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Literatur Ein Gefühl des Makels

Der autobiogra­fische Debütroman von Sigrid Nunez erschien vor 27 Jahren zum ersten Mal in den USA.
aus DER SPIEGEL 29/2022

Dort wurde die preisgekrönte Schriftstellerin (»Der Freund«, 2018) 1951 geboren, als Tochter eines chinesischpanamaischen Vaters und einer deutschen Mutter. »Eine Feder auf dem Atem Gottes« erzählt vom Aufwachsen in einer New Yorker Sozialbauwohnung der Fünfzigerjahre und von dem Versuch, den eigenen Eltern irgendwie nahezukommen, sie zu verstehen – auch um sich selbst besser zu verstehen. Die Mutter ist eine strenge, starke, unzufriedene Frau. Der Vater ist arbeitsam, aber noch unergründlicher, ein Mann, der in der neuen Heimat nie ganz ankommt: Zeit seines Lebens spricht er, der in Mittelamerika geboren wurde und dessen Familie väterlicherseits aus China stammt, kaum Englisch. Nunez’ fast 30 Jahre alter Roman über die Suche nach der eigenen Identität ist hoch­aktuell. Die Icherzählerin verspürt als Kind ein Gefühl des Makels ob ihrer Herkunft, der sie besonders mit ihrem Vater verbindet: »Gibt es ein chine­sisches Schimpfwort wie ›Mischling‹, und wurde er wie wir damit bezeichnet? Bestimmt hat er sich viele Male im Leben gewünscht, er wäre ganz und gar Chinese. Meine Mutter wünschte, ihre Kinder wären ganz und gar deutsch. Ich wäre gern ein typisch amerikanisches Mädchen mit einem Namen wie Sue Brown gewesen.« Nunez’ lite­rarische Spurensuche, gekonnt von Anette Grube ins Deutsche übertragen, berührt.

ks
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