Pubertät und Wahn Charles Mansons Mädchen

Emma Cline beschreibt im Roman "The Girls", wie Charles Manson junge Frauen zum Morden trieb. Der blutige Sommer von 1969 strahlt dabei unheilvoll ins Jetzt.

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Proteindiät und Makrobiotik, Schreitherapie oder Kamasutra - es gibt tausend Wege in die Glückseligkeit. Alle werden im Kalifornien der späten Sechziger ausprobiert.

Die 14-jährige Evie kennt einige von ihnen, zumindest vom Hörensagen. Ihr Vater und ihre Mutter sind seit Kurzem getrennt, und jedes Elternteil strebt jetzt nach dieser Harmonie mit sich selbst, von der jetzt alle reden. Deshalb isst der Vater nur blutige Steaks (Proteine, yeah!), deshalb hat die Mutter ihren Kühlschrank mit faulendem Seetang vollgestellt (Makro, Baby!).

Sexuell probieren die Eltern auch einiges aus. Was genau kann Evie nicht sagen, auf jeden Fall sind die Alten sehr mit sich selbst beschäftigt. Glücklich scheinen sie dabei zwar doch nicht zu werden, aber offenbar sind sie da an einer Sache dran, die für Evie unerreichbar ist: die Vereinigung mit der Welt da draußen, ein Überwinden dieser elenden Einsamkeit. Und sei es nur durch immer neuere, immer teurere Therapien.

Dann findet auch Evie einen Weg aus der Einsamkeit, und sie muss dafür nicht mal Geld ausgeben: Auf ihren taumelnden Streifzügen durch die sonnengeflutete, aufgeputzte, heilslehrenschwangere Langeweile Kaliforniens trifft sie auf drei ältere Mädchen, die den Erwachsenen ein kampfbereites Grinsen zeigen und die verfilzten Haare aus den Gesichtern werfen, während sie im Abfall nach Essbarem suchen.

"The Girls"-Autorin Emma Cline
Megan Cline

"The Girls"-Autorin Emma Cline

Evie folgt ihnen auf die Farm, wo sie mit weiteren jungen Frauen hausen, ein heruntergekommener Ort, an dem ausgeweidete Autos im ungemähten Gras stehen und kleine Jungs in vollgeschissenen Windeln. Alle hier sind ziemlich dreckig. Und, so scheint es, ziemlich glücklich. Eine Familie, irgendwie.

Auf jeden Fall wissen die Mädchen, wo sie ihre Aufmerksamkeit hinlenken können: zu einem mittelalten Mann mit wucherndem Bart, stechendem Blick und schlecht gestimmter Gitarre. Der hat das Leben auf der Farm nach strengen Ritualen organisiert, später wird er seinen Mädchen eine Bluttat neuer Dimension befehlen.

Schauder des Wiedererkennens

Die männliche Hauptfigur dieses Buches ist, unschwer zu erkennen, an Charles Manson angelehnt, jenem Hippiekommunenanführer, der seine Anhängerinnen im August 1969 zu den Morden an dem Model Sharon Tate, dem Supermarktbesitzerehepaar LeBianca sowie an vier weiteren Menschen anstiftete. Mit dem Blut der Opfer wurde damals "PIG" an die Wände geschmiert, in eine Leiche wurde das Wort "WAR" eingeritzt. Zeichen wie aus einem okkulten Horrorfilm, die in Wirklichkeit aber in kein System passen. Codes, die nur Kranke für entschlüsselbar halten.

Ist es ein besonders guter oder ein besonders schlechter Zeitpunkt, Emma Clines Pubertätsroman "The Girls" über die Sommermorde des Jahres 1969 gerade jetzt zu lesen, da Amok und Terror so nah an uns gerückt sind? Einerseits sind die Protagonisten und ihre Taten ganz unterschiedlich, andererseits eint sie dieses Chaos im Kopf, das sie durch Zeichensysteme von brutaler (Un)Logik befrieden wollen.

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Natürlich, die Täter von 2016 sind männlich, ihr kulturellen Hintergründe ganz andere, ihre psychischen Konditionierungen und möglichen Erkrankungen kaum geklärt. Und trotzdem: Ihr Handeln wirkt wie der Versuch, dem diffusen Zustand Pubertät ein Fanal der eigenen Existenz abzuringen. Und diesen Zustand, der vor ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten immer wieder ähnlich daherkommt, bringt die junge kalifornische Schriftstellerin Emma Cline in ihrem Debütroman "The Girls" spektakulär unspektakulär auf den Punkt.

Als bekannt wurde, dass die zuvor durch einige wenige Artikel aufgefallene Autorin ein Buch über die Manson-Morde plant, begann zwischen US-Verlagen ein Bieterstreit. Angeblich hat Cline 2014, damals gerade 24 Jahre alt, für einen Deal über drei Bücher einen Vorschuss von zwei Millionen Dollar bekommen, plus einer stattlichen Summe für die Filmrechte an dem noch nicht veröffentlichten Manson-Buch.

