Irrwitzige Dystopie Emma Braslavsky macht Ernst mit der Zukunft

Ein Bombardement der Bilder und Ideen: In Emma Braslavskys visionärem Roman "Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen" befinden sich zwei Weltrettungsorganisationen im Kampf um Geld und Gunst.
Autorin Emma Braslavsky

Autorin Emma Braslavsky

Foto: Stefan Klüter/ Suhrkamp

In der berühmten Vorrede seiner 1580 erschienenen "Essais" schrieb Michel de Montaigne einst: "Dies hier ist ein aufrichtiges Buch, Leser", um seine Erklärung wenig später mit dem Bekenntnis zu beschließen. "So bin ich selbst, Leser, der einzige Inhalt meines Buches."

Analog dazu könnte es in einer möglichen Vorab-Note zu Emma Braslavskys drittem, soeben erschienenen Roman "Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen" heißen: "Dies ist ein wildes, ungezügeltes und ziemlich pessimistisches Buch! Und der einzige Inhalt meines Buches bist du, Leser! Du, mit deinen Visionen und Albträumen, deiner Angst und deinem Wahnsinn. Und deinem Wunsch, zu überleben in einer Welt, in der das Wünschen nicht mehr hilft!"

Emma Braslavskys irrwitziger, auf seine abgedrehte Weise mitreißender Roman spielt in einer beklemmend ausgemalten Zukunft: In Lublin ist eben der zehnmilliardste Mensch geboren worden, die Vereinten Nationen haben die Rolle des Weltpolizisten übernommen. Der Markt wird beherrscht von zwei sich erbittert bekämpfenden Organisationen mit Namen "Better Plant" und "Life from Zero" - im Überzeugungskrieg um Geldgeber und Anhänger, im Ringen um eine angeblich bessere fairere Welt.

Und mittendrin: die multinationale Tierrechtsorganisation "Animal for Rights", deren Satzung folgend "der Mensch ein böses Tier ist, das es zu bekämpfen gilt". Ein Stoff, so kühn, als hätten Sci-Fi-Größen wie H.P. Lovecraft oder Philip K. Dick auf einer seligen Party mit David Foster Wallace gemeinsame Sache gemacht.

Tatsächlich ersonnen aber hat das Ganze die 1971 in Erfurt geborene Emma Braslavsky. Sie trat bislang mit Büchern wie "Aus dem Sinn" (2007) und "Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik" von 2008 hervor - und heimste dafür ein paar angesehene Preise ein. Das Feuilleton hat ihre schnoddrigen, informationsberstenden Prosagebilde bislang eher achselzuckend goutiert - doch das könnte sich nun ändern.

In ihrem neuen Buch, das rasch einen wilden Drive entwickelt, macht Braslavsky nämlich Ernst. Sie will offenbar alles: den großen Prosa-Umsturz, das ganz große intellektuelle Ding. Das macht ihren Roman neben Thomas Melles schonungsloser Selbstentblößung "Die Welt im Rücken" zur wohl interessantesten Neuerscheinung des Herbstes.

"Ich habe das Ganze wie einen Gegenwartsroman angelegt", sagt die Autorin. "Der Leser soll in eine bekannte Welt einsteigen, die Zukunft soll ihm gar nicht als 'Zukunft' vorkommen. Verstehen Sie den Roman als Umkehrung eines Terroranschlags."

Tatsächlich liest sich Braslavskys fiebrige Prosa genau so - erschreckend heutig. Als verfolge man den Klang erfolgter Explosionen zurück an ihren Ursprung. Jeder fünfte Satz ein Knalleffekt, jedes neue Kapitel ein Anschlag auf die Fantasie. Der Roman als stummes Bombardement der Bilder und Ideen.

