Schriftsteller über Migration nach Deutschland Sogar sächseln kann er

In seinem Buch »Eine Formalie in Kiew« beschreibt Dmitrij Kapitelman berührend, dass kulturelle Zugehörigkeit eine komplizierte Angelegenheit ist. Und familiäre Zugehörigkeit auch.
In Kiew kommt Dmitrij Kapitelman in Kontakt mit einer verlorenen Heimeligkeit

In Kiew kommt Dmitrij Kapitelman in Kontakt mit einer verlorenen Heimeligkeit

Foto: Artem Hvozdkov / Getty Images

Um deutscher Staatsbürger zu werden, muss Dmitrij Kapitelman jemanden bestechen. »Legal geht es nicht«, schreibt er. Denn legal, so seine Vermutung, kommt in der ukrainischen Bürokratie niemand zu seinem Recht.

Was die ukrainische Bürokratie mit einem deutschen Pass zu schaffen hat? Fragen Sie die deutsche Bürokratie!

Der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman ist ein sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling, geboren 1986 in Kiew, eingeschult, sozialisiert, studiert in Deutschland, »berufstätig, steuerpünktlich, verfassungspatriotisch, stets meine Einkäufe in weniger als sieben Sekunden verstauend.« Seit 25 Jahren lebt er hier, sogar sächseln kann er. Und doch muss er, um die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen zu können, auf Geheiß der Leipziger Ausländerbehörde zunächst mal nach Kiew reisen. Es fehlt ein Dokument, das ein anderes Dokument beglaubigt. 

»Das Schreckgespenst vom faulen Einwanderer: Niemand fürchtet es mehr als der Einwanderer selbst«

Das verstehen Sie nicht? Kapitelman versteht es auch nicht. Aber er unterwirft sich den Bürokratien, der deutschen wie der ukrainischen, und reist in seine Kleinkindvergangenheit. Von dieser Reise erzählt er in seinem neuen Werk, einem Selbstfindungsbuch, in dem er so viel mehr findet als sich selbst. Tiefere Wahrheiten über das Wesen der Migration zum Beispiel. »Das Schreckgespenst vom faulen Einwanderer: Niemand fürchtet es mehr als der Einwanderer selbst.«

Der deutsche Pass als Lebensversicherung

Warum Kapitelman all die Jahre zuvor nicht Deutscher werden wollte und jetzt schon, das erzählt einiges über Deutschland. Kapitelman will den Pass, weil er dann endlich wählen darf, »gegen die Faschisten«, weil er dann in fast alle Länder der Welt reisen kann, ohne Visaantrag. Man könnte sagen: Kapitelman will den Pass, weil er dann einfacher wieder von hier wegkommt. »Wer weiß, wie weit die Faschisten in Deutschland noch von der Macht entfernt sind, liebe Landsleute.«

»Migration hört eigentlich nie auf, auch fünfundzwanzig Jahre später wandere ich noch immer nach Deutschland ein.«

Vor allem aber will Kapitelman nun Deutscher werden, um sich von seinen Eltern abzugrenzen, mit denen er im Streit liegt. »Damals-Mama« in Kiew war glückswillig und die Liebe selbst, Heute-Mutter in Leipzig ist eine selbstgerechte Besserwisserin, die mit Katzen besser klarkommt als mit Menschen. Sie scheint die reine Rationalität zu sein, vielleicht ist sie aber auch einfach nur depressiv, wer weiß das schon. Kapitelman jedenfalls steckt im Loyalitätskonflikt: das alte Heimatland der Eltern dort, sein neues Heimatland hier, dazwischen all die zerbrochenen Träume und unerfüllten Sehnsüchte. »Migration hört eigentlich nie auf«, schreibt Kapitelman, »auch fünfundzwanzig Jahre später wandere ich noch immer nach Deutschland ein.«

Heimat und Herkunft, der Rechtspopulismus in Sachsen, der Krieg in der Ostukraine: Das sind ernste Themen, die Kapitelman verhandelt, ohne sich selbst und die Seinen allzu ernst zu nehmen. Das macht sein Buch so besonders. Kapitelman bricht das weltendeuterische Pathos immer wieder mit privater Ironie. Warum sein Vater nie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat? »Emotionale und jüdische Gründe liegen nahe, aber noch näher liegen Couch und Fernbedienung.« Kapitelman stößt eine Lachluke auf, durch die Licht in die düsteren Debatten unserer Zeit dringt.

Jeder Witz eine Liebkosung

Trotz aller Ironie: Kapitelman zeigt seine Wunde und die seiner Familie, er zeigt die Wunden seiner alten und seiner neuen Heimat, er tut das, was seine Mutter und sein Vater offenbar nie konnten – Schwäche zeigen. In der Ukraine kommt er in Kontakt mit einer verlorenen Heimeligkeit. Sogar die Dielen der alten Familienwohnung knarzen wehleidig. Und so kommt es, dass die Reise zum deutschen Pass, mit der er Distanz zu seinen Eltern erzwingen wollte, am Ende die Familie wieder zusammenführt.

Kulturelle Zugehörigkeit ist eine komplizierte Angelegenheit, familiäre Zugehörigkeit auch – das lehrt dieses Buch. Die Wurzeln reichen oft tiefer als man glaubt.

Kapitelman hat ein zärtliches Buch geschrieben: zärtlich seiner alten Heimat gegenüber und seiner neuen, seinem Vaterland und seiner Muttersprache, seinem Papa und seiner Mama. Ein Buch mit zärtlichem Humor vor allem, jeder Witz eine Liebkosung.

»Eine Formalie in Kiew« ist eine große Eltern-Sohn-Liebesgeschichte, ein Plädoyer für mehr Herz und weniger Formalien. »Nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten«, schreibt Kapitelman und endet mit einer Frage: »Wollen wir wirklich an etwas so Gleichgültigem zugrunde gehen, liebe Landsleute?«

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