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06. Oktober 2016, 09:06 Uhr

Franz Doblers neuer Krimi

Wer Classic Rock hört, kann kein Guter sein

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Fallner ist abgestürzt. Sein neuester Fall dreht sich um ein Sexfilm-Sternchen. Dazu läuft alter Punk. Verzweifelt komisch schreibt Franz Dobler in "Ein Schlag ins Gesicht" über die nicht nur gute alte Zeit.

Franz Dobler schreibt über Musik wie kein Zweiter in Deutschland. "The Beast in Me", sein Buch über Johnny Cash, langweilte nicht mit hinlänglich bekannten Details aus dem auserzählten Leben des Mannes, sondern erfasste die Essenz von Country. Ähnlich verhielt es sich mit "Der Bulle im Zug", Doblers erstem Kriminalroman. Sich um Genreregeln nicht scherend, schickte er einen traumatisierten Polizisten auf eine fieberhafte Odyssee im ICE. Eine lange Reise in die Nacht der Seele eines kaputten Cops, und das ganz ohne Küchenpsychologie. Dafür erhielt er 2015 den Deutschen Krimipreis. Der Buchpreis wäre auch okay gegangen.

Robert Fallner nennt Dobler seinen geschlagenen Helden, und in diesem Namen steckt schon der Kern der Figur: Der Gefallene einerseits, andererseits der Fall, den es zu lösen gilt. Dieser Fallner, im ersten Band völlig neben der Spur, steht inzwischen auf dem Abstellgleis. Für die Polizei nicht mehr tragbar, hat er den Dienst quittiert und heuert in der Security-Firma seines hassgeliebten Bruders an. Was sich wie eine weitere Niederlage anfühlt.

Auch in "Ein Schlag ins Gesicht" nähert sich Dobler den Konventionen des Kriminalromans, spielt interessiert mit ihnen, verwirft sie schließlich: "Ich hatte ewig keinen Fall, bei dem so wenig passiert ist, kein Mord, kein Blut. (...…) Aber ich kann mich an kaum einen Fall erinnern, der so mies war", resümiert Fallner am Ende mit Doblerscher Lakonie.

"Unter allen Umständen gelassen bleiben"

Natürlich passiert dann doch ziemlich viel in diesem Roman, aber bevor Fallner seinen ersten Auftrag im neuen Job angeht, wird Silvester gefeiert. Wobei feiern eigentlich das falsche Wort ist. Fallner hockt in seiner Stammkneipe, an seiner Seite der Altpunk Armin, und gemeinsam jammern sie aneinander vorbei: über die Frauen, den Job, Johnny Rotten und die Filme von Michael Mann: "Zwei einsame Männer an einem Tisch mussten unbedingt gelassen bleiben. Zwei einsame Männer an einem Tisch, die bereit waren, sich über Privates zu unterhalten, mussten unter allen Umständen gelassen bleiben und immer wieder dasselbe bestellen."

Männer, die lange durchs Leben gestolpert sind, und nach jedem Hinfallen fällt es ihnen schwerer, sich wieder aufzurappeln. Männer, die rauchen, nicht obwohl es unvernünftig ist, sondern gerade deshalb. Und weil Lino Ventura und Robert Mitchum in den alten Filmen, die Pate standen für ihre Haltung dem Leben gegenüber, auch ständig eine Kippe zwischen den Lippen baumeln hatten.

Später in dieser Nacht wird dann doch noch gefeiert, dank der Aufgeregten Killerbienen, einer Girlgroup, die sich in Bertls Eck verirrt. Erst finden die Girls Gefallen an der Jukebox, dann an Armin und Fallner. Als sein Kater halbwegs verflogen ist, sind schon fast hundert Romanseiten vergangen. Fallner steht noch einen bisschen neben sich, als er an der Tür von Simone Thomas klingelt, einem Sexfilm-Sternchen aus den Siebzigern, das ihre besten Zeiten längst hinter sich, aber einen Stalker an der Backe hat.

Die bald 60-Jährige, Star aus "Die Satansmädels aus Titting", war eine Heldin des Schmuddelkinos - "damals provokative, heute amüsierende Filme" von Regisseuren wie Russ Meyer oder Jess Franco, vor denen sich Dobler in seinem Roman mehrfach verbeugt. Doch die letzten Bahnhofskinos sind längst Kettenrestaurants gewichen, und an Simone Thomas erinnern sich nur ein paar dirty old men. Gelegentlich bekommt sie eine Rolle in einer gesichtslosen TV-Produktion, aber sie hat einen Traum: ein Remake von "Sunset Boulevard", das wäre der Hit.

Wieder eine dieser Doblerschen Doppeldeutigkeiten: Billy Wilders Geschichte einer alternden Hollywooddiva, die von einem Comeback träumt und sich einen jüngeren Liebhaber hält, dreht er lässig auf links. Fallner wird bald in der Boulevardpresse als junger Gespiele Simones gehandelt, auch wenn da nicht wirklich etwas war zwischen ihnen.

Verzweifelt komischer Abgesang auf vergangene Tage

Das Spiel mit Anspielungen und Zitaten beherrscht Dobler virtuos wie sonst nur der irische Autor Ken Bruen. Der wiederum mit "London Boulevard" bereits 2001 seine ganz eigene Version des Wilder-Stoffs ablieferte. Bruen taucht in der imposante 100 Einträge zählenden Quellenliste am Ende von "Ein Schlag ins Gesicht" nicht auf, vielleicht hat Dobler ihn nicht gelesen.

Was letztlich keine Rolle spielt, denn "Sunset Boulevard" ist nur ein Teilchen in Doblers rauschhaftem Referenzenpuzzle, das so eklektisch daherkommt wie die Musikbox in Bertls Eck: Bei Dobler treffen The Clash auf Andrej Tarkowski und Johnny Cash auf Abel Ferrara. Auch an seinen Krimi-Kollegen Friedrich Ani schickt er einen Gruß, für einen Song von oder einen Plausch über Blondie-Sängerin Debbie Harry findet sich sowieso immer Zeit. Und wenn jemand Classic Rock hört, kann man ziemlich sicher sein, dass er nicht auf der Seite der Guten steht.

Auf der Suche nach dem Stalker landet Fallner im Bahnhofsviertel, in einer Kneipe, deren einst legendärer Halbweltwuf nur noch ein fast verhalltes Echo ist. Hier vergilben die Fotos von ehemaligen Berühmtheiten an den Wänden, hier halten sich Männer an Bier und Schnaps und Erinnerungen fest. Und hier hat die Geschichte von Simone Thomas und ihrem Stalker ihren Anfang genommen.

Ihr Ende findet sie - wo sonst? - in einem Museum. Bei der Eröffnung einer Ausstellung über die Siebziger - inklusive Liveauftritt der Killerbienen, am Ende hängt doch irgendwie alles mit allem zusammen - kommt es zum Showdown. Aber da spielt es schon längst keine Rolle mehr, wer eigentlich gut und wer böse ist. Verlorene sind alle in Franz Doblers verzweifelt komischem Abgesang auf vergangene Tage, in denen bestimmt nicht alles besser war, aber vieles aufregender.

In "Der Bulle im Zug" und "Ein Schlag ins Gesicht" hat Dobler eine Sprache entwickelt, die am klassischen US-Hardboiled-Stil geschult ist, aber niemals bloße Imitation bleibt. Sein Sound ist manchmal aggressiv, manchmal zermürbt, aber immer ganz eigen. Und wenn es Löcher in der dünnen Handlung gibt: na und? Die gibt es im Leben auch. Dobler schreibt Kriminalromane wie kein Zweiter in Deutschland.

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