Heidenreichs Spitzentitel In zwölf Geschichten um die Welt

Fernweh? Reiselust? Bis es wieder so weit ist, könnte dieses Buch über die Zeit hinwegtrösten. David Szalays »Turbulenzen« ist Elke Heidenreichs Spitzentitel der Woche.
DER SPIEGEL

Elke Heidenreich 

Mein letzter Spitzentitel hatte es in sich, das war dieses ganz dicke Ding. »Apeirogon« von Colum McCann, 800 Seiten oder so. Darum habe ich diesmal für Sie ein ganz schmales Buch ausgesucht, was sich ganz leicht weglesen lässt, von David Szalay »Turbulenzen«. Das ist ein Roman, der große Lesefreude macht. David Szalay ist ein junger Kanadier, und er hatte eine fabelhafte Idee. Und vielleicht tröstet uns das alle in Zeiten, in denen wir nicht mehr reisen dürfen und sollen. Denn diese Idee, die er hat... Er erzählt eine Geschichte in zwölf Flügen um die Welt. Gucken Sie mal, wie das Inhaltsverzeichnis aussieht. So sieht das Inhaltsverzeichnis aus. Und das sind alles – wenn Sie das richtig sehen – Kürzel von Flughäfen.

Und die Geschichten, die er dazu erzählt, die gehen dann so: In der ersten Geschichte fliegt eine Mutter von Gatwick in London zurück nach Madrid. Sie hat in London ihren kranken Sohn besucht. Sie lernt im Flugzeug einen Mann aus Dakar kennen, einen Geschäftsmann. Und sie selbst kollabiert in diesem Flugzeug. Sie hat da einen Anfall, und es geht ihr nicht gut. Und dieser Mann aus Dakar hilft ihr. Der fliegt weiter nach Dakar und weiß noch nicht, dass sein Sohn von einem Taxi überfahren wurde. In diesem Taxi sitzt ein Flugkapitän namens Werner. Der fliegt die Cargo-Frachtmaschine der Lufthansa. Und er hat Angst, dass er wegen dieses Unfalls seinen Flug nach São Paulo verpasst. Er kriegt ihn aber noch. In São Paulo trifft er eine Journalistin, mit der er eine Nacht verbringt. Und die muss am nächsten Morgen nach Toronto. Dort will sie ein Interview machen mit einer weltberühmten Schriftstellerin. Diese Schriftstellerin sagt ihr aber, ihre Tochter läge in den Wehen, und sie müsse jetzt sofort, statt dieses Interview zu machen, nach Seattle zu ihrer Tochter fliegen. Und das tut sie dann auch. Und so geht das immer weiter. Das heißt, auf jedem Flug ist irgendein Mensch, der einen anderen Menschen trifft. Und dann wird eine kleine Situation, eine kleine Geschichte von dieser Begegnung erzählt. Und es geht weiter, dann nach Delhi, nach Hongkong, nach Ho-Chi-Minh-Stadt.

Einmal um die ganze Welt und jedes Mal treffen sich Menschen und haben ein Stück etwas miteinander zu tun. Also die Globalisierung von uns allen. Wie wir alle vernetzt sind. Wie wir alle um die Welt fliegen. Und natürlich, kann man in Corona-Zeiten denken, fliegt auch das Virus letztlich mit. So hat es sich wahrscheinlich verbreitet. Und jetzt, wo das alles lahmliegt, überlegen wir: Wie wahnsinnig sind wir für jeden Quatsch, für jeden Kram eigentlich um die Welt geflogen? Ganz am Ende, in der letzten Geschichte – es sind zwölf Geschichten – fliegt eine Frau aus Budapest nach London zu genau dem Mann, von dem die Mutter erst in der ersten Geschichte Abschied genommen hat. Das war ihr Sohn, und es ist der Vater dieser jungen Frau, die von Budapest nach London fliegt. Gibt es eine bessere Idee – die hätte ich so gern gehabt! –, als die Globalisierung der Welt zu verknüpfen in lauter einzelnen Geschichten von Leuten, die um die Welt fliegen. Das können Sie doch jetzt lesen zum Trost, wo sie selbst nicht fliegen dürfen. David Szalay »Turbulenzen«, Turbulenzen in unserem Leben, Turbulenzen in der Literatur. Ein schmales, schönes Buch, damit werden Sie Spaß haben, mit diesem Spitzentitel.