Heidenreichs Spitzentitel »Dieses Buch hat mit uns allen zu tun«

Im Roman »Die Kinder hören Pink Floyd« beschreibt Alexander Gorkow eine Kindheit im Deutschland der Siebzigerjahre. Warum Elke Heidenreich das Buch so gelungen findet, erklärt sie im Spitzentitel der Woche.
DER SPIEGEL

Elke Heidenreich

Bei diesem Buch liegen Witz und Trauer, Komik und Entsetzen so nah beieinander, dass man immer zwischen Weinen und Lachen liest. Und man ist hingerissen von dieser präzisen Sprache, von dieser Gabe genau zu beobachten und das zu beschreiben und von diesem sicheren Gefühl für Worthülsen, für wahr und falsch. Wer ist der Autor? Alexander Gorkow. Worum geht es? »Die Kinder hören Pink Floyd« jetzt bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Gorkow ist Journalist, Jahrgang 66, Autor von Romanen »Hotel Laguna«, »Mona« hat mir alles gut gefallen, aber dieses Buch ist mit Sicherheit sein bestes. Er erzählt von seiner Jugend in den Siebzigerjahren, da war er plus minus zehn. Die Familie besteht aus Vater, Mutter, Schwester. Der Vater geht in die Firma und fragt immer die Sekretärin Fräulein Schaarschmidt: »Sind die Faxe aus Cleveland, Ohio, schon angekommen?«. Die Mutter geht in die Parfümerie und kauft ein. Und auf der anderen Straßenseite steht Frau Schwerdtfeger und schreit über die Straße: »Ach, die schöne Frau Gorkow, wieder Parfüm am kaufen. »La dolce vita, was?«. Und dann schreit sie noch: »Haben Sie schon gehört? Frau Hackenbruch hat Krebs. Metastasen. Gar nichts mehr zu machen. Ja, der Herr gibt, der Herr nimmt.« Und es liegt immer nah beieinander, was entsetzlich ist und was komisch ist.

Abends schaut der Vater die Fernsehnachrichten. Das ist in den 70er Jahren noch Gerhard Glaner im ZDF. Und wenn Gerhard Glaner sagt: »Guten Abend, meine Damen und Herren«, sagt der Vater: »Guten Abend, Herr Glaner«. Und wenn dann die Familie im Hintergrund redet, schreit der Vater: »Ich schaue hier Nachrichten, Anneliese. Jetzt habe ich nicht mitgekriegt, was Giscard will. Was will Giscard?«, man lacht sich irgendwie kaputt. Gorkow hat so ein gutes Gefühl für den Witz im Alltag, für das Banale, für hohle Sätze. Und doch ist diese ganze Sache, obwohl sie sehr komisch ist, dieses Buch, von einem Ernst auch in einer Melancholie. Denn es liegt etwas über dieser Familie, die in Düsseldorf wohnt, am Stadtrand, in der Einflugschneise des Flughafens. Die Schwester, nämlich, die ältere Schwester, hat einen Herzfehler von Geburt an und ist immer gefährdet und ist sehr oft im Krankenhaus. Und das liegt alles so ein bisschen als große Sorge über der Familie. Und sie schwärmt für Pink Floyd. Und ihr Bruder ist sechs Jahre jünger, der so zehn, plus minus zehn, und schwärmt natürlich, weil er die Schwester anhimmelt, auch für Pink Floyd.

Und jetzt habe ich mal geguckt, ich habe immer noch meine ganzen alten Pink-Floyd-Platten. Gucken Sie mal: So sah aus »The Dark Side of the Moon«. Und so sieht Gorkows Buch aus. Und da sehen wir diesen wunderbaren Regenbogen wieder. Ich hoffe, Sie können das erkennen und das Licht spiegelt nicht. Das ist genau..., das Buch ist gestaltet nach dieser alten Pink-Floyd-Platte. Und »Pink Floyd«, das waren die mit den verrückten Covers. Das waren die mit »The Wall«, »We don't need no education, just another brick in the wall«. Das hat uns geprägt, das hat was mit uns gemacht. Und das beschreibt auch Gorkow, was das in dieser ganzen spießigen Umgebung in den 70er Jahren mit einem gemacht hat. Manchmal gucken die Kinder im Fernsehen, aber auch Heino und Heino brüllt: »Sie war das allerschönste Kind, dass man in Polen find!«. Und dann sagt der Vater: »Was hören die Kinder da?«. Er hat lieber, wenn die Kinder Pink Floyd hören.

Es ist alles so authentisch und so gut beschrieben. Allein die Namen schon: die Leute heißen »Nietnagel«, »Wäremelsdonk« oder »Horstbräuch«. Dann gibt es das stille Ehepaar Senftleben, in »gedeckten Farben«. Es gibt zwei Onkels in der Familie. Der eine ist »weltläufig«, der andere ist »weniger ergiebig«. Also bei dem sitzt jedes Wort, bei dem Gorkow, jedes Gefühl und am Ende ist er erwachsen und hatte eine glückliche Kindheit. Er vermisst seine Schwester, die gestorben ist und seine Eltern. Und er sieht mit Entsetzen, was aus Roger Waters von Pink Floyd geworden ist: Einer, der er auf die Juden schimpft und der zum Boykott gegen Israel aufruft. Und plötzlich sind wir im Heute angelangt und wir begreifen, was Erinnerungen, was unser Leben, was unsere Idole, unsere Schwärmereien der Jugend, was das alles mit uns macht und was davon bleibt. Auch viele Enttäuschungen natürlich. Irrtümer. Aber das alles hat uns geprägt. Und aus all dem hat Alexander Gorkow einen wunderbar warmen golden funkelnden Roman zusammengesetzt, der sowohl glänzend unterhält als auch tief berührt. Alle Achtung! Wer dieses Buch nicht liest, hat wirklich was verpasst. Denn es hat wahnsinnig viel mit uns allen zu tun.