Das Paradies taucht aus dem Ozean auf

"Mein Zugang zum Erzählen ist zwar intuitiv. Aber mich treibt immer auch eine Erkenntnissuche", sagt Emma Braslavsky. Genau wie ihre geradezu übererregt wirkenden Figuren, die sie wie angeschlagene Gladiatoren über die Schlachtfelder schickt, in ihrer immer verzweifelteren Suche nach Erkenntnis, Sinn und letzten Haltegriffen.

Da ist der Deutsch-Argentinier Jivan Haffner Fernandez, ein Architekt, der Bunker baut, Anfang 40, Onlinepoker-Maniac und bis zur Halskrause verschuldet, der auf den großen, alles verändernden Auftrag hofft. Ihm gegenüber seine Frau Jo Lewandowski Fridmann, die darauf spekuliert, bei einer der großen Weltrettungsorganisationen in gehobener Stellung andocken zu können. Spekulanten, wohin das Leserauge blickt!

Die Ehe der beiden dümpelt längst unrettbar dahin. Aber an sein Erbe, das ihn schlagartig von allen materiellen Sorgen erlösen könnte, kommt Jivan nur, wenn er seinem alten Herrn endlich den ersehnten Enkel schenkt: Neues Leben für alte Kohle, lautet der Deal. Doch weil Jo gar nicht daran denkt, den menschlichen Brutkasten zu spielen, spitzt sich Jivans Lage immer mehr zu. So bleiben beide gefangen in ihren Selbstentwürfen - und Jivan kämpft mit seiner latent steigenden "Stresshormonkonzentration".

Ganz anders die junge Roana Debenham, Tochter eines potenten spanischen Bauunternehmers, der ihr kurzerhand eine Auszeit verordnet - und sie zum südamerikanischen Vulkan Ojos del Salado schickt, wo sie sich über ihren weiteren Lebensweg klar werden soll. Doch statt den Weg ins Innere ihres Ichs zu erkunden, frönt Roana einem ausschweifenden Lotterleben.

Roanas Geschichte bildet den zweiten Hauptstrang in Braslavskys Roman, der allerdings stark gegen Jivans und Jos Episode abfällt - und erst zum Schluss hin seine Bedeutung für den Ausgang der Geschichte insgesamt erhält. So springt der Plot über 460 Seiten hin und her - getaktet durch eingestreute News aus aller Welt. Geliefert werden diese Meldungen, die eine hohe Realsatiredichte entwickeln, von dem fiktiven Blog "N-Global".

Dabei ist immer wieder von einer jäh aus unterseeischen Tiefen aufgetauchten Insel namens Paradies die Rede, um deren Erdölvorkommen und sonstige Bodenschätze alsbald ein wildes, multinationales Ringen entflammt. Ein bisschen Orwell, ein bisschen Aldous Huxley - und fertig ist neue, unschöne Welt.

Je länger die Geschichte aber andauert, desto offensichtlicher zerfasert der Stoff - und man beginnt um das Romanganze zu bangen. Doch auf den letzten Metern kann Braslavsky ihre wildwuchernde Dystopie vor dem Abschmieren retten.

Denn wir haben es mit einer Autorin zu tun, die bei Größen wie Don DeLillo und Kurt Vonnegut gelernt hat, und die offenbar weiß, was sie tut. "Der Aufbau der Geschichte spielt natürlich auf biblische Texte und große Legenden über die Menschheit und ihre Erlösung an", sagt Emma Braslavsky. Entsprechend lautet die Kernfrage ihres Buches dann: "Kommt der Homo sapiens auch irgendwann in die Zukunft?" Oder macht er sich vorher selbst den Garaus?

So schallt ein lautes, karnevaleskes Lachen durch die vielen Seiten ihres Romanbastards, dessen Botschaft - so die Autorin, indem sie Vonnegut zitiert - lautet: "Humor ist die physiologische Antwort auf Angst!"

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Emma Braslavsky:
Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen

Suhrkamp Verlag; 462 Seiten; 24 Euro.

Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit Tier umzugehen Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit Tier umzugehen