Erzählband Die überlegene Fortpflanzung der Fledermäuse

Eine Biologin auf der Jagd nach Spermien, ein Versicherungsvertreter in der tödlichen Meeresströmung, ein Fresssüchtiger, der mit einem Kran aus dem Fenster gehoben werden muss: Ulrike Draesner schreibt in "Richtig liegen" über Menschen, die alle Grenzen übertreten.

Schriftstellerin Ulrike Draesner: Die interessantesten Paare bestehen aus Geschichten
Jürgen Bauer

Schriftstellerin Ulrike Draesner: Die interessantesten Paare bestehen aus Geschichten

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Ganz sicher kann man das bei Romanfiguren natürlich nie sagen - schließlich weiß man über sie immer nur genau das, was der Autor über sie geschrieben hat -, aber vieles spricht dafür, dass Ed nie weniger vom Ausdauersport getrennt hat als diese 93 Seiten. Zum Beispiel, dass er am Ende der Beziehung zu Birte mit einem Kran aus dem Fenster gehoben werden muss. Oder dass Birte ihn manchmal mit einer Nadel durch die Fettschicht pikst, um zu testen, ob er das überhaupt fühlt. Oder dass Birtes Eltern bei den letzten Besuchen (also als Ed auch noch ohne Kran die Wohnung verlassen konnte) lieber nur Salat ohne Dressing serviert haben.

Nur 93 Seiten (und eine ganze Welt) weiter dann aber dies: eine namenlose Läuferin, längst süchtig nach Sport, nach Kontrolle, nach Rekorden. Sie läuft erst der Straßenbahn nach, dann Runden im Stadtpark und schließlich auf einem Laufband in einem video-überwachten Glaskubus. Erst 24 Stunden ohne Pause. Dann eine Woche ohne Pause.

Verwandlung von einem unterhaltsamen zu einem erschreckenden Buch

Die Geschichten von Ed und der Läuferin sind nur 2 von 17 Geschichten aus Ulrike Draesners Erzählband "Richtig liegen". Sie wären auch jede für sich schon gut, aber als Paar gelesen erzählen sie plötzlich noch eine ganz neue Geschichte über die lieblose Distanz zum eigenen Körper gegenüber und die zahlreichen Möglichkeiten, um die Grenzen weit zu überdehnen, die uns dieser Körper eigentlich setzt. Jede für sich gelesen sind die Geschichten in diesem Buch unterhaltsam, aber im Zusammenspiel der Geschichten verwandelt sich dieses Buch von einem unterhaltsamen zu einem erschreckenden.

Nahezu mühelos übertreten die Figuren in diesem Buch Grenzen, die bis eben noch als natürlich galten. Da ist die Biologin, der die menschliche Fortpflanzung im Vergleich zu den Fledermäusen rückständig erscheint, und die sich deshalb erst operieren lässt und dann von Bett zu Bett hetzt, um vielversprechende Spermien zu sammeln. Da ist der Versicherungsvertreter, der sich plötzlich der Gefahr aussetzt, vor der er die anzuwerbenden Kunden sonst warnt und plötzlich mitten in der lebensgefährlichen Meeresströmung steht, während die Frau, die er liebt, mit ihrem Freund am Strand sitzt. Und nur ein paar Seiten weiter ist es plötzlich der Freund, dem der Tod droht: Da ist die Linguistin, die während einer Schlossbesichtigung den Freund mit dem Forschungskollegen, den sie begehrt, bei Eiseskälte in ein Zimmer sperrt. Noch so eines dieser Paare.

Menschen, die an Ampeln "grüner wird's nicht sagen" und auch noch ein bisschen Englisch sprechen, wissen genau: "Don't judge a book by its cover." Und auch wenn wir unter normalen Umständen keinem - wirklich keinem unserer Leser - solche Menschen als Freunde wünschen, zwingt uns der Verlag Luchterhand diesbezüglich zu einer Ausnahme. Denn in diesem Fall wünschen wir jedem, dass plötzlich im Buchladen jemand neben ihm steht, der ihn daran erinnert, dieses Buch nicht nach seinem Cover zu beurteilen. Darauf nämlich ist zerknüllte Bettwäsche zu sehen, die den Untertitel "Geschichten in Paaren" unweigerlich nach Beziehungsgeschichten klingen lässt.

Aber gemeint sein muss es so: Die interessantesten Paare bestehen aus Geschichten. Und nicht: Die interessantesten Geschichten handeln von Paaren. Klar, ein bisschen Seitensprung, ein bisschen Schwanger-werden-wollen, das ist auch alles mit dabei in diesem Buch. Und trotzdem: Auch die Liebe ist letztlich eine Grenzsituation, deren Tabus sich so erschreckend leicht brechen lassen wie auch alle anderen. Die Tür des Schlosses schließt sich so leicht. Der Weg ins Wasser ist so nah. Der nächste Mann mit guten Spermien ist so leicht überredet. Der nächste Kilometer läuft sich so einfach. Das Stück Pizza schmeckt so gut.

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