Erotischer Debütroman Scrabble gegen Sexsucht

Alternder Ich-Erzähler verguckt sich in junges Ding, fühlt sich von ihrer Sexgier aber schnell überfordert - das klingt nach Altherrenliteratur. Geschrieben aber hat den Roman eine Frau, knapp 22 Jahre alt: die Französin Antonia Kerr. Ein rasantes Rollenspiel.

Autorin Kerr: Testosteron statt Tinte
Hannah Assouline/ Opale

Autorin Kerr: Testosteron statt Tinte

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Richard Harris war zeitlebens ein Sexmaniac. 33 Jahre lang war er mit Evelyn zusammen, 33 Jahre lang war er in sie verliebt, 33 Jahre lang ist er ihr immer wieder fremdgegangen - ohne schlechtes Gewissen meist, "weil ich es als Ausdruck der männlichen Natur angesehen hatte, und man mich daher auch nicht dafür verantwortlich machen konnte".

Doch dann verlässt ihn seine Beinahe-Ehefrau Evelyn für einen anderen. Harris, 59 Jahre alt und bislang Börsenmakler in New York, zieht sich zurück in den Vorruhestand und lässt sich von der edlen Seniorenresidenz Espadon in Florida anwerben. Das Durchschnittsalter dort ist 77, weshalb ihm die reifen Mitbewohnerinnen den Hof machen. Vergeblich natürlich. Harris verzehrt sich nach einem "Küken, das noch nicht geschlüpft ist, einer Schönheit, die sich kontinuierlich entfalten würde": der Bahamo-Kubanerin Zoë, 22 Jahre alt, am Tisch wie im Bett mit einem "Kojotenhunger" gesegnet. Harris bricht mit ihr zu einem Roadtrip auf, quer durch die USA, und es dauert nicht lange, da bespringt Zoë ihn, so heftig, dass er, der Sexmaniac von einst, sich überfordert fühlt. Nur mit Scrabble kann er ihre Sexgier ab und an besänftigen.

Testosteron statt Tinte

Die Konstellation ist altbekannt, aus der Literatur und dem Film vielleicht noch mehr als aus der Realität, und so erinnert der Roman "Blumen für Zoë", erzählt aus der Perspektive des alternden Schwerenöters Harris, ein wenig an die Geschichten alter, meist US-amerikanischer Schwerenöter, an Philip Roth, Woody Allen, Ernest Hemingway, Vladimir Nabokov. Passagenweise scheint der Text mit Testosteron statt mit Tinte geschrieben, so dass man leicht vergessen kann, dass die Autorin eine Frau ist und Französin und erst 22 Jahre alt. "Blumen für Zoë" ist das Debüt von Antonia Kerr, ein rasantes Rollenspiel in Romanform. Keine große Literatur zwar, aber als Strand-, Park- oder Zuglektüre allemal besser als die realen Bettgeschichten der bunten Blätter. Zumal man sich mit dem hübschen Cover von Julie August in der Hand sicher nicht schämen muss.

Erschienen ist "Blumen für Zoë" in einer sogenannten Aktion des Verlags Klaus Wagenbach: eine Reihe von thematisch verwandten Backlist-Titeln sollen sich durch geschickte Bündelung und ein einheitliches Layout von alleine verkaufen - "Klassiker in neuen Hosen", wie die Lektorin und Pressesprecherin Annette Wassermann sagt. Mit dabei sind mehr oder weniger erotische Titel wie Joseph Kessels "Belle de Jour", Pier Paolo Pasolinis "Amado mio" und Françoise Sagans "Lieben Sie Brahms?".

Dieser Klassiker-Reihe soll Kerrs kleiner Debütroman einen frischen Pfiff geben - und das gelingt ihm ganz gut.

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insgesamt 16 Beiträge
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colonius2, 09.05.2011
1. Von wem stammt der deutsche Text?
Hat Tobias Becker den Roman auf Französisch gelesen? Wahrscheinlich nicht. Warum verschweigt er dann, dass der deutsche Text - einschließlich der "mit Testosteron geschriebenen Passagen" - von Jutta Schiborr stammt? ÜbersetzerInnen sind Urheber und haben ein Anrecht darauf, namentlich genannt zu werden. Wieso geht das so vielen Rezensenten nicht in den Kopf?
multiplexer, 09.05.2011
2. Well...
Zitat von colonius2Hat Tobias Becker den Roman auf Französisch gelesen? Wahrscheinlich nicht. Warum verschweigt er dann, dass der deutsche Text - einschließlich der "mit Testosteron geschriebenen Passagen" - von Jutta Schiborr stammt? ÜbersetzerInnen sind Urheber und haben ein Anrecht darauf, namentlich genannt zu werden. Wieso geht das so vielen Rezensenten nicht in den Kopf?
Urheber in welchem Sinne? Uns Leser interessiert in erster Linie der Autor, Sorry. Addendum: Ich lese englische und französische Texte jeweils im Original.
tobias_becker 09.05.2011
3. Infoanhang
Ihr Hinweis auf die Bedeutung der Übersetzer ist ja völlig berechtigt, allein: Es gibt hier keinen Anlass für Kritik. Der Übersetzer wird bei allen Rezensionen auf Spiegel Online standardmäßig im Infoanhang genannt, neben anderen Standardangaben wie Verlag, Seitenzahl, Preis. Natürlich auch hier. Verschwiegen habe ich Jutta Schiborr also keineswegs ...
shalom-71 09.05.2011
4. Welche Sprachversion die beste?
Zitat von colonius2Hat Tobias Becker den Roman auf Französisch gelesen? Wahrscheinlich nicht. Warum verschweigt er dann, dass der deutsche Text - einschließlich der "mit Testosteron geschriebenen Passagen" - von Jutta Schiborr stammt? ÜbersetzerInnen sind Urheber und haben ein Anrecht darauf, namentlich genannt zu werden. Wieso geht das so vielen Rezensenten nicht in den Kopf?
In welchen Sprachen/Übersetzungen gibt es den Roman bisher? Kann jemand, der ihn in verschiedenen Sprachen gelesen hat, uns wissen lassen, welche Version ihm/ihr am besten gefällt?
Solear 09.05.2011
5. Naja...
Zitat von tobias_beckerIhr Hinweis auf die Bedeutung der Übersetzer ist ja völlig berechtigt, allein: Es gibt hier keinen Anlass für Kritik. Der Übersetzer wird bei allen Rezensionen auf Spiegel Online standardmäßig im Infoanhang genannt, neben anderen Standardangaben wie Verlag, Seitenzahl, Preis. Natürlich auch hier. Verschwiegen habe ich Jutta Schiborr also keineswegs ...
Infoanhang? Das ist die Shopseite zum bestellen des Buches...
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