"Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann" Der lange Satz zum kurzen Abschied

Der Schriftsteller Mike McCormack lässt einen Iren am Küchentisch über sein Leben räsonieren - in einem einzigen, mehr als 250 Seiten langen Satz. Das Resultat ist sehr unterhaltsam und erstaunlich lesbar.

Das Städtchen Ballina im County Mayo: Läutet die Glocke zur falschen Zeit?
Getty Images

Das Städtchen Ballina im County Mayo: Läutet die Glocke zur falschen Zeit?

Von


Menschen, die von sich selbst sagen, dass sie nichts Besonderes seien, meinen damit fast immer das Gegenteil. Deshalb sollte man auch dem freundlichen, zum heiter-entspannten Loslabern aufgelegten Romanhelden nicht trauen, der zu Beginn dieses Buchs aus seinem Küchenfenster auf eine ländliche Kleinstadt in der westirischen Provinz Mayo hinausblickt und sich über eine Kirchenglocke beschwert, die womöglich zur falschen Zeit geläutet wird. Der Kerl heißt Marcus Conway, ist nach vielen angeblich ereignisarmen Jahren entschlossen, "Schwellen zu überschreiten, Sachen zu erledigen, Dinge zu prüfen", und verspricht dem Leser nicht weniger als eine "kurze Geschichte der Welt".

Tatsächlich berichtet Conway, der Ich-Erzähler des Buchs "Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann", von den Sensationen, die ihm im Lauf eines knapp fünf Jahrzehnte langen Lebens widerfahren sind. Mit seiner Frau hat er sich entzweit und sie wiedergewonnen, Tochter und Sohn sind erwachsen und ausgezogen. Statt Priester zu werden, wie er es einmal wollte, hat Conway sich zum Bauingenieur ausbilden und von windigen Chefs herumkommandieren lassen.

Preisabfragezeitpunkt:
01.10.2019, 14:51 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Mike McCormack
Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann

Verlag:
Steidl GmbH & Co. OHG
Seiten:
272
Preis:
EUR 24,00
Übersetzt von:
Bernhard Robben

Das Heldenlied, das Marcus Conway anstimmt, ist eine Hymne auf das Leben in der Provinz, auf ein beschädigte, aber liebenswerte Welt, auf das Chaos einer Familie - und der Text dieses Lieds besteht aus einem einzigen Satz. "Solar Bones", so der ungleich elegantere englische Originaltitel des auf Deutsch "Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann" getauften Buchs, ist formal ein halsbrecherisches Experiment.

Der Autor Mike McCormack lässt seinen Helden scheinbar planlos losschwadronieren und gliedert seine Suada allein durch Kommata und mitten im Text platzierte Zeilensprünge. McCormack bedient sich der Technik des Bewusstseinsstroms, die der gleichfalls irische Schriftsteller James Joyce vor knapp einem Jahrhundert im Roman "Ulysses" berühmt gemacht hat. Die größte Überraschung von McCormacks Buch ist, mit welcher Unbeschwertheit und Frische eine scheinbar altmodische (weil längst klassische) und kapriziöse Erzählidee hier exekutiert wird.

McCormack ist 1965 geboren und war bislang außerhalb Irlands weithin unbekannt. "Solar Bones" hat ihm 2016 nicht bloß eine Nominierung für den Man Booker Prize eingebracht, sondern viele Kritikerinnen und Kritiker in der angelsächsischen Literaturwelt praktisch widerspruchslos begeistert.

Autor Mike McCormack
David Levene

Autor Mike McCormack

Zu den Höhepunkten des Buchs gehört der Besuch einer Kunstausstellung, in der die Künstlerin, Marcus Conways 22-jährige Tochter Agnes, Zeitungsberichte über Gerichtsurteile aus ihrer ländlichen Heimat aufgehängt hat. Die Artikel und die Wände des Ausstellungsraums sind mit Stichwörtern aus den Texten bemalt, "ein Schwall roter Schrift". Der Held kapiert schnell, dass seine Tochter mit ihrem eigenen Blut gemalt hat. "Agnes' Blut war jetzt unser gemeinsames Element, das Medium, in dem wir standen und atmeten."

Verhöhnt die junge Künstlerin also die Welt ihrer Eltern, indem sie die dort alltäglichen kriminellen Akte auflistet, "von Diebstahl über häusliche Gewalt bis zu Kindesmisshandlung, Störung der öffentlichen Ordnung, unerlaubtem Weiden auf Privatland, Schlägerei, Einbruch, Trunkenheit am Steuer"? Den Vater von Agnes jedenfalls befällt eine "wimmernde Angst", ein Gefühl von Schuld und Selbsthass. Er sei "ein Provinzler mit Schlips, Kragen und Bauernschädel", habe er an jenem Abend vor der Tür der Galerie gedacht, berichtet Conway, während "der Regen auf mich herunterpisste und nichts als saure Scham mein Innerstes aufwühlte".

Es ist nichts herausragend Spektakuläres an den Außenseiterkomplexen und an dem Generationenkonflikt, die den Held umtreiben. Er ist aufgewachsen in einer von katholischen Moralbegriffen geprägten Gesellschaft und hadert mit seiner libertinären Tochter ebenso wie mit seinem Sohn Darragh, der ein bisschen unentschlossen und zottelbärtig skypend in Australien herumhängt.

Auch die Zeitungsberichte, die Conway auf dem Küchentisch findet, sind keineswegs besonders empörend oder gar historisch bedeutsam. Und doch entsteht aus den Gedankensprüngen des Erzählers, aus seiner Schilderung des Wirtschaftsbooms durch Irlands Eintritt in die Europäische Union, dem Blick auf das Leben der eigenen Eltern, aus seinem Räsonieren über die Finanzkrise von 2008 das Charakterbild eines Zerrissenen. Die längste Zeit seines Lebens war der Held dieses Buchs geplagt von Ängsten, Scham und Verwirrung; nun, an einem grauen Märztag in der Festung seiner Küche, scheint er entschlossen zur Versöhnung mit der eigenen Existenz.

"Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann" ist ein keineswegs irres, sondern komisch-unterhaltsames Sprachkunststück, das der Übersetzer Bernhard Robben bewundernswert lässig ins Deutsche übertragen hat. Das Finale des Romans ist angelegt als Überraschungscoup. Für viele Leserinnen und Leser dürfte es aber bloß die Bestätigung jener Andeutungen und metaphysischen Versprechen sein, die der Schriftsteller McCormack zuvor höchst elegant in seinen langen Satz zum kurzen Abschied des Marcus Conway verwoben hat.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Global88 07.10.2019
1. Hört sich zumidest
spannend an. Wie beschrieben, ist diese Art von Schriftstellerei ja nichts neues, macht aber neugierig auf das Buch...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.