Revolutionsroman "Der Krieg der Armen" Ja, so sind die Empörten

"Er hält sich für erleuchtet. Er ist es": Eric Vuillards mitreißender Roman "Der Krieg der Armen" erzählt vom Revolutionär Thomas Müntzer - und lässt keinen Zweifel, was seine Geschichte uns heute zu sagen hat.
Thomas Müntzer auf einem Kupferstich von Christoffel van Sichem

Thomas Müntzer auf einem Kupferstich von Christoffel van Sichem

akg-images / picture-alliance

Einfach die Geschichte an sich reißen, so macht das der französische Schriftsteller Eric Vuillard seit vielen Jahren. Alte Geschichten neu erzählen, mutmaßen, fantasieren, brutal in die Gegenwart hineindichten. Grandios zum Beispiel, als er vor einigen Jahren den begeisterten Bund der deutschen Industriellen mit Adolf Hitler an den Anfang seines Goncourtpreis-gekrönten Mikro-Romans "Die Tagesordnung" stellte und den Lesern sofort klar wurde: das würde heute ganz genau so funktionieren.

Jetzt hat Vuillard über den Theologen und Revolutionär Thomas Müntzer (1489-1525) geschrieben. Auf 64 Seiten - ein Leben und eine Revolution. Müntzer waren damals die Worte Martin Luthers nicht genug. Worte begriff er als Katapult der Tat. Als Waffen, die er den Bauern mitgeben wollte, damit diese die Welt wirklich verändern. Nicht nur davon lesen und hören.

Unparteiisch? Quatsch!

Eric Vuillard denkt gar nicht daran, die Geschichte seines Helden irgendwie objektiv und sachlich zu erzählen. Müntzer ist sein Mann. Und dass dieser am Ende seinen Kampf und seinen Kopf verloren hat, besagt gar nichts gegen die Richtigkeit seiner Ziele. Krieg den Reichen! Schluss mit der Ungleichheit und er ungleichen Verteilung der Gelder und Güter! Vuillard schreibt: "Ja, Müntzer ist gewalttätig, Müntzer faselt. Er ruft hier und jetzt zum Reich Gottes auf, ein Ausbund an Ungeduld. Ja, so sind die Empörten, eines schönen Tages quellen sie aus dem Kopf der Völker wie die Gespenster aus den Wänden."

Vuillard lässt weg, zweifelt an, erklärt auf der einen Seite, dies und das wisse man eben nicht genau, auf der anderen Seite hört er jede Möwe schweigen da im Wind. Er füllt Lücken mit seinem Willen zur Gegenwärtigkeit der Geschichte und lässt Leerstellen, wo er glaubt, dass bislang von den Deutern der Geschichte gelogen wurde.

Überlyrik und Ultracomic

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Titel: Der Krieg der Armen
Herausgeber: Matthes & Seitz Berlin
Autor: Vuillard, Éric
Seitenzahl: 64
Übersetzt von: Nicola Denis
Für 16,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

29.11.2022 16.02 Uhr

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Vuillards Stil - großartig ins Deutsche übertragen von Nicola Denis - ist eine einzigartige, verstörende Mischung aus neuexpressionistischem Überlyrismus und Comic-Worten: "Er hört die klagende Lerche und spürt in sich eine kalte Träne rinnen. (...) Der Hammer spaltet den Schädel. Der Reiter stürzt, das Pferd stöhnt und scheut. Peng!"

Es ist, als habe Vuillard beschlossen, auf jeder Seite eine möglichst große Zahl an halbverrutschten Bildern und expressiven Merkwürdigkeiten zu platzieren, um die Geschichte in Fahrt zu halten. Eben noch predigt Müntzer in Prag für eine Reform der Kirche, schon schließt er an: "Auweia! Es geht schon wieder los."

Mal albern, mal kindisch, mal altmodisch, meistens sonderbar. Er begleitet Müntzer, wie er auf der Leiter der Empörung und des Wahnsinns immer weiter emporschreitet, und schreibt: "Wenn man nicht wirklich begreift, welche Stufe er nun erklimmt, muss einem der Fanatismus ein Rätsel, ein einziges Gräuel bleiben."

Silbermützchen und Gelbwesten

Vuillard lässt die Leser nicht einen Moment darüber in Zweifel, warum er diese Geschichte heute schreibt. Vuillard ist ein Revolutionär, die historischen Heldenfiguren aus dem Volk, die er von Müntzer emporreißen lässt, finden ihre Entsprechung heute zwischen Gelbwesten und Silbermützchen, Protestierern aus sozialer Not und esoterischen Spinnern. Natürlich ist sein Müntzer kein rationaler Mann. Er ist ein Träumer, ein Verrückter, ein Übertreiber, Herzensredner. "Er redet Unsinn. Er hält sich für erleuchtet. Er ist es."

Müntzer feige? Niemals!

Doch auch wenn sein Müntzer auch ein irrationaler Traumtänzer ist, so ist sein Gegner und der seiner Anhänger doch eindeutig nicht die Wissenschaft, sondern nur die ungerechte Verteilung der Güter auf der Welt. Und dieser Kampf Müntzers ist auch der Kampf des Neuerzählers Vuillard. Seinen Helden nimmt er vor allen Vorwürfen in Schutz. Warum? Weil er es kann. "Unzählige Varianten" seiner "Feigheit" gebe es, erzählt Vuillard, wenn er zu Müntzers angeblich verräterischem, feigem Ende kommt. Und fügt gleich an: "Ich glaube kein Wort davon. Diese verbrecherischen Legenden beugen den Abtrünnigen erst den Kopf, wenn ihnen die Sprache genommen wurde."

Sein Held. Wie er zu Tode kam, weiß nur, wer noch heute fest an seiner Seite steht. Geschichtsfälschung? Eher: Neuerzählung eines parteiischen Romanciers. So endet sie: "Das Martyrium ist eine Falle für alle Unterdrückten, wünschenswert ist nur der Sieg. Ich werde von ihm erzählen."

Eric Vuillard: "Der Krieg der Armen". Deutsch von Nicola Denis; Matthes und Seitz; 64 Seiten; 16 Euro.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Namen der Übersetzerin korrigiert

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