Ellis-Roman "Lunar Park" Vom heulenden Elend gepackt

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: In seinem neuen Buch "Lunar Park" verabschiedet sich der US-Autor Bret Easton Ellis vom Porno- und Splattergenre und entwickelt einen bemerkenswerten Sinn fürs Familiäre. Aber im trauten Heim geschehen beängstigende Dinge.

Von Doris Plöschberger


Der Ort: ein feudaler Celebrity-Haushalt in einer gesichtslos sterilen Vorstadt im amerikanischen Nordosten. Die Szene: Eine aufwändig arrangierte Halloween-Party mit Spinnweben, Plastikskeletten und Friedhof im Garten. Die Gastgeber: der sehr bekannte und sehr umstrittene amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis und seine Frau Jayne Dennis, Ex-Modell und erfolgreiche Schauspielerin.

Neuer Ellis-Roman: Larmoyanz statt Lust

Neuer Ellis-Roman: Larmoyanz statt Lust

Mit der ausgelassenen Party nimmt das Verhängnis seinen Lauf im neuen Roman des sehr bekannten und sehr umstrittenen amerikanischen Schriftstellers Bret Easton Ellis. Und um Missverständnisse erst gar nicht aufkommen zu lassen, teilt er gleich zu Beginn des Buches mit: "Ganz gleich, wie entsetzlich die geschilderten Ereignisse auch erscheinen mögen, eines dürfen Sie nie vergessen, wenn Sie dieses Buch in Händen halten: Alles beruht auf Tatsachen, jedes einzelne Wort ist wahr."

Damit sind wir mittendrin im altbewährten Ellis-Universum. Seit dem ersten Erfolg des Autors (sein Romandebüt "Unter Null" veröffentlichte Ellis 1985 im frühreifen Alter von 21 Jahren) ist es reich bevölkert mit monströsen Gestalten, und zum festen Inventar dieses Universums gehören auch die mit viel Geschick genährten Spekulationen darüber, was denn nun autobiographisch sei an all den Drogen- und Sexgeschichten, und wie sehr der Autor den emotional beschädigten Figuren seiner Romane gleiche.

Neues Lied

Das trickreich inszenierte Spiel mit dem eigenen Lebenslauf macht sich Ellis in "Lunar Park" nun explizit zum Thema. Er knüpft eine Endlosschleife aus Fiktion und Metafiktion: Der Schriftsteller Bret Easton Ellis schreibt über den Schriftsteller Bret Easton Ellis und taucht als Schriftsteller Bret Easton Ellis in der eigenen Geschichte auf. Das ist wie die postmoderne Version von "Ein Hund kam in die Küche..." - das Ende vom Lied ist immer auch sein Anfang. Immerhin, das Lied ist neu. Denn mit "Lunar Park" hat Ellis das Fach gewechselt und sich aus dem Porno-, Splatter- und Snuffgenre verabschiedet. Sogar seine Lektionen in Sachen Lifestyle hat er aufgegeben: Von Armani, Prada und Gucci ist kaum mehr die Rede. Im neuen Roman kleidet sich der Held bevorzugt in Trainingshose und T-Shirt.

Ellis ist angekommen im neuen Jahrtausend. Abgehakt sind die achtziger und neunziger Jahre, und mit ihnen die College Kids, Models und Cover-Boys aus früheren Romanen, allesamt blond, blauäugig und gut gebräunt und an nichts weiter interessiert als an Partys, gefühlstaubem Sex und einem möglichst reichhaltigen Drogensortiment. Sogar Patrick Bateman will Ellis loswerden, den bekanntesten Wallstreet-Yuppie und Heimwerker der Literaturgeschichte, der in "American Psycho" seine Schlagbohrmaschinen und Bolzenschussgeräte erschöpfend an Frauenkörpern zur Anwendung brachte.