Cline war so schlau, dem Bieter-Spektakel keine Bluttat-Spekulation folgen zu lassen. Ihre Erzählkunst leuchtet vor allem in den Romanteilen auf, in denen sie den Weg zum Massaker vor der Folie eines Coming-of-Age-Romans beschreibt. Die Eltern sind Lügner, die Freunde bleiben dem Mädchen fremd, Evies Alltagsträumereien finden erst einmal keinen Fixpunkt. Und schließlich den falschen. Eben diesen bärtigen Typen im dreckigen Wildlederhemd, das - wie die Protagonistin selbst feststellt -nach totem Schwein riecht.

Der armselige Manson-Wiedergänger, im Roman Russell Hadrick genannt, ist alles andere als eine Leuchte, aber er weiß die Mädchen und ihr Gefühl des Fremdseins in der Welt für sich zu nutzen. An Mansons satanistischem Budenzauber, an seinen bedeutungsschwangeren Folkrocksongs, an der in der Popkultur bis zum Erbrechen abgefeierten Kajalstift-Theatralik zeigt Cline zum Glück wenig Interesse. Stattdessen zeichnet sie rigoros aus der Perspektive der halbwüchsigen Heldin nach, wie es dem Bartschrat gelingt, eine Projektionsfläche für ihr unbestimmtes Sehnen zu liefern, wie er ihre richtungslosen Energien zu einem bösen Kraftstrom zu bündeln versteht.

Eine definitive Antwort, woher dieser Wille zur Destruktion kommt, erhält man in dem Buch nicht. Sind die als Zeichensysteme angelegten Auslöschungstaten von ehedem wie heute, von Los Angeles wie München, "nur" eine fatale Verdichtung verzweifelter, frei schwirrender adoleszenter Energien?

Wenn man bedenkt, wie lange uns nun schon der Sommer 1969 beschäftigt, wird es wohl noch dauern, bis wir eine Ahnung davon bekommen, was im Sommer 2016 passiert ist.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
drtr 29.07.2016
1. Nix Neues
Vielleicht sollte in diesem Zusammenhang doch erwähnt werden, dass A.F.Th. van der Heijden zu diesem Thema schon 2007 das Buch "Het schervengericht. Een transatlantische tragedie" veröffentlicht hat, auf Deutsch erschienen 2010 bei Suhrkamp unter dem Titel "Das Scherbengericht", 1167 Seiten, aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen.
ed_tom_bell 29.07.2016
2. Das Kreuz mit Manson
Mal wirklich nur als Frage und ohne irgendwas unterstellen oder andeuten zu wollen: Ist das da auf Mansons Stirn wirklich ein Hakenkreuz? Oder ist es eine Swastika? Ich hatte bisher auch immer gedacht, dass es ein Hakenkreuz sei, aber gerade fiel mir auf, dass es spiegelverkehrt zu sein scheint. Verdrehtes Foto? Verdrehter Tätowierer? Von Manson selbst vor dem Spiegel tätowiert?
tiefenrausch1968 29.07.2016
3. Unterschied
Also, diese Mädchen jetzt mit den IS-interessierten Attentätern von heute in Verbindung zu bringen ist das Krudeste, was ich seit langem gelesen habe. Die Mädels haben von dem Psychopathen Manson eine Gehirnwäsche bekommen und wurden massiv manipuliert. Die männlichen Attentäter haben eigenmotiviert gehandelt. Das ist schon ein feiner Unterschied. Man sollte nicht immer alles und jedes in den gleichen Topf werfen. Und in der Pubertät waren zwar die Mädchen mit 14 oder 16, aber die meisten der Attentäter sind erwachsen. Im Durchschnitt um die Mitte 20.
artifex-2 29.07.2016
4.
Zitat von ed_tom_bellMal wirklich nur als Frage und ohne irgendwas unterstellen oder andeuten zu wollen: Ist das da auf Mansons Stirn wirklich ein Hakenkreuz? Oder ist es eine Swastika? Ich hatte bisher auch immer gedacht, dass es ein Hakenkreuz sei, aber gerade fiel mir auf, dass es spiegelverkehrt zu sein scheint. Verdrehtes Foto? Verdrehter Tätowierer? Von Manson selbst vor dem Spiegel tätowiert?
Und warum ist das Hakenkreuz auf Manson`s Stirn 1971 verkehrt also ,wie Sie richtig sehen eine Swastika und dann auf jüngeren Aufnahmen plötzlich weg . Nehme an das der Spinner das Symbol nur aufgemalt hatte und dieses auch noch spiegelverkehrt !
go1331 29.07.2016
5. @aritfex-2
Ich denke er hat nur das Kreuz tätowiert und dann je nach Stimmung "geflaggt"..
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