Heidenreichs Spitzentitel Nazis, alte Freunde und eine verlorene Vergangenheit

Ein Mann geht nach der Wende auf Spurensuche in seiner alten Heimat tief im Osten Deutschlands. Doch dort ist nichts mehr, wie es einmal war - Elke Heidenreich stellt den Roman "Elbwärts" vor.
DER SPIEGEL

"Elbwärts" von Thilo Krause. Bei Hanser erschienen. Ich zeige ja immer gerne die Autoren: Das ist Thilo Krause. Er ist 1977 geboren in Dresden und aufgewachsen ist er wohl, sonst hätte er das nicht so schön beschreiben können, in einem Dorf noch viel weiter östlich von Dresden, im Elbsandsteingebirge, nahe der tschechischen Grenze. Ich vermute mal, dass viel Autobiografisches in diesem Buch ist. Und es ist eine Art Heimatroman, ohne dass das Wort Heimat überhaupt vorkommt. Um was geht es? Es geht um einen jungen Mann, den Ich-Erzähler, der keinen Namen hat. Der kommt von irgendwo, wir wissen nicht, wo er lebt und was er tut, zurück in seine alte Heimat und will sich erinnern, wie das damals in der DDR eigentlich war.

Er war 13, als die Mauer fiel. Und er hatte damals einen Freund Vito, und der ist auch einer der Gründe, weshalb er unbedingt wieder zurückwill. Denn da gibt es noch so ein offenes Schuldgefühl, so eine Art offene Rechnung: Er ist mit Vito immer in diesem Elbsandsteingebirge, in diesen schroffen Felsen, die man hier auch außen sieht, rumgeklettert. Sie haben die waghalsigsten Touren gemacht und einmal ist Vito verunglückt. Es hätte genauso gut er sein können, aber es war Vito. Er hat den blutenden, verletzten Vito auf seinem Rücken bis zurück ins Dorf geschleppt. Er konnte gerettet werden, aber er hat ein Bein verloren. Und es ist so, als ob an diesem Ich-Erzähler die Schuld nagt, dass er daran schuld ist, dass Vito das Bein verloren hat. Was er nicht wirklich ist, er ist eher daran beteiligt, das Vito überhaupt noch lebt. Und er meidet jetzt diesen Vito, weil er Angst hat, was ist aus ihm geworden ist, und wie er auf ihn zu sprechen ist. Aber er ist zurückgekommen in den Ort seiner Kindheit. Nicht ganz. Zwei Kilometer weg davon, oben auf einem Berg mietet er ein ziemlich verschimmeltes vergammeltes Haus. In den Ort selbst traut er sich nicht, und er hat dabei: seine Frau Christina und sein kleines Mädchen, die heißt immer nur die Kleine, schätzungsweise drei, vier Jahre alt. Und denen hat er auch über seine Herkunft gar nicht viel erzählt, sondern nur: "Ich muss dahin zurück. Ich will sehen, wie das alles geworden ist."

Christina arbeitet als Physiotherapeutin, die Kleine ist im Kindergarten, und er wandert jetzt durch diese alte Gegend und guckt, wo bin ich damals mit Vito geklettert? Wo bin ich abgehauen mit Vito, einmal, als wir fliehen wollten und haben in einer Höhle gelebt für zwei Tage. Und er sieht sein altes Elbsandsteingebirge vollgeschmiert mit Naziparolen. Er sieht Glatzen rumwandern mit Schäferhunden an der Leine. Er sieht das alles vollgeschissen ist, überall ist Klopapier. Und er sagt: "Ich komme mir vor, als hätten die Nazis sich in den Vorgarten meiner Kindheit entleert." Nichts ist mehr so, wie es mal war. Er hat einen Freund, Jan, ein Tscheche, der immer mit einem Touristenbus durch die Gegend fährt, und er nimmt ihn mit in den Bus, und er sieht überall, wie sich alles verändert hat, und nicht zum Guten. Er wird von den Nachbarn auch sehr argwöhnisch hinter den Gardinen beäugt. Sie wollen ihn hier nicht haben. Er ist ist ein Weggegangener und Zurückgekommener. Warum? Die Nachbarn sind misstrauisch. Und als Jan ihn dann auch noch besucht, ein Tscheche, den wollen sie erst recht nicht haben. Und als er dann noch Vito aufsucht und Vito ihn auch besucht, da sind sie so eine Art Trio der Verlorenen: der Einbeiniger, ein Zurückgenommener und ein Tscheche. Und die Nachbarn reagieren ganz, ganz unfreundlich. Und dann passiert etwas Gewaltiges: Dann kommt das berühmte damalige Elbhochwasser. Wir erinnern uns alle 2002, Dresden stand unter Wasser. Und die Elbe hatte einen Höchststand wie noch nie in all den Jahrhunderten. Und ganze Dörfer, ganze Landstriche wurden weggeschwemmt. Nichts war mehr wie vorher. Auch Vito, der sich eine Existenz als Schreiner aufgebaut hat und auf seinen Freund überhaupt nicht böse ist, die beiden sind immer noch eng verbunden, verliert seine Schreinerei. Jan, seine Frau, Vito, Christina und das Kind, sie hatte ihn zwischenzeitlich verlassen, weil sie seine obsessive Suche nach der Vergangenheit nicht mehr ertragen konnte, sind jetzt alle drei zu Hause in diesem verschimmelten Haus da oben auf dem Hügel, während unten alles kaputt geht und alles wegschwimmt.

Die Nachbarn sind unfreundlich, wollen sie da oben nicht haben, und sie merken, und vor allem der Ich-Erzähler merkt: "Das ist nicht meine Heimat, das ist nicht mehr das, was ich haben will." Er hat keine Vergangenheit mehr, er hat keine rechte Gegenwart, aber er will wenigstens eine Zukunft haben. Und er zieht mit Christina und dem Kind aus dem Haus wieder aus und lässt fast alles zurück. Jan fährt noch ein Stück mit, und Vito sitzt auch im Auto, ob Vito mit ihm mitfährt oder nicht, das weiß man nicht genau. Ich möchte Ihnen den Schluss vorlesen: "Wir lassen das Haus offen, soll kommen, wer will. Die Hutablage liegt voll mit Taschen und Dingen. Vorne tippt Jan Kurz die Warnblinkanlage an, als wollte er sagen: 'Jetzt ist es an uns oder was noch?' Christina fährt, ich an ihrer Seite, die Kleine hinten auf ihrem Sitz. Wenn einer auf meinem Felsen jetzt säße, dann sähe er zwei Autos hoch ins Gebirge Richtung Grenze fahren. Um die kleine Gesellschaft von Leuten herum alles vollgeladen. Aus dem Kofferraum ragen einige Dinge, auf dem Dach ist ein Tisch umgedreht festgezurrt, auf dem anderen drei Matratzen, alles, was zu retten, alles, was vorzubringen war. Aber mit dem Hochwasser hat das nichts zu tun. Unten im Tal sind die Häuser brüchig geworden. Und in den Straßen ist das alte Land zum Vorschein gekommen. Die Pumpen brummen Tag und Nacht. Auch hier oben ist alles zerstört, selbst dort, wo das Wasser nicht war." Das heißt, seine alte Heimat gibt es nicht mehr. Das ist ein Buch, das sehr spröde und störrisch fast anfängt, sehr kurz, sehr knapp und dann immer poetischer wird. Am Ende hat man ein großes Bild von einem, der sein altes Leben aufgibt, um jetzt endlich ein neues Leben zu finden. "Elbwärts" von Thilo Krause bei Hanser erschienen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.