"Ich wollte nicht mehr an dieses Buch erinnert werden. Das Buch hatte mich reich und berühmt gemacht, aber ich wollte nie wieder etwas damit zu tun haben", sagt Ellis im neuen Buch. Das ist nachvollziehbar, denn mit Ruhm und Geld kamen auch ein zweifelhafter Ruf und ein massives Drogenproblem, und deshalb ist Bret Easton Ellis, so erzählt Bret Easton Ellis, ordentlich angepisst von der Promi-Szene und total fertig vom Berühmtsein. Also ruft er seine Ex-Freundin Jayne Dennis an, die auch die Mutter seines mittlerweile zwölfjährigen Sohnes Robby ist, und - siehe da: "Sie hörte mir zu. Sie machte mir ein Angebot. Sie reichte mir die Hand. Ich war so erschüttert, dass ich in Tränen ausbrach. Was ich hier bekam, das begriff ich sofort, war etwas ganz seltenes: die zweite Chance bei einem Menschen."

Heulendes Elend

Damit war nun wirklich nicht zu rechnen, mit dem Einzug der Larmoyanz und des verkitschten Gefühls in einen Ellis-Roman. Noch dazu sind es nicht die letzten Tränen, die fließen, denn der Autor ist auf einem richtig üblen Trip. Bald schon verfolgen ihn nicht nur die Figuren aus seinen alten Romanen mit den denkbar finstersten Absichten, auch sein lange verstorbener Vater, dessen Asche der zürnende Filius in ein Bankschließfach sperrte anstatt sie wunschgemäß in den Pazifik zu streuen, terrorisiert den Sohn als Wiedergänger aus dem Totenreich auf phantasiereiche Weise. Kein Wunder, dass den das heulende Elend packt.

Einen Stephen-King-Roman rund um ein Vater-Sohn-Problem hatte Ellis nach eigenem Bekunden schreiben wollen, und auf gar keinen Fall einen Suburbia-Roman, aber die "100 Seiten Scheißsuburbiasatire", die er schreiben musste, weil er sie (wie er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" beteuert) als Hintergrund für die Horrorgeschichte brauchte, sind die einzig lesenswerten Passagen des Romans: Grandios die Sitzungen des Ehepaares Ellis-Dennis bei der Eheberaterin ("die Paartherapie erinnerte mich daran, was für eine entsetzliche Sache Optimismus sein kann"); besser noch die Schilderung einer Dinnerparty bei den Nachbarn, zu deren Einstimmung die beiden Kinder der Gastgeber den versammelten Erwachsenen neu erlernte Yoga-Stellungen vorführen und dabei Kirschkernkissen auf dem Kopf balancieren.

Greinendes Ungeheuer

Bedauerlicherweise fällt die Horrorgeschichte in diesem Roman umso erbärmlicher aus. Weder kann man sie ernst nehmen, noch als Parodie verstehen. Eines der untoten Monster, ein hüfthoher, mit schwarzblond gestreiften Haaren bedeckter "Hügel", der sich auf "unsichtbaren Füßen" bewegt und greinend und quiekend Ellis und seinen Sohn Robby attackiert, erinnert gar frappierend an eine außerirdische Lebensform aus einer frühen Folge von "Raumschiff Enterprise". Furcht und Schrecken wollen sich da beim besten Willen nicht einstellen, selbst wenn der Held beim Anblick des Monsters in aufrichtigem Entsetzen beteuert: "Ein Grauen überlief mich immer wieder. Denn jetzt konnte alles passieren."

Tatsächlich passiert noch so manches, bis der Roman schließlich sein bittersüßes Ende findet, Ellis doch noch sein feuchtes Grab bekommt und die Väter endlich mit ihren Söhnen ausgesöhnt sind. Nur ob der üble Trip des Schriftstellers zu Ende ist, bleibt offen. Das wird sich erst mit dem nächsten Roman zeigen.

"Es gibt nichts Erbärmlicheres als ein Ungeheuer, das ständig bitte, bitte, bitte sagt", erklärt Jayne ihrem Ehemann Bret in einer ihrer Paartherapiesitzungen. Bret Easton Ellis hätte das wissen müssen und bei den richtigen Ungeheuern, jenen der diesseitigen Welt, bleiben sollen. Die muss man zwar auch nicht mögen, aber man kann sich wenigstens davor fürchten.


Bret Easton Ellis: "Lunar Park": Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 457 Seiten, 22,90 Euro



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