"Eine Frau" von Annie Ernaux Plötzlich ist die Tochter der Klassenfeind

Dass Eltern für ihre Kinder schuften, damit diese es besser haben, ist ein bekanntes Motiv. Selten aber wurde es so schnörkellos und zärtlich aufgeschrieben wie in Annie Ernaux' ambivalenter Mutter-Tochter-Geschichte.

Autorin Annie Ernaux hat ein herzzerreißendes Buch über ihre Mutter geschrieben
Simone Padovani/ Getty Images

Autorin Annie Ernaux hat ein herzzerreißendes Buch über ihre Mutter geschrieben


Sie hat ihren Kulturbeutel immer dabei und gerät in Panik, wenn er wieder einmal verschwunden ist. Sie näht Tücher mit schiefen Nähten zusammen. Sie spricht die eigene Tochter mit "Madame" an, gibt sich höflich und weltgewandt. Meist jedoch ist sie voller Wut und Misstrauen. Eine alte Frau, hilflos und dement, so ganz anders als die starke, strahlende Frau, die die Tochter in Erinnerung hat. "Ich wollte nicht, dass sie wieder ein kleines Mädchen wurde, das 'durfte' sie nicht." 1986 ist Annie Ernaux' Mutter gestorben.

Preisabfragezeitpunkt:
25.10.2019, 13:31 Uhr
Ohne Gewähr

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Annie Ernaux
Eine Frau (Bibliothek Suhrkamp)

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
88
Preis:
EUR 18,00
Übersetzt von:
Sonja Finck

Ernaux, eine der wichtigsten Autorinnen Frankreichs, hat ein sehr menschliches, sehr zärtliches und bisweilen herzzerreißendes Porträt ihrer Mutter entworfen. Der kurze Text, nicht einmal 90 Seiten lang, ist eine gelungene Neuübersetzung des in Frankreich bereits 1987 veröffentlichten Werkes. Die Autorin schrieb es kurz nach dem Tod der Mutter. Es ist das Pendant zu Ernaux' gerade erschienenem Buch "Der Platz", in dem sie den Vater porträtiert, der wie seine Frau aus einfachen Verhältnissen stammt, aber anders als sie ohne größere Ambitionen ist. Während sie unbedingt ausbrechen möchte aus dem Milieu ihrer Herkunft, durch das sie sich zeitlebens stigmatisiert fühlt.

Die Mutter, im Titel unspektakulär "Eine Frau" genannt, wird 1906 in einer Kleinstadt in der Normandie geboren, als viertes von sechs Kindern. Ihre Mutter ist Weberin, der Vater, der früh stirbt, Fuhrmann. Mit zwölf geht sie von der Schule ab und arbeitet in einer Margarinefabrik, dann in einer Seilerei. Ihr Traum: ein eigener Lebensmittelladen, den sie später, zusammen mit ihrem Mann, auch verwirklichen kann. Und der sie, eine "hübsche, kräftige Blondine", die impulsiv ist, oft laut herumschreit und lacht, viele Jahre gut ernährt.

Annies Aufstieg führt zum Riss durch die Familie

Damit die Tochter es einmal besser hat, rackert sich die Mutter ab, überschüttet Annie mit Spielsachen, die sie selbst als Kind nicht haben konnte. Und weil für sie zum gefühlten Aufstieg auch Bildung gehört, will sie das unbedingt nachholen. Vincent van Gogh? Kennt sie nicht, woher auch, aber schaut sie im Lexikon nach. Und ihr Französisch soll bitte fehlerfrei sein, ohne den normannischen Dialekt der kleinen Leute.

Die Tochter darf, anders als die Eltern, lernen, geht aufs Gymnasium und rebelliert schließlich gegen die dominante Mutter, die nicht müde wird, Annie klarzumachen, wie gut sie es doch habe. "Manchmal stand ihr in Gestalt ihrer Tochter der Klassenfeind gegenüber", schreibt Ernaux. Als sie an der Uni Geisteswissenschaften studiert, hat das, weiß sie, seinen Preis: Ihre Mutter verkauft von morgens bis abends Kartoffeln und Milch, "damit ich in einer Vorlesung über Platon sitzen konnte".

Später heiratet Annie einen Studenten aus Bordeaux, der aus einem gebildeten Elternhaus stammt. Ein Riss geht durch die Familie, jetzt erst recht. Die ewige, tief sitzende Unsicherheit und Beklemmung der Mutter. Die auch dann nicht aufhört, als sie Großmutter wird und sich voller Elan um die Enkel kümmert.

Annie Ernaux' schmales Buch ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Mutter, sondern auch mit dem explosiven Potenzial sozialer Zugehörigkeit. Der Tochter gelingt die Emanzipation, allerdings nicht ohne Schuldgefühle. Ähnlich beschreibt es der junge Autor Édouard Louis: Auch er hat sich vom Arbeitermilieu seiner Herkunft distanziert. Beide haben Verständnis für die Gelbwesten-Proteste geäußert, zumindest für deren Unmut über die gesellschaftliche Spaltung.

Die französische Autorin, die mit ihrem Buch "Die Jahre" 2017 auch in Deutschland einen Bestseller landete, bezeichnet sich als "Ethnologin ihrer selbst". Die 79-Jährige schreibt autofiktionale Literatur, spielt mit den Protagonisten und Schlüsselszenen ihrer Biografie, eindringlich und unsentimental. Auch das neue Buch ist fast nüchtern im Ton, schnörkellos und dabei frappierend intensiv. Kein Wort zu viel, keine überflüssigen Details, das literarische Extrakt einer Mutter-Tochter-Beziehung. Die für die Tochter immer präsent ist, auch wenn sich beide Frauen längere Zeit nicht sehen, schließlich ist die Mutter "die einzige Frau, die mir ernsthaft etwas bedeutet hat", so Ernaux.

Bevor Annie geboren wurde, hatte die Mutter bereits eine Tochter bekommen. Sie starb als kleines Mädchen an Diphtherie und war fortan eine "kleine Heilige im Himmel", so der Glaube der Familie. 1940 bringt die Mutter Annie zur Welt. Später wird die Tochter das Leben der Mutter nachzeichnen und damit, wie sie schreibt, die Mutter zur Welt bringen. Dieser Glaube an die Magie der Worte - er hat etwas Tröstliches.

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devise-goroncy-eurocom 28.10.2019
1. Schön!
Ein schöner, rührender Artikel. Das Ende vor allem. Danke.
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