Satiriker Elnathan John Pickel im Badezimmerspiegel, extragroß

An der Heimat verzweifeln, sie aber dennoch lieben: Der Nigerianer Elnathan John schreibt bitterböse über seine Landsleute. In Berlin lebt er sicherer - aber auch seine Beziehung zu Deutschland ist ambivalent.

Nigerianerin schießt Selfie: Für Autor John ist das Leben in seinem Herkunftsland bestimmt vom Rackern um Prestige und Statussymbole
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Nigerianerin schießt Selfie: Für Autor John ist das Leben in seinem Herkunftsland bestimmt vom Rackern um Prestige und Statussymbole

Von (Text und Video)


Eigentlich ist Elnathan John auf dem Weg in die Staatsbibliothek, zur Arbeit an seinem nächsten Buch. Aber Berlin erlaube eben, auch mittags eine Pause an der Spree einzulegen, sagt er - und sei es für ein Treffen mit einem Journalisten.

John, Schriftsteller und Satiriker aus Nigeria, hat es zu internationalem Ruhm gebracht. Für die französische Übersetzung seines Romans "Born on a Tuesday" hat er unlängst in der Schweiz den Literaturpreis Prix Les Afriques 2019 erhalten.

Geboren wurde John 1982 in Kaduna, in einer christlichen Familie im mehrheitlich muslimischen Norden von Nigeria. Von dort stammt auch Dantala, Held von "Born on a Tuesday": Dantala ist Muslim, seine Familie bettelarm und er ein Straßenjunge, der nach mehreren Schicksalsschlägen in die Nähe muslimischer Extremisten gerät. Ein Entwicklungsroman, aber in einem Setting, für das Nigeria traurig bekannt ist: radikalislamische Sektierer, Armut, staatliche Willkür und Korruption, Missstände, die in den Nullerjahren die Terrorbestie Boko Haram gebaren. Ihr sind seitdem Zehntausende zum Opfer gefallen.

In Johns zweitem Buch "Be(com)ing Nigerian", das jetzt auf Englisch erschienen ist, geht es wieder um Probleme seines Geburtslandes - allerdings mit ganz anderen Mitteln. Denkt der Autor an seine alte Heimat Nigeria, die er 2016 verließ, kommen ihm im Gespräch kaum freundliche Worte über die Lippen. "Die Nachrichten von dort sind teils zu absurd, da kann Satire nicht mithalten", sagt er.

Versucht hat er es in "Be(com)ing Nigerian" trotzdem: John beschreibt hier die Probleme seines Landes, grotesk vergrößert - "wie in einem Badezimmerspiegel, in dem man jeden Kratzer und jeden Pickel sieht". Das Buch ist ein Antiratgeber. John schreibt darin ironische Vorschriften auf, für das richtige, nigerianische Leben, das tatsächlich zutiefst unmoralisch ist.

Preisabfragezeitpunkt:
22.10.2019, 10:58 Uhr
Ohne Gewähr

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Elnathan John
An einem Dienstag geboren (AfrikAWunderhorn)

Verlag:
Das Wunderhorn
Seiten:
250
Preis:
EUR 24,80

Nigeria, schreibt John etwa, habe einen ganz speziellen Nigerianischen Gott, der höre auf Allah und Gott gleichermaßen. Er muss bei jeder Missetat angerufen werden, von Ehebruch bis betrügerischen Vertragsabschluss. Der Nigerianische Gott heilt auch alles, von HIV bis Tuberkulose. Ausnahme: "Der Nigerianische Gott heilt nicht Korruption. Mache dich nicht über ihn lustig." Es gebe Momente, in denen "die Vernunft aufgehoben ist", etwa bei Wunderheilungen in Kirchen. "'Diese Person wurde taub geboren, jetzt kann sie wieder hören!', heißt es, und dann antwortet der vermeintlich Geheilte auf die Frage 'Was ist das?' sofort korrekt. Oder eine angeblich blinde Person wird sehend gemacht. 'Welche Farbe hat das Taschentuch?', fragt der Pastor. 'Rot', sagt die bis eben blinde Person. Und alle schreien vor Begeisterung."

"Die Leute trennen die Vorstellung von gut und böse völlig von der Idee eines Gottes", sagt John jetzt. Es komme vor, dass Kidnapper nach ihrer Festnahme aussagten, ehe sie loszögen, werde immer gebetet.

Das Buch ist eine Fortsetzung seiner Zeitungskolumnen, mit denen er schon vor Jahren sezierte, was ihm die eigentlich geliebte Heimat verdirbt: die Korruption der politischen Klasse; die Bigotterie der Priester mit ihren Privatjets; die Gleichgültigkeit vieler, wenn öffentliches Geld gestohlen, wenn betrogen, geraubt und entführt wird. Der Grund wurzelt laut John in der Geschichte eines Landes, das lange von einem Militärdiktator beherrscht wurde in der keine Regeln galten:

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Nigeria sei eine "post-shame dystopia", eine Art Horrorvision eines Landes, in dem sich Regelverletzer für gar nichts mehr schämten. Die Lehre aus der Militärdiktatur war: Wer nach den Regeln spielt, studiert, es ehrlich versucht, ist der Dumme.

"Leute, die beim Klauen öffentlicher Mittel erwischt wurden, können Wahlen gewinnen. Soldaten, die gefilmt wurden, wie sie Leute umbringen, gehen straffrei aus." Dabei würden die positiven Werte erodieren. "Wer in so einer Umgebung aufwächst, normalisiert solches Fehlverhalten."

Das führe dazu, dass die meisten Nigerianer in einer "hustle culture" lebten - dem ständigen Rackern, um nicht unterzugehen, in einem Wettlauf um Prestige und Statussymbole. Mit welchem Mittel man ein Ziel erreicht - legal, halblegal, illegal - sei vielen letztlich egal.

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Das ewig kaputte Afrika also? Die Nigerianer als die Schlimmsten und John, der sich davor nach Deutschland rettet? Natürlich ist es so einfach auch wieder nicht.

Tausche Unsicherheit und Stromausfälle gegen Alltagsrassismus

Nach Berlin kam John, weil seine Freundin hier lebt. Er vermisst manches: Lesungen, in denen Leute mitten in der Veranstaltung aufspringen und Fragen in den Saal rufen. Der Markt, gleich hinter seinem Haus in Abuja, mit einem so großen Angebot, dass er im Kühlschrank nichts bevorraten musste. Und die Nächte in Klubs, in denen alle die Hits laut mitsingen können.

Das alles hat er eingetauscht: für ein Stromnetz, das fast nie versagt, für funktionierenden Nahverkehr - aber auch für ein neues Problem: Rassismus.

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Allerdings tue die Stadt auch gut, sagt John. "Berlin hates you", geritzt in die Tür eines Luxuswagens, das habe ihm bei seiner Ankunft vor drei Jahren gefallen. Kurze Hosen anziehen, Tagesfreizeit, die relative Sicherheit. Und das Grün rund um Berlin, Radtouren an der Spree, nach Mecklenburg und in den Grunewald.

Die Frage, ob er über Nigeria schreiben kann, wo er doch so weit weg lebt, regt John ein bisschen auf. Es komme auch in Lesungen vor, dass Besucher zur aktuellen nigerianischen Politik fragen, und dazu, ob er nicht das Boko-Haram-Problem erklären könne: "Sie sehen nicht den Autor, den Intellektuellen. Sie wollen ihren Nigerianer, und wenn der in Deutschland lebt und arbeitet, heißt es wie beim ausländischen Essen: Ist es auch wirklich authentisch?"

Kurz nach dem Gespräch an der Spree über Witz und Abgründe in Nigeria und Deutschland bricht die nigerianische Realität übergroß in Johns Leben ein. Dieses Mal ist sie wirklich gar nicht zum Lachen: Eine nahe Verwandte und ihre Familie seien nachts von Kidnappern überfallen worden, berichtet John per Telefon: "Ihr Mann hat selbst geschossen. Die Gangster zogen weiter zum nächsten Nachbarn, entführten das Kind. Erst durch eine Lösegeldzahlung kam es frei."

John selbst reagierte zunächst mit einer Verwünschungstirade auf Twitter, in der sehr oft die Wörter "Fuck" und "Nigeria" vorkamen; mit gerader Wut also, nicht mit Ironie. Es ist möglich, sich die Gefahr und die schlimmen Dinge, die passieren, mit Satire vom Leib zu halten und auf sie hinzuweisen. Aber eigentlich machen sie natürlich vor allem Angst.

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insgesamt 3 Beiträge
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kloppskalli 22.10.2019
1. ... im Seemannsheim am Michel / Hamburg
in der Kueche des Seemannsheims am Michel / Hamburg habe ich mal eine ehrwuerdige, streng glaeubige Nigerianerin kennengelernt. Die konnte es kaum glauben, dass ich nicht an Gott glaube.. YOU HAVE TO BELIEVE.. das klang wie ein Befehl. Ausserdem wollte sie mich noch mit ihrer Tochter bekannt machen. Sie war sich sicher dass wir heiraten wuerden. o_O :-))
MeckiP 22.10.2019
2.
Ich habe aufgehört zu lesen an der Stelle wo er "klagt", dass er hierzulande seinen Kühlschrank bevorraten muss.
johnnano 22.10.2019
3. Es ist schwer, richtig schwer
Nigeria als Land zu lieben. Dass dieses Land überhaupt funktioniert, ist ein Wunder. Da zu leben, würde jede Vorstellungskraft sprengen. Wollen Sie die Hölle auf Erden sehen, fliegen Sie nach Lagos. Vor ca. 20 Jahren gab es sogar auf der Autobahn ein Werbeplakat der Stadt Lagos "You are entering Lagos" mit einem Totenkopf. Das sagt sogar alles...
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