Heidenreichs Spitzentitel »Brutal und zart zugleich«

Die Geschichte des Farmersohns August erzählt von einem harten Leben in einem rauen Land. Und von Liebe, die es hier jedoch schwer hat. »Big Sky Country« von Callan Wink, ein moderner Western - aber einer mit Goldrand.
DER SPIEGEL

Elke Heidenreich

Ich habe diese Woche als Spitzentitel ein Buch für Sie, das liest sich wirklich wie ein Western. Und dann dachte ich, das spielt auch im Wilden Westen, es spielt in Michigan und habe mir das auf der Karte angeguckt. Da ist ganz hoch oben ist im Nordosten, klingt aber trotzdem wie tiefster Wilder Westen und heißt »Big Sky Country«. Es ist von Callan Wink bei Suhrkamp erschienen und es ist ein großer ruhiger, ich würde fast sagen, Entwicklungsroman, also man kann sogar sagen ein Bildungsroman. Weil es handelt von einem jungen Mann. Er heißt August, der hat sehr verschiedenartige Eltern. Als sie noch jung sind und verliebt, geht alles gut. Aber diese Liebe lässt nach. Das Buch setzt ein, als August 12 Jahre alt ist und da ist die Liebe eigentlich schon im Eimer. Der Vater ist Farmer auf einer Farm mit Vieh. Da gibt's viel Arbeit. Da herrscht ein rauer, ruppiger Ton und August hilft ihm. Vater und Sohn verstehen sich gut. Die Mutter hat sich ein ganz anderes Leben vorgestellt. Die ist dann auch mal irgendwann ins alte Farmhaus nebenan gezogen, was den Eltern gehört hatte, liest, beschäftigt sich mit anderen Dingen und ihr gefällt nicht, wie August sich entwickelt.

Der Vater sagt zum Beispiel: »Wir haben hier viel zu viele Katzen, schlagt die tot und für jeden Schwanz, den du mir angenagelt auf ein Brett bringst, kriegst du einen Dollar.« Und August schlägt die Katzen tot. Ziemlich zu Anfang ist das schon und nagelt die Schwänze auf ein Brett. Und man möchte eigentlich gar nicht weiterlesen und denkt: Das ist brutal. Und es ist immer auch ein Unterton von, ich würde nicht sagen von Brutalität, aber von Gewalt, von Gefahr in diesem ganzen Ding, dem Buch. Das hat aber damit zu tun, dass es eben in einer rauen, ruppigen Gegend spielt. Wenn man da zimperlich ist, kann man wahrscheinlich nicht überleben. Wir machen uns aber etwas Sorgen um August.

Und eines Tages beschließt die Mutter, hier wegzugehen. Auch ihm zuliebe. Und sie nimmt eine Stelle als Bibliothekarin in Montana an. Das liegt auch hoch oben im Norden, aber mehr westlich. Und da ziehen sie nun hin und ab und zu telefonieren der wortkarge Sohn und der Vater miteinander, reden nicht viel. Und August fängt auch in Montana wieder an, auf Farmen zu arbeiten. Schwer zu arbeiten. Er ist zuverlässig, er ist still, er spielt Football. Er hat neue Freunde. Er hat auch eine Affäre mit einem Mädchen. Er lernt die Liebe kennen. Er weiß aber nicht so genau, was die Liebe eigentlich ist. Und er denkt dran, was sein Vater ihm mitgegeben hat, auf den Weg, zwei Ratschläge: »Nimm nie einen billigen Rasierer und rasier dich nicht, eh du 20 bist.« Und der zweite hat mit Frauen zu tun: »Eine Frau ist irgendwann dein ausgelagertes Gewissen und deshalb musst du gucken, dass du dir die Richtige aussuchst, sonst bist du ein Schiff ohne Ruder. Vielleicht liegt das Beste am Mann in den Vorstellungen, die seine Frau von ihm hat, was er sein und was er tun könnte, wenn sie ihn nur dazu bringt. Eine gute Frau ist auf Erden vielleicht die einzige Hoffnung auf Rettung für den Mann. Verstehst du?« Nein, das versteht August noch nicht. Und doch entwickelt er sich ganz langsam in eine Richtung, die eigentlich eher seiner Mutter als seinem Vater gefällt, obwohl wir ahnen, dass der Vater auch anders denkt, bei seinem Leben aber nicht anders handeln kann.

Und eines Tages fahren Mutter und Sohn mal zurück nach Michigan, besuchen den Vater und dann ist es wie, und da sind wir wieder im Western, als reitet einer im Sonnenuntergang davon. So fährt August in seinem Auto davon und sieht aber im Rückspiegel Vater und Mutter vertraut beieinandersitzen. Und er weiß: Letztlich lieben die sich auch noch. Sie können nur nicht miteinander leben. Und er muss im Leben seinen Weg auch finden. Und wir ahnen es, er wird aufs College gehen, er wird nicht Farmer. »Big Sky Country« von Callan Wink ist ein wunderschöner Entwicklungsroman. Lang, ruhig, still, wie ein schöner Western mit Goldrand, gut erzählt und ein Buch, das uns das verlorene Amerika, die Leute, die wahrscheinlich Trump gewählt haben, weil sie eine Hoffnung in ihm sahen, ein bisschen näherbringt. Es sind nicht alles Idioten. Sie haben ein hartes Leben und fallen auf Versprechungen ein. Aber August nicht.