Erzählband "Trieb" Die Bestie in uns

Zu welchem mörderischen Irrsinn der Mensch fähig ist, führt Jochen Rausch in seinem Kurzgeschichten-Band "Trieb" vor. Und der ist mindestens so gut wie die Bestseller von Ferdinand von Schirach.
Autor Jochen Rausch: Arbeit ohne faule Tricks

Autor Jochen Rausch: Arbeit ohne faule Tricks

Foto: Thomas Hendrich

Von Schirach war gestern - Jochen Rausch ist heute! Zu dieser ebenso kurzen wie bündigen Einschätzung muss zwangsläufig gelangen, wer sich die kürzlich erschienene Storysammlung "Trieb" des Kölner Journalisten, Autors und Musikers Jochen Rausch zu Gemüte führt. Denn wer zu Recht Gefallen fand an den in bislang zwei Bänden gebannten Schuld- und Verbrechensgeschichten des in Berlin als Anwalt praktizierenden Juristen Ferdinand von Schirach, der wird bei Rausch das Ganze nun in literarischer Vollendung erleben: 13 makellose und in ihrer großen thematischen Variabilität stupende Storys, 13 in bester amerikanischer Manier abgefasste Short Cuts darüber, wozu ihren Trieben ausgesetzte Menschen mitunter fähig sind - und welche Risse sich damit urplötzlich im Leben ihrer Nächsten auftun können.

"Was ist eine Kurzgeschichte?", notierte der 1989 in Kiel verstorbene Wolfdietrich Schnurre, der mit Bänden wie "Eine Rechnung, die nicht aufgeht" oder "Funke im Reisig" bereits in den frühen sechziger Jahren gekonnt demonstrierte, wie eine aus amerikanischer Tradition gespeiste deutsche Shortstory im Bestfall aussehen kann. "Ein Stück herausgerissenes Leben. Anfang und Ende sind ihr gleichgültig; was sie zu sagen hat, sagt sie mit jeder Zeile. Ihre Stärke liegt im Weglassen. Ihr Kunstgriff ist die Untertreibung." All das lösen Rauschs Storys nun auf eine Weise ein, die geradezu süchtig machend wirkt. So, als hätten U.S.-Short-Story-Größen wie Richard Ford und Richard Bausch mal eben gemeinsam in die Tasten gedrückt.

Storys, die sich lesen lassen wie ein lustvolles Blättern im Katalog menschlicher Fehlbarkeit

Rausch, der 2008 mit dem Debütroman "Restlicht" debütierte, in welchem er mit den Mitteln des Psychothrillers kunstvoll und zu einer beklemmenden Nahaufnahme dörflichen Treibens zerdehnt das jähe, unerklärliche Verschwinden einer Dorfschönheit beschrieb, verdiente sein Geld lange als Hörfunk- und Fernsehreporter. Dabei pflegte er lange eine gewisse Vorliebe für die Gerichtsreportage. Nach vollbrachter Lektüre seiner Storys, die sich lesen lassen wie ein lustvolles Blättern im Katalog menschlicher Fehlbarkeit, versteht man weshalb. Wie in der Linse eines Mikroskops gebündelt fächert Rausch in seinen 13 Fallbeispielen auf, zu welchem Irrsinn der moderne triebgelenkte Homo sapiens unter gewissen Umständen fähig ist, wenn die Sterne ungünstig stehen - und die Emotionen stärker sind als jeder zügelnde Gedanke.

Da ist die junge, schwedische und jäh aus allen Träumen gerissene Herzspezialistin in der Episode "Auf Öland", die, nachdem ihr Geliebter sich entgegen aller getaner Liebesschwüre doch wieder seiner Ehefrau zuwendet und mit ihr Schluss macht, kurzerhand zur Tat schreitet: Sie löscht dessen Familie aus, indem sie das Ferienhaus, das er für Frau und Kinder auf Öland gemietet hatte, während er sich unweit davon mit ihr traf, mit geradezu alttestamentarischer Wucht abfackelt. Und da ist der Barcelona-Reisende Christian Cuveland, der in dem gleichnamigen Stück - weil er das bizarre, mit einem blitzenden Messer vorangetriebene Liebesspiel zwischen einem Koch und einer Angestellten, das er zufällig mit ansieht und fehl deutet - unversehens zum Mörder wird.

Wie es Rausch dabei vermag, das jähe, urplötzliche Umschlagen einer Situation ins Fatale und nicht selten Mörderische zu beschreiben, ohne mit faulen Tricks zu arbeiten, das ist famos. Und wenn er in dem vielleicht besten Stück der Sammlung, der Geschichte "Das Seitensprungzimmer", demonstriert, wie zwei scheinbar unabhängig voneinander ablaufende Ereignisse - hier der Reitunfall einer Millionärstochter, dort die bizarren sexuellen Obsessionen des Millionärs, die er an einer Prostituierten durchexerziert - geradezu schicksalhaft und mit am Ende tödlicher Zwangsläufigkeit aufeinander zustreben, dann hat Rauschs subtiler Trieb-Reigen seinen finster-faszinierenden Höhepunkt erreicht: "Sonia. Er hat sie vergessen. Er hat nicht mehr an sie gedacht. Nicht eine einzige Sekunde. Als sei sie gar nicht existent. Als hätte sie überhaupt nicht existiert. Sie existiert ja auch nicht. Sie heißt doch nicht mal Sonia. Die Handschelle. Die Hitze. Die Jahrhundertsonne." Die junge Frau verdurstet auf einem Schreibtisch liegend an eine Heizung gekettet - und der Millionär endet im Kofferraum seines Wagens, "mit dem Ausdruck großer Erleichterung im Gesicht".

Lange hat man hierzulande keine derartig guten Stories mehr gelesen. Über die Bestie in uns, die manchmal nur auf das alles entscheidende Stichwort wartet, um aus dem Käfig der Wohlanständigkeit auszubrechen. Über Wahn und innere Not, blinde Wut und das Töten als verquere Triebabfuhr. Zuletzt, wenn auch erzählerisch ganz anders, hat man derlei vielleicht bei dem Berliner Torsten Schulz in dessen Sammlung "Revolution und Filzläuse" gelesen. Oder bei dem großen Wolfgang Kohlhaase in dessen Band "Silvester mit Balzac".

Endlich zeigt ein Hiesiger, wie variabel und mitreißend die erzählerische Kurzstrecke sein kann. Er tut es schnörkellos und ohne ein Gramm Fett. Dabei in der Machart fast amerikanisch, und doch mit Blick auf deutsche Verhältnisse. Lesen Sie Jochen Rausch. Es wird Sie umhauen. Versprochen!

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