Etgar Keret über den Alltag in Israel "Wir sind doch alle Zwangsneurotiker"

Humor ist die Waffe der Schwachen. Das sagt Etgar Keret. Und der muss es wissen, denn er hat eine ganze Menge davon. SPIEGEL ONLINE hat den israelischen Bestseller-Autor in Tel Aviv besucht - und mit ihm über die ernste Seite des Lebens gesprochen.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Keret, draußen hat es über 30 Grad. Und wir sitzen hier in ihrem Wohnzimmer, während nebenan Handwerker einen Höllenlärm veranstalten. Wieso haben wir uns nicht in einem netten Straßencafé getroffen?

Keret: Ich treffe Verabredungen meistens nur noch zu Hause oder bei Freunden. Seit die Intifada mit ihren fast schon regelmäßigen Selbstmordattentaten begonnen hat, macht man sich eben mehr Gedanken, wo man hingeht. Natürlich gehe ich noch aus, aber meistens hänge ich dann in irgendwelchen Siebziger-Jahre-Retro-Style-Cafés rum, in denen sie lausige Musik spielen und wo sonst eh keiner hingeht. Die Selbstmordattentäter gehen schließlich immer da hin, wo was los ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht etwas übervorsichtig? Immerhin kommen in Israel wesentlich mehr Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben als bei Selbstmordattentaten.

Keret: Das stimmt, aber mit übertriebener Vorsicht hat das deshalb noch nichts zu tun. Es macht ja auch keinen Spaß, in einem Café zu sitzen, wenn man ständig angespannt ist und nur darauf achtet, wer da gerade zur Tür hereinkommt. Viele Israelis reagieren wesentlich extremer als ich. Die gehen überhaupt nicht mehr in Cafés oder Einkaufszentren und würden unter gar keinen Umständen in einen Bus steigen. Aber das Schlimmste sind noch gar nicht mal diese Beeinträchtigungen im Alltag.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Keret: Das ganze Leben wird von einer ungeheuren Unsicherheit bestimmt. Die Menschen hier haben Angst wegen des Konflikts mit den Palästinensern, sie haben Angst, dass die Wirtschaft kollabiert, und jetzt haben sie auch noch Angst vor einem Angriff des Iraks. Wir trauen uns nicht mehr, in die Zukunft zu schauen. Es scheint fast unverantwortlich, Pläne zu machen. Ich will zum Beispiel schon seit längerem Yoga-Unterricht nehmen, aber ich habe es immer wieder aufgeschoben, und jetzt sage ich mir: Ich fange nach dem Irak-Krieg damit an. Und diese Entscheidung ist wirklich lächerlich. Größere Entscheidungen fallen viel schwerer: Meine Freundin und ich wollen gern ein Kind haben. Vor ein paar Jahren hätten wir darüber nicht lange nachgedacht; aber jetzt haben wir Angst.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je daran gedacht, das Land zu verlassen?

Keret: Ich denke dauernd daran - weniger aus Angst vor Attentaten, als vielmehr wegen des Klimas des Hasses, das täglich schlimmer wird. Ich will in keinem radikalen, rassistischen Staat leben. Und es gibt schon Stimmen, die sich etwa im Parlament offen für einen solchen Staat stark machen. Es gibt genug Politiker, die die Meinungsfreiheit beschneiden wollen, die israelische Araber diskriminieren wollen. Das ist das, was mir Sorgen macht, dass ich vielleicht in einem Staat leben muss, in dem ich mir völlig fremd vorkomme, in dem gewisse liberale Werte nichts zählen. Und trotzdem: Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, Israel zu verlassen. Ich denke, schreibe und lebe in Hebräisch, und es wäre sehr schwer für mich, irgendwo anders zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal für eine Zeitung das Unmögliche versucht: den Nahost-Konflikt in 600 Worten zu erklären. In diesem Artikel kamen Ihre Mutter, eine Nachbarin und ein palästinensischer Freund zu Wort. Die wollten Ihnen alle erklären, wieso Sie ihr jeweiliges Leid niemals verstehen könnten...

Keret: Genau das ist das Kernproblem des ganzen Konflikts hier. Sowohl Israelis als auch Palästinenser glauben, sie hätten ein Monopol auf das Leiden, ihre Probleme seien schlimmer als die der anderen Seite und niemand werde je das Ausmaß ihrer Schmerzen verstehen. Jeder hält sich für das ultimative Opfer. Und das Schlimme ist: Jeder denkt, dass dieses Leid ihm das Recht gibt, alles zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Keret: Zum Beispiel Selbstmordattentate. Wie oft höre ich Leute, die Verständnis für diese Anschläge äußern! Man müsse doch bedenken, wie verzweifelt jemand sein muss, damit er eine solche Tat begeht. Ich habe da überhaupt kein Verständnis. Diese Haltung, alles sei legitim wegen der Schmerzen, die