Erinnerungsbuch "Eine Dorfgeschichte" Liebeserklärung an ein Kaff

Provinzbücher dominieren den Buchherbst: Nach Jan Brandt, Peter Kurzeck und Josef Bierbichler widmet sich auch die ehemalige Buchpreis-Gewinnerin Katharina Hacker einem bäuerlich-ländlichen Schauplatz. "Eine Dorfgeschichte" erzählt lakonisch von einer Kindheit im Odenwald.

Frederik war der beste Tote, den sie hatten. Er blieb liegen, bis abends, bis zum Essen, bis seine Mutter ihn rief. Bis sein Vater ihn suchte, bis er ihn fand am Waldrand, "starr geworden vom langen Tod". Mit den anderen Kindern, mit seinem Bruder Simon und seiner Schwester, der namenlosen Ich-Erzählerin in Katharina Hackers autobiografisch gefärbtem Erinnerungsbuch "Eine Dorfgeschichte", spielte der kleine Frederik nichts lieber als Flüchtlingszug. Tote standen auf der Besetzungsliste ganz oben.

Alle Sommer verbrachten die Geschwister auf dem Land, gemeinsam mit ihren Eltern und Großeltern, damals in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren. Sie verbrachten sie in einem bayerischen Dorf namens Breitenbuch, im Odenwald an der Grenze zu Hessen, einer abgelegenen und armen Gegend. Die dunklen Wälder waren reich an Wild und reich an dunklen Erinnerungen, unter den Buschwindröschen lagen Soldatenhelme und Patronenhülsen.

Das magische Weltbild des Kindes

Vor fünf Jahren hat Katharina Hacker einen Bestseller gelandet mit ihrem Roman "Die Habenichtse", für den sie den Deutschen Buchpreis gewann. Nun legt sie ein stilles Büchlein vor, eines, das sich nicht gleich öffnet, eines, das sich bis zum Schluss immer mal wieder verschließt. Es ist so lakonisch, so wortkarg, dass es einen gruseln kann. Es kann einen aber auch trösten. Was vor allem daran liegt, dass sich das magische Weltbild des Kindes in die Erinnerung der Ich-Erzählerin mischt, die inzwischen erwachsen ist, selbst Kinder hat und in Berlin lebt. Nicht alles konnte sie sich als Kind damals erklären, bei weitem nicht, nicht alles kann oder will sie sich im Rückblick erklären, nicht alles ergibt Sinn. Aber was soll's: Aufgehoben fühlte und fühlt sie sich in dieser Welt, so geheimnisvoll und manchmal unheimlich sie auch sein mag in ihrer Erinnerung.

Für die Geschwister war das Dorf das, was man ein Kindheitsparadies nennt, im Dorf waren sie freier als in der Stadt, was besonders deutlich wurde an den Ankunftstagen, an denen sie nicht einmal zum Essen rein kommen mussten, "nur abends zum Schlafen, und dann mussten wir uns nicht waschen, sondern durften wie wir waren ins frisch bezogene Bett". Hach ja. Und doch waren die Geschwister im Dorf ernster als in der Stadt. Ernst genug, um Krieg und Flüchtlingszug und Tod zu spielen.

Präsent war das Grauen vor allem in den Personen der Großeltern. Da gab es die geliebte Großmutter, die sich vor Tieren ekelte, seit ihr ein stinkender Hund auf der Flucht das Leben gerettet hatte, ein Ekel, der so weit ging, dass die Kinder die Tiere des Dorfes in ihrer Gegenwart nicht beim Namen nannten, sondern sie nummerierten: Das Pferd war Geschöpf Nummer 2, der Igel Geschöpf Nummer 19, der Hund Geschöpf Nummer 25. Und da gab es den unberechenbaren Großvater, der schnell aufbrauste, "ohne meine Großmutter aber nicht einmal ein Taschentuch fand", ein leidenschaftlicher Heimwerker, der sein Werkzeug sorgsam behandelte, "mit fast zarten Händen, wie er sie für uns nicht hatte, wie er sie für Großmutter und Mutter nie hatte, für nichts außer Hammer, Nagel, Zange", ein Pingelfritze, der zeitlebens um Kontrolle kämpfte, und war es auch nur die Kontrolle über die Dingwelt, ein gebrochener Mann, der nach dem Krieg seine Eltern, seinen Bruder, seine Freunde gesucht hatte, als die Flüchtlingszüge ankamen bei Frankfurt am Main. Vergeblich.

Schmales Büchlein zwischen gewichtigen Brocken

Neben Hacker haben diesen Herbst einige deutsche Autoren Provinzbücher veröffentlicht: Jan Brandt stand mit "Gegen die Welt" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, Peter Kurzeck mit "Vorabend" auf der Longlist, auch Josef Bierbichler hat für "Mittelreich" hymnische Rezensionen bekommen. Die genannten Titel firmieren als Romane, zum Teil sind es gewichtige Brocken, um die tausend Seiten dick, Hackers Titel hingegen ist ein schmales Büchlein, vergleichsweise schwer einem Genre zuzuordnen. Die Erinnerung ergibt bei ihr keine große Erzählung, sondern zerfällt in Prosaminiaturen, nur lose zusammenhängend. Auf der typografischen Ebene verdeutlicht Hacker das durch kursiv gesetzte, an den Rand gerückte Einschübe, die den Fließtext unterbrechen. Die Erinnerung, das will das wohl sagen, hat ihren eigenen Kopf. Sie meldet sich zu Wort, wie es ihr gefällt.

Die Figuren, die die Erinnerung dabei an die Oberfläche des Bewusstseins spült, will man liebend gerne kennenlernen, und wenn man auf dem Dorf großgeworden ist, in den sechziger, in den siebziger oder vielleicht auch in den achtziger Jahren, dann meint man sie sogar schon ein bisschen zu kennen. Den großen Scholz zum Beispiel, der immer ein ledergebundenes Buch unter dem Arm trug, der immer etwas Besseres sein wollte, ein Flüchtling und von früher her ein Freiherr, der in Wahrheit aber aus dem nahe gelegenen Michelstadt kam und nichts hatte von Haus aus. Oder den Jungen Holger, der wahrscheinlich dumm war, der aber Handstand konnte, und von dem man sich erzählte, dass er schon mit 14 ein Mädchen im Nachbardorf geschwängert habe. Oder den blinden Korbflechter, der auch die Orgel in der Dorfkirche spielte. Oder den Jäger, der eigentlich zu dick war, um auf die Hochsitze zu klettern, und der sich irgendwann im Wald aufhängte. Oder den Hinker, der keinen Schulabschluss schaffte, der aber schon als Junge die Autos und Trecker schneller reparierte als der Vater, der später in einer Kammer unter dem Dach lebte, natürlich ohne Frau - ein geistiger Verwandter von Andreas Maiers Onkel J. aus dem Wetterau-Roman "Das Zimmer".

Das Dorf, in dem diese Figuren lebten und leben, mag arm sein und abgelegen, ein wenig unheimlich auch, aber die Ich-Erzählerin, die jahrelang nicht mehr dort gewesen war, deren Leben anderswo war und ist, will dort begraben sein. Was eine der schönsten Liebeserklärungen ist, die man einem Ort machen kann - jedenfalls dann, wenn man sie so schön lakonisch aufschreibt wie Hacker: "Auf dem Dorffriedhof kann man gut liegen", lässt sie ihre Ich-Erzählerin sagen. "Ich möchte da begraben sein, wenn es so weit ist, man mag dort Tote sein, wenn es nicht anders geht, und die Vorstellung, von einem Regenwurm oder ähnlichem Getier noch etwas weiter, etwa in den Garten von Frau Brenner getragen zu werden, ist weder abschreckend noch abstoßend."

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