Erlebnisbericht "Ein Traum von einem Schiff" Willkommen an Bord, Christoph Maria Herbst!

"Wow, Pelikane!": "Stromberg"-Darsteller Christoph Maria Herbst hat auf dem Fernseh-"Traumschiff" gedreht und ein Buch darüber geschrieben. Darin steht nichts Neues. Aber lustig ist es trotzdem.

Schauspieler und Buch-Autor Christoph Maria Herbst: Eine Art Erlebnisbericht
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Schauspieler und Buch-Autor Christoph Maria Herbst: Eine Art Erlebnisbericht

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Treffen sich zwei Instanzen der Unterhaltungsindustrie - das ist die Grundkonstellation dieses Experiments. Die eine Instanz ist "Das Traumschiff", jene Fernsehserie, die seit 1981 produziert wird und deren Episoden sich seitdem hauptsächlich durch das jeweilige Reiseziel unterscheiden. Die andere ist Christoph Maria Herbst, jener Schauspieler, der als Stromberg berühmt geworden ist.

Begonnen hat alles mit einem Treffen zwischen Herbst und dem "Traumschiff"-Produzenten Wolfgang Rademann, wie man nachlesen kann in Herbsts Buch "Ein Traum von einem Schiff", einer Art Erlebnisbericht von den Dreharbeiten auf dem Traumschiff. Rademann will nämlich, dass Herbst eine Gastrolle dort spielt. Rademann riecht nach Knoblauch und redet von den schönsten Reisezielen während des Drehs. Es wird Bier getrunken, und dann fällt der entscheidende Satz: "Willkommen an Bord!" Und Herbst geht an Bord.

Vor 15 Jahren passierte so etwas schon einmal, ganz ähnlich und doch ganz anders. Damals fragte das renommierte Harper's Magazine den amerikanischen Schriftsteller David Foster Wallace, ob er nicht an einer einwöchigen Karibik-Kreuzfahrt teilnehmen wolle, um darüber zu schreiben. Heraus kam der Reise-Essay "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich", eine brillante Kulturanalyse mit 136 Fußnoten. Detailversessen beobachtete Foster Wallace die Rentner an Bord und fast noch genauer sich selbst, schrieb über Cocktails und Freizeitvergnügen, verstand das Leben an Bord als Mikrokosmos. Damals wurde Foster Wallace' Werk als "Meisterstück der literarischen Reportage" gefeiert.

Ständig redet jemand Dialekt

Um es vorweg zu nehmen - Herbsts Buch ist kein Meisterstück der literarischen Reportage. Es ist stattdessen ein bisschen Selbstironie, gemischt mit Anekdoten über Kollegen und Ereignisse während des Drehs, ein paar treffenden Beschreibungen und ein bisschen Nach-Äfferei. Man hat das Gefühl, dass alles auf dem Traumschiff auch tatsächlich so ist, wie es die Klischees nahe legen: Die Frauen schnattern und schminken sich zu doll, das Wetter ist dort sehr gut, während es in Deutschland sehr schlecht ist, und ständig redet irgendjemand Dialekt: "Samma, wat machst du eijentlisch für 'ne Scheiße."

Hin und wieder versucht sich Herbst auch an ein bisschen Analyse: "Von jeher zeichnen sich die Spieler der Rollen in Soaps - und das 'Traumschiff' ist nichts anderes als eine Soap, wenn auch im kolonialistischen Stil - vor allem dadurch aus, dass sie eben nicht mit dem anderen spielen, sondern ausschließlich mit sich selbst...". Das ist alles nicht weltbewegend, aber unterhaltsam. Und vielleicht hätte es deshalb gar niemand Geeigneteren geben können, um über diese Fernsehserie schreiben zu können. Herbsts Buch ist selbst so etwas wie das Pendant zum Traumschiff in der Literatur - solide Unterhaltung - während Foster Wallace' Werk wie ein Forschungsschiff neue Erkenntnisse zutage gefördert hat.

Der Scherz-Verlag hat das sehr klug aufgefangen, indem er dem Buch den Untertitel "Eine Art Roman" gegeben haben, denn genau das ist es. Das Buch basiert auf Mails, die Herbst während der Drehzeit nach Hause geschickt hat. Die lustigsten und charmantesten Stellen des Buches sind dann auch tatsächlich die, in denen diese Vertrautheit und Direktheit noch herauszulesen ist, wenn das Buch abseits der Allgemeinplätze plötzlich persönlich wird. Ein ganzes Kapitel widmet sich beispielsweise dem Pelikan und beginnt so: "Wow, Pelikane! Hab' heute welche gesehen! Boah, sind die doof." Was folgt, ist eine bösartige Schmähung des Pelikans. "Das ständige Aufditschen der schwimmgehäuteten Füße auf dem Wasser beim Anlaufnehmen klingt bereits wie eine dauerhafte Ovation, die der Spaßvogel sich also quasi selber spendet. Eitel." Mit mehr Liebe zum Detail hätte auch David Foster Wallace den Pelikan nicht entlarven können.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
the_flying_horse, 20.12.2010
1. treffend...
---Zitat--- ...das 'Traumschiff' ist nichts anderes als eine Soap, wenn auch im kolonialistischen Stil ---Zitatende--- Schöne Beschreibung, und so treffend. Passt im weiteren Sinn auch auf das, was es darstellen soll: Kreuzfahrten.
sangundklanglos 20.12.2010
2. Man liebt oder haßt es
Es gibt nur ja oder nein zu solcherlei Reiseform - ich bin mit 18 infiziert worden - damals auf dem Vorgänger Traumschiff - und bin dabei geblieben. Aber die Rituale gerade auf klassischen Linern sind schon manchmal bizarr und gerade das Fernsehteam an Bord paßt sich sehr gut in diesen Kosmos ein. Mit allen Extras und Sonderhappen - aber das macht wohl auch die Entspanntheit ihrer Protagonisten aus. Und sie tun keinem Weh...
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