"Esra" bleibt verboten Weniger Verständnis für die Kunst

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Der Roman "Esra" von Maxim Biller bleibt verboten. Leicht haben es sich die Karlsruher Richter nicht gemacht: Die Entscheidung war knapp. Aus Sicht der Literatur ist sie unschön, aber keine Katastrophe.

Von , Karlsruhe


Es war kein guter Tag für die Kunstfreiheit. Aber auch kein schlechter. Denn die Entscheidung war nicht leicht, wem der Vorrang zu geben ist: Dem durch seinen Verlag vertretenen Autor Maxim Biller, der ganz offenkundig persönliche Erlebnisse literarisch verarbeitet hat, oder den beiden Frauen, die sich durch den Roman in entwürdigender Weise dargestellt sehen.

Schriftsteller Biller: Drei Richter hatten mehr Sinn für den Literaten
DDP

Schriftsteller Biller: Drei Richter hatten mehr Sinn für den Literaten

Schon die Frage "Was ist Kunst?" ist schwer zu beantworten, viel schwerer aber die Frage, "Was darf Kunst?". Darf sie sich die Wirklichkeit so sehr zum Vorbild nehmen, dass es die Vorbilder verletzen kann? Darf sie, weil sie die Freiheit hat, die Wirklichkeit zu verfremden, sich auch die Freiheit nehmen, sie nur wiederzugeben?

Handelte das Buch von unbekannteren Persönlichkeiten, wäre ohnehin nicht dieser Fall daraus geworden. Doch Billers Romanfiguren sind zwei zumindest halb-prominente türkische Frauen. Und die lassen sich, trotz der im Roman anders lautenden Namen, über die darin genannten Eckdaten relativ leicht ihren realen Vorbildern zuordnen: In dem Roman hieß es zunächst, die Tochter habe mit 17 den Bundesfilmpreis erhalten, die Mutter den Alternativen Nobelpreis – in einer späteren Version wurden die Preise dann immerhin mit fiktiven Titeln umschrieben.

Fünf gegen drei

In dem Beschluss der Richtermehrheit und den beiden beigefügten Sondervoten wird deutlich, wie schwer sich die Richter damit getan haben, das fassbar zu machen, worüber sie entscheiden mussten. Und wie offen die Diskussion auch nach diesem Urteil immer noch ist.

Denn nur fünf Richter wollten das gerichtliche Verbot von Billers Roman "Esra" bestätigten – drei verwahrten sich dagegen, mit unterschiedlichen Gründen. Dabei liegen die Argumentationen so nah beieinander, dass sich der Eindruck aufdrängt, dass es jenseits der juristischen Programmatik vor allem eine Frage der Perspektive war, die für die Richter den Ausschlag gab: Die einen konnten sich offenbar besonders gut in die Lage der Betroffenen versetzen, die nicht wollten, dass intime oder ehrenrührige Details ihres Privatlebens in aller Öffentlichkeit erkennbar verbreitet werden.

Die unterlegenen drei hatten dagegen offenbar mehr Verständnis für den Literaten und die Bedingungen seines Schaffens. Die kunstkritische Mehrheit um Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier und den für das Verfahren zuständigen Richter Brun-Otto Bryde hat sich im Prinzip zwei Fragen gestellt: Wie stark stimmen die "Abbilder" im Roman, die Hauptfigur Esra und ihre Mutter Lale, mit dem "Urbild" überein, der ehemaligen Lebensgefährtin Billers und deren Mutter? Und wie stark berührt die künstlerische Darstellung deren Persönlichkeitsrechte? Und das haben sie an ihrer zentralen Forderung gemessen: Je mehr der Roman "die besonders geschützten Dimensionen des Persönlichkeitsrechts berührt, desto stärker muss die Fiktionalisierung sein, um eine Persönlichkeitsverletzung auszuschließen".

Bloße Erkennbarkeit reicht nicht

Bei der Mutter, die zwar im Roman "sehr negativ gezeichnet" sei, konnten die Richter keine solche Verletzung sehen: weder ließen sich "ehrenrührige falsche Tatsachenbehauptungen" nachweisen, noch seien Dinge geschildert, die "wegen der Berührung des Kernbereichs der Persönlichkeit überhaupt nicht in die Öffentlichkeit gehören".

Anders die Ex-Partnerin Billers: Bei ihr hätten die bisher mit dem Fall befassten Gerichte zu Recht "konkrete schwere Persönlichkeitsverletzungen festgestellt" – zum einen durch die "genaue Schilderung intimster Details einer Frau, die deutlich als tatsächliche Intimpartnerin des Autors erkennbar ist", zum anderen durch die "Schilderung der lebensbedrohlichen Krankheit ihrer Tochter". Die Schauspielerin, so die Richtermehrheit, müsse es "nicht hinnehmen, dass sich die Leser die durch den Roman nahe gelegte Frage stellen, ob sich die dort berichteten Geschehnisse auch in der Realität zugetragen haben"; und die Darstellung der durch die Krankheit ihres Kindes gekennzeichneten Mutter-Kind-Beziehung hätte "bei zwei eindeutig identifizierbaren Personen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen".

Für den Verfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem, selbst ein ausgewiesener Kunstfreund, der alljährlich Karlsruher Kunststudenten seine Wohnung zur Vernissage überlässt, sind die Kollegen nicht konsequent genug. Immerhin, lobt Hoffmann-Riem, trügen sie der Kunstfreiheit stärker Rechnung als das Verfassungsgericht in seiner sogenannten "Mephisto"-Entscheidung aus dem Jahr 1971: Anders als damals erkenne die Mehrheit jetzt an, dass ein prinzipielle "Vermutung" für die Fiktionalität eines literarischen Textes spricht – eine bloße Erkennbarkeit also nicht für eine Persönlichkeitsverletzung und damit ein Verbreitungsverbot ausreicht.

Und Werther?

Vor diesem Hintergrund sei aber "nicht nachvollziehbar", warum diese Vermutung der Fiktionalität "nicht auch Darstellungen über den Sexualbereich umfasse". Im vorliegenden Fall sei doch "gerade zweifelhaft und wird vom Autor bestritten, dass er vergangenes Sexualleben beschreiben wollte oder gar einen Sachbericht darüber verfasst hat". Ohnehin drohe "die Vielfalt künstlerischen Schaffens aus dem Blick zu geraten", wenn ein Kunstwerk rechtlich "unter der Annahme eines Entweder-Oder von Fiktion oder Empirie" bewertet werde.

Die Richterin Christine Hohmann-Dennhardt und ihr Kollege Reinhard Gaier gehen noch einen Schritt weiter: Für sie ist das Kriterium der "Erkennbarkeit" von Personen ohnehin völlig ungeeignet, um die Schwere einer Persönlichkeitsverletzung zu bemessen. Die Kunst lebe von der Anlehnung an die Wirklichkeit und stehe damit "immer in Gefahr, dass sich Personen in ihr wiedererkennen und für andere erkennbar sind".

Es sei "fraglich", merken die beiden sarkastisch an, ob Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" nach den Maßstäben der Mehrheit nicht auch "hätte verboten werden müssen": Immerhin sei schon bei Erscheinen des Romans in der Figur "Lotte" die von Goethe einst angeschmachtete Charlotte Buff erkannt worden – und auch Schilderungen aus der Intimsphäre lägen hier vor.

Hohmann-Dennhardt und Gaier sehen stattdessen als entscheidendes Kriterium, ob ein Roman "bei einer Gesamtbetrachtung" das Ziel verfolgt, "bestimmte Personen zu beleidigen, zu verleumden oder verächtlich herabzuwürdigen". Eine solche Intention Billers war aber - jedenfalls für die beiden Richter - "nicht erkennbar".

Diese Mindermeinungen sind schon deshalb beachtlich, weil sie zeigen, dass die Linie der Mehrheit so unangreifbar nicht steht. Schon beim nächsten Fall, so er nur ein wenig anders gelagert wäre, kann eine Entscheidung im Ergebnis ganz anders ausfallen.

Immerhin hat derselbe Senat noch vor fünf Wochen in einer Eilentscheidung die Ausstrahlung eines Spielfilm gebilligt, der an das historische Geschehen um das Schlaf- und Beruhigungsmittel "Contergan" anknüpft, das vor fünfzig Jahren zu schweren Missbildungen bei ungeborenen Kindern geführt hatte. Gegen die Ausstrahlung wehrten sich sowohl die damalige Hersteller-Firma als auch ein Rechtsanwalt, der gegen die Firma gekämpft hatte, sich aber in dem Film unzutreffend dargestellt sah. "Ein verständiger Zuschauer", befanden die Verfassungsrichter in diesem Fall, werde das in der Filmhandlung dargestellte Geschehen um den Rechtsanwalt und das Unternehmen "aufgrund der Fülle von Abweichungen in den Charakteristika und Handlungsweisen der Filmfiguren" nicht als umfassend tatsachengetreue Schilderung der damaligen Vorgänge auffassen.

Die Kunstfreiheit ist nicht abgeschafft. Und dass sie Grenzen hat, ist nichts Neues. Dass die Entscheidung eine Kehrtwende bedeutet, darf bezweifelt werden. Denn streng genommen hat das Verfassungsgericht, gemessen an den verwendeten Kriterien, die Kunstfreiheit gegenüber seiner früheren Rechtsprechung sogar gestärkt – wenn auch nicht so sehr, wie es manche Kunstfreunde und auch Richter gerne gehabt hätten.

Das richtige Maß zwischen Schilderung und Verfremdung zu finden, wird auch in Zukunft in jedem Einzelfall immer wieder schwierig sein – für Erzähler und für Richter.



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