Erste Lesung von Christian Kracht Er schnauft! Bei Hitler!

Noah Ben-Shalom

Aus Zürich berichtet

2. Teil: Die eigentlich spannende Frage des Abends


Das war ja die eigentlich spannende Frage des Abends: Würde Kracht etwas sagen über die Debatte um seine Person und sein Werk und was beides möglicherweise miteinander zu tun haben könnte? Und wenn er schon nichts sagen wollen würde, würde er vielleicht nur mit einem Lendenschurz bekleidet auftreten wie sein Held Engelhardt, oder wenigstens mit einem aufgeklebten Hitler-Bärtchen als stummer Kommentar zur Kracht-Debatte?

Er tat das selbstverständlich nicht, denn Christian Kracht ist kein Clown, sondern der im Moment aufsehenerregendste deutschsprachige Schriftsteller, und er ist auch kein Idiot, darum sagte er zur Diskussion um seine Person: kein Wort. Auch sonst sagte er sehr wenig, was nicht wortgleich in seinem Roman zu lesen wäre.

"Guten Abend, ich lese Ihnen heute aus 'Imperium' vor", sprach Kracht, nachdem er endlich die Bühne betreten hatte, anders als auf den meisten Bildern seiner Person heute unrasiert zu betrachten (Fotografieren war übrigens verboten), seinen blauen Mantel legte er gar nicht erst ab, wischte sich etwas linkisch eine von links nach rechts fallende blonde Haarsträhne aus der Stirn, setzte sich eine Brille auf, deren Gestell im Scheinwerferlicht rötlich schimmerte, und begann mit leicht belegter Stimme, sich anfangs mehrmals räuspernd, aus seinem Roman vorzulesen, beginnend mit dem allerersten Satz, der ja weithin bekannt ist, weil er - man kann jetzt schon sagen: traditionell - praktisch jeder Rezension von "Imperium" vorangestellt ist: "Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein lang gedehntes Tuten zu hören…" und so weiter, wobei er, es mag die Aufregung gewesen sein, diesen ersten Satz verstolperte, wie auch einige weitere. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, Christian Kracht lese einen ihm unbekannten Text vor und müsse nun freihand unterwegs die richtige Betonung erahnen, was ihm erstaunlicherweise mehrmals vollkommen misslang.

Marke Salem

Kracht las mit ruhiger, gleichförmiger, wäre der Abend und die Debatte und Kracht selbst nicht so unglaublich aufregend, könnte man sagen: einschläfernder Stimme, nur an zwei Stellen vielleicht konnte man sich einbilden, eine Gefühlsregung wahrzunehmen. Einmal gleich am Anfang, da ging es um den berüchtigten Vergleich Engelhardts mit dem anderen deutschen Vegetarier Hitler, da schien Kracht etwas vernehmlich einzuschnaufen beim Lesen. Und ebenso schnaufte er, als er seinen Erzähler später eine Queen Emma genannte Dame dem Engelhardt eine eigentlich völlig wertlose Insel zum Verkauf anpreisen ließ, die Dame berichtet Engelhardt von einem Kokosnuss-Hochzeitsritual.

Es konnte sich bei diesen Beobachtungen allerdings auch um Einbildung handeln, denn da sonst nur wenig geschah, musste man sich auf kleinste Kleinigkeiten konzentrieren. Als im Roman eisgekühltes Bier von einem deutschen Dampfer an Land gebracht wird, kratzte sich Christian Kracht am Kopf, kurz darauf zündete er sich eine Zigarette an, Marke Salem, gleich dem Internat, das er in seiner Jugend besucht hatte, der Rauch stand über ihm, dann wieder ein nicht vorgelesener Satz: "Ich springe jetzt etwas vor zu Kapitel drei."

Als Engelhardt im Roman nicht dem Deutschen Club beitreten will, streifte sich Christian Kracht seinen Mantel ab, ließ ihn hinter sich zu Boden gleiten und gab so den Blick frei auf ein braunes Jackett, dessen Farbe schön mit dem Bart des Schriftstellers korrespondierte. Darunter trug Christian Kracht ein hellblaues Hemd und eine schmale, dunkel gemusterte Krawatte, und man hätte gerne gewusst, ob er auch Sockenhalter trug, so wie damals, als er in den Neunzigern Heidelberg besuchte, und in seinem Kreis alle Sockenhalter trugen (oder tragen mussten, wollten sie dazu gehören), denn Thomas Mann hatte ja auch Sockenhalter getragen.

Je länger Christian Kracht las, desto älter erschien er, ist er doch erst 45 Jahre alt, aber auf der Bühne saß ein älterer Herr, eigentlich aus der Zeit gefallen, man konnte ihn sich gut vorstellen mit einem Tropenhelm auf dem Kopf und einem Schmetterlingsnetz in der Hand, auf Exkursion in fernen Ländern, während man seiner gleichförmig plätschernden Stimme lauschte, einzig unterbrochen vom gelegentlichen Gelächter des Zürcher Publikums, verlässlich einsetzend immer dann, wenn von hässlichen, rotgesichtigen, dickbäuchigen Deutschen die Rede war, das kam gut an. Mit dem letzten Satz des vierten Kapitels endete die Lesung, Christian Kracht erhob sich, verbeugte sich unter Applaus, hob die Hand und schien leicht ins Publikum zu winken, und verließ die Bühne ohne weitere Worte zu verlieren.

Rechtsradikales Gedankengut, soviel kann hier festgehalten werden, wurde nicht vorgetragen, was schon daran liegen mag, dass solches in "Imperium" eigentlich nicht zu finden ist. Ist Christian Kracht nun ein Rechter, ein von deutschen Kriegen faszinierter Brauner? Keine Klärung. Später, an der Bar, präsentiert ein aus Deutschland stammender Gesundheitsökonom stolz die Widmung, die Kracht in seinen Band geschrieben hat. Der Besucher habe Kracht gebeten, Ort und Datum der Lesung zu vermerken, und der Schriftsteller habe kurz gezögert, und dann hat er geschrieben: "Zürich, 7. 3. 1907" Aufgemerkt! Das könnte etwas bedeuten! Aber wahrscheinlich tut es das nicht.



insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Anubicore 08.03.2012
1. Sorry,
aber war es wirklich notwendig das sich der Autor des Artikels ueber 2 Seiten sich ueber belanglose Details auslaesst? Ueberschrift und Inhalt des Artikels hatten so gut wie gar nichts miteinander zu tun. Naechstes Mal bitte kuerzen und den Leser nicht mit so viel unnuetzem Geschwafel aufhalten!
melvin weaver 08.03.2012
2. ...
Zitat von sysopHanan ElsteinAlle reden über ihn, jetzt sprach er: In Zürich las Christian Kracht aus seinem umstrittenen Roman "Imperium" vor. Würde er bei der Weltpremiere etwas sagen zu dem Vorwurf, ein Rechter zu sein? Das Publikum deutete gespannt jede Regung des Autors - und lachte schließlich über hässliche Deutsche. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,820045,00.html
Netter Versuch, Krachts "Imperium"-Stil am Anfang des Textes zu imitieren - was leider reichlich ungelenk klingt und dazu beiträgt Krachts sprachliche Könnerschaft noch ein wenig höher einzuschätzen, die Eleganz dieser perfekt durchkomponierten Sätze. Ihre Parodie darauf, Herr Kuzmany, ist leider ziemlich missraten, aber immer noch das unterhaltsamste an diesem Artikel, den sie sicherlich schreiben mussten (man fährt ja nicht umsonst nach Zürich): Aber was für eine Information, was für eine Botschaft soll er transportieren, ihr Artikel? Das Lesungen meistens langweilig und belanglos sind? Das Kracht wohl doch nicht zu ironischen Zwecken eine Uniform getragen hat? Das die Debatte unnötig (oder so ähnlich) ist? Mir wäre es lieber, der SPIEGEL würde, anstatt solche Nullinformationen zu veröffentlichen, sich einmal um ein ausführliches Interview mit dem Herrn Kracht bemühen und ihm ein wenig auf den Zahn fühlen, oder besser noch, die Herren Diez und Kracht aufeinandertreffen lassen - dann würde die Sache vielleicht nochmal interessant werden. Wenn nicht, rate ich, das Thema bleiben zu lassen, es gibt zuviele großartige Bücher da draußen, die ein wenig Aufmerksamkeit verdient hätten...
Steinwald 08.03.2012
3. Genau
Zitat von Anubicoreaber war es wirklich notwendig das sich der Autor des Artikels ueber 2 Seiten sich ueber belanglose Details auslaesst? Ueberschrift und Inhalt des Artikels hatten so gut wie gar nichts miteinander zu tun. Naechstes Mal bitte kuerzen und den Leser nicht mit so viel unnuetzem Geschwafel aufhalten!
Genau DAS habe ich mir soeben auch gedacht, nach gerade mal der ersten Seite dieses aufgeblähten Nichts an Text hab ich gedacht,k ich schau mal, obs anderen Lesern auch so geht Und siehe da, ja. Völlig selbstverliebtes Geschwafel dieses Kutmans schon wieder. Schlimm, diese verhinderten Schriftsteller.
panzerknacker51, 08.03.2012
4. Debatte im Printmedium
Zitat von sysopHanan ElsteinAlle reden über ihn, jetzt sprach er: In Zürich las Christian Kracht aus seinem umstrittenen Roman "Imperium" vor. Würde er bei der Weltpremiere etwas sagen zu dem Vorwurf, ein Rechter zu sein? Das Publikum deutete gespannt jede Regung des Autors - und lachte schließlich über hässliche Deutsche. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,820045,00.html
Bei der ganzen Debatte denke ich gerade an den Beitrag von Herrn Diez in SPIEGEL Nr.9 von letzter Woche. Da wird um die vermeintliche Rechts-Nähe der Herren Kracht und Woodard mal zurück- dann wieder vorwärtsgerudert. Mir kommt bei diesem doch sehr akademischen Disput ein ganz anderer Gedanke. Wenn ich mir die Bilder der Beiden so anschaue, würde ich die Herren weder links noch rechts, sondern eher in einer Geisterbahn verorten.
huberwin 08.03.2012
5. Auch entlarvend
..Rechtsradikales Gedankengut wurde nicht vorgetragen, das ist aber in Imperium auch nicht enthalten.... so stehts oben im Artikel...aber vorher dauernd Artikel bringen wonach es sich um rechtsradikales Gedankengut handelt, schon erbärmlich. Und wenn man denn schon keines findet, dann schwebt es laut Dietz ja zwischen den Zeilen, aber da war auch nichts davon zu spühren während der Lesung...deshalb wohl 2 mal gehaucht? Doch, da war was braunes...er trug einen braunen Anzug und der korrespondierte mit seinen Haaren...wow, braune Gesinnung zur Schau gestellt! Also Bürger passt auf....braun kommt immer zwischen den Zeilen und ganz versteckt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.