Elie Wiesel im Bundestag 2000  "Ich spreche weder mit Bitterkeit noch mit Hass"

Der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel ist tot. Am 27. Januar 2000 hielt er im Bundestag eine seiner bewegendsten Reden. Einige Auszüge.
Elie Wiesel im Bundestag 2000

Elie Wiesel im Bundestag 2000

Foto: Tim_Brakemeier/ picture-alliance / dpa

Elie Wiesel ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Der Tod des Friedensnobelpreisträgers sorgte weltweit für Bestürzung. Unvergessen ist seine Rede im Bundestag anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 2000. "Seine Äußerungen berührten die Menschen, gleichgültig ließen sie keinen", erinnert sich Bundespräsident Joachim Gauck (lesen Sie hier die Reaktionen auf Wiesels Tod).

Fotostrecke

Elie Wiesel ist tot: Sein Leben in Bildern

Foto: ? Jason Reed / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE dokumentiert Auszüge aus der Rede, die Wiesel mit einem jüdischen Gebet ("Ich danke dir, Gott, dass ich heute hier sein darf") einleitete:

"Vor 60 Jahren wurden er (Wiesel - Anm. d. Redaktion) und seine Gemeinschaft in dieser Metropole und Weltstadt der Isolation, dem Elend, der Verzweiflung und dem Tod überantwortet. Dennoch spricht er heute zu Ihnen als Zeuge, und ich hoffe, Sie glauben mir, dass ich zu Ihnen ohne Hass noch Bitterkeit spreche. Mein ganzes Erwachsenenleben lang habe ich versucht, Worte zu finden, die den Hass bekämpfen, aufspüren, entwaffnen - nicht ihn verbreiten."

"Doch bitte ich Sie zu verstehen, dass, als ich dieses Hohe Haus betrat, ich meine Erinnerungen nicht hinter mir ließ. Ihretwegen sind sie sogar lebhafter denn je. In diesem kurzen Augenblick will ich nichts anderes tun, als mit wenigen Worten an ein beispielloses Geschehen erinnern, das auf Generationen hin auf dem Schicksal Ihres und meines Volkes lasten wird."

"Seit meiner Befreiung am 11. April 1945 habe ich alles gelesen, was ich dazu in die Hand bekommen konnte ... Die Nürnberger Gesetze, die judenfeindlichen Verordnungen, die Kristallnacht, die öffentliche Demütigung stolzer jüdischer Bürger, darunter auch tapferer Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges, die ersten Konzentrationslager, die Euthanasie deutscher Bürger, die Wannsee-Konferenz, auf der die höchsten Beamten des Landes einfach den Wahnsinn hatten, die Gültigkeit, Legalität und Methoden der Vernichtung eines ganzen Volkes zu diskutieren. Und dann natürlich Dachau, Auschwitz, Majdanek, Sobibor - diese Hauptstädte dieses Jahrhunderts. O diese Namen ... Wahrzeichen, Flaggen, schwarze Flaggen, der Welt zur Erinnerung an eine Welt, die damals war."

"Wie konnten intelligente, oft hervorragend gebildete junge Männer aus gutem Hause und mit Diplomen der namhaftesten deutschen Universitäten in der Tasche, die damals zu den angesehensten der Welt zählten, sich so sehr vom Bösen verführen lassen, dass sie ihren Genius, diesen Genius des Bösen, dafür einsetzten, jüdische Männer, Frauen und Kinder zu quälen und zu töten, die sie noch nie gesehen hatten?"

"Mein Volk hatte zahllose Feinde, seitdem es auf der Weltbühne auftrat. Wir erinnern uns ihrer aller. Aber keiner hat uns so tief verwundet wie Hitlerdeutschland. Im Verlauf der Jahrtausende haben wir Diskriminierung, Verfolgung, vielfältige Isolierung erlitten, die Kreuzzüge, die Inquisition, die Pogrome, die verschiedenen Folgen eingefleischten Judenhasses überlebt. Aber der Holocaust ging viel weiter. Ich sage es unter Schmerzen: Kein Volk, keine Ideologie, kein System hat je in so kurzer Zeit ein solches Ausmaß an Brutalität, Leid und Demütigung über ein Volk gebracht wie das Ihrige über das meine."

"Das Urteil, welches das Dritte Reich über uns sprach, war tödlich und unwiderruflich. Die bis ins Kleinste geplante Endlösung war geradezu eschatologisch; ihr Ziel war die Vertilgung auch noch des allerletzten Juden vom Antlitz der Erde. Dieses Ziel stand über allen anderen; so genoss beispielsweise die Deportierung der ungarischen Juden, zu denen ich gehöre, Vorrang vor dem Transport der dringend benötigten Soldaten zur Front."

"Ich weiß, dass nicht alle Deutschen mitmachten, und auch an sie müssen wir denken. An jene, die den Mut hatten, sich gegen die amtliche Rassenideologie zu stellen. Jene, die dem totalitären Naziregime widerstanden. Jene, die es zu stürzen versuchten und mit ihrem Leben dafür bezahlten. Zu Recht ehren Sie ihre Tapferkeit. Nur, leider, waren es wenige. Und die jüdischen Freunden und Nachbarn beistanden, waren noch weniger."

"Ich als Jude spreche natürlich von den jüdischen Opfern, von meinem Volk. Ihre Tragödie war einmalig, aber ich vergesse darüber die anderen Opfer nicht. Wenn ich als Jude von jüdischen Opfern spreche, dann ehre ich auch alle anderen. Ich pflege zu sagen: Waren auch nicht alle Opfer Juden, so waren doch alle Juden Opfer."

"Ihrer zu gedenken, Herr Präsident, Herr Bundeskanzler, Herr Bundestagspräsident, hat dieses Parlament beschlossen, den 27. Januar zum Nationalen Holocaust-Gedenktag zu erheben, und diese Entscheidung macht Ihnen Ehre. Meine Anwesenheit heute soll Ihren Willen bezeugen, die Pforten der Erinnerung zu öffnen - und gemeinsam unsere Überzeugung und Entschlossenheit zu bekunden, dass es höchste Zeit ist, dass Kain aufhört, seinen Bruder Abel zu ermorden."

"Herr Präsident Rau, Sie haben ja vor 14 Tagen mit Auschwitz-Überlebenden gesprochen und einer von ihnen berichtete mir, dass Sie dann das ausgedrückt haben, nämlich etwas, was Sie sehr bewegt hat: Sie haben um Verzeihung gebeten, für das, was das deutsche Volk ihnen, den Opfern, angetan hat. Warum können Sie es nicht hier tun im Geiste dieser feierlichen Gelegenheit? Warum kann es nicht der Bundestag bekannt geben... und sagen, dass Sie das jüdische Volk um Verzeihung bitten, in Deutschlands Namen. Sagen Sie es, tun Sie es, es wird einen außerordentlichen Widerhall in der Welt finden. Tun Sie es und die Bedeutung dieses Tages wird dann eine höhere Dimension gewinnen. Tun Sie es, und die Welt wird wissen, dass das Vertrauen in Deutschland berechtigt ist."

Den vollständigen Redetext in deutscher Sprache finden Sie hier , im englischen Original hier .


Lesen Sie auch ein Interview, das der SPIEGEL 2006 mit Elie Wiesel führte:

70 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz haben ehemalige Häftlinge bei einestages über ihre Erlebnisse berichtet. Auch Elie Wiesel hat seine Geschichte erzählt. Lesen Sie sie hier:

heb
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.