Elfriede Jelineks "Gier" Tätlichkeiten zwischen den Lippen

"Gier", der neue Roman von Elfriede Jelinek, ist im Untertitel als "Unterhaltungsroman" gekennzeichnet. Irreführenderweise.

Von Michael Fischer


"Auf dem Land töten die Leute gern", heißt es zu Beginn einmal. Und viel später: "Das Dasein ist eine Verbrechensgeschichte". Was an die frühe Prosa Thomas Bernhards erinnert, sind Sätze aus dem neuestem Roman von Elfriede Jelinek. "Gier" heißt das 465-Seiten-Epos, und der Untertitel verspricht einen "Unterhaltungsroman". Wer je etwas von der Büchnerpreisträgerin gelesen hat, ob die Bestseller-Prosa "Lust" oder zuletzt "Die Kinder der Toten", der wird diesen Hinweis geflissentlich ignorieren oder darin lediglich eines der vielen Jelinekschen Ironiesignale erkennen. Denn der Text ist im herkömmlichen Sinn alles andere als unterhaltsam.

"Gier" ist eine eigenartige Mischung aus pornographischer Erzählung und naturphilosophisch anmutenden Exkursen, aus rätselhaft-pathetischen Bildern und klischeehaften Redewendungen. Dazwischen steckt eine Kriminalgeschichte, auf die der Titel anspielt. In deren Zentrum steht der fesche Gendarm Kurt Janisch, 56, der mit ungeheurer Potenz geschlagen ist. Doch hinter seinen Führerscheinkontrollen unter der Gürtellinie steckt viel mehr als der Drang nach sexueller Befriedigung. Es ist die Gier nach häuslichem Besitz, die den Dorf-Casanova antreibt. Sein Erfolg ist freilich gering. Keine der Damen scheidet dahin und vermacht ihm ein Haus ­ selbst seine langjährige Freundin Gerti denkt nicht ans Sterben. Stattdessen wird eines Tages die Leiche der kaum 16-jährigen Gabi aus dem See gezogen. Und obgleich als Täter nur der Polizist in Frage kommt, steht am Ende des Romans und der 2000 polizeidienlichen Hinweise: "Es war ein Unfall."

Unschuldiges Österreich ­ "Innocente Autriche" hieß der Titel eines bissigen Kommentars zur Lage der Alpenrepublik, den Elfriede Jelinek vor einigen Monaten in der französischen Zeitung "Le Monde" veröffentlichte. Ein Land voller Verbrechen, doch ohne Schuldige: Auch das Romanende muss wohl als bitterer Hohn auf die eigenen Verhältnisse gelesen werden. Was muss das für eine "Heimat" sein, in dem die Verbrechensbekämpfer die Verbrechen begehen? So scharf Elfriede Jelinek seit jeher in ihrer Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen ist, in "Gier" sind die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern nicht mehr so eindeutig. Denn die Frauenfiguren werden eben nicht mehr als bloße Opfer dargestellt. Oft scheinen sie durch ihre Gier nach Aufmerksamkeit selbst Schuld an ihrer Malaise zu sein. Zuweilen sind sie jedoch regelrecht Kombattanten im alltäglichen Daseinskampf. Angefangen beim Küssen, das bei Jelinek zu "Tätlichkeiten zwischen den Lippen" wird, bis zu deren Verweigerungshaltung, dem Provinzmacho die Häuser zu überlassen.

In Bezug auf ihr Schreiben hat die österreichische Autorin einmal von "zwanghafter Ironisierungssucht, eigentlich Assoziationssucht" gesprochen. Genau daraus entsteht auch in "Gier" eine so frappierende wie zugleich merkwürdige Bloßlegung der klischierten Alltagssprache, des Politikerjargons und der Mittel der Werbeindustrie. Die damit zusammenhängende ungewohnte Bildlichkeit ist zwar Methode, vermindert aber auch immer wieder die Lust an der Lektüre. Oft ist all das einfach eine ziemliche Zumutung für den Leser, der doch so gerne wissen möchte, wohin denn diese nächste sprachliche Wendung wieder führt. Womöglich weiß Jelinek das in ihrer Assoziationssucht vielfach selbst nicht. Und vielleicht ist das auch gar nicht möglich. Denn mitten im Roman ist vom Sinn des Sprechens die Rede, der ­ zumindest an dieser Stelle ­ im Utopischen angesiedelt wird: "Sprechen ist, wie auf einer kleinen Insel auf und ab zu gehen. Bald ist es wieder aus, weil man gemerkt hat, daß man durch Sprechen nirgendwohin kommen kann."

Elfriede Jelinek: "Gier. Ein Unterhaltungsroman". Rowohlt, Hamburg; 464 Seiten; 45 Mark.



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