergänglichkeitsmotiv - alles ist endlich und Glück kaum ohne Traurigkeit zu haben. Gerade weil sich die Liebenden letztlich fremd bleiben, der Sex oft mehr Kampf als Vereinigung ist, lässt sich die Trauer nicht überwinden.

Schön wäre es gewesen, hätte der Autor dieses Motiv weiter verfolgt. So bleibt seine aufgeschäumte Romanze so seicht wie das tiefblaue Wasser am Ufer der Mittelmeerinsel.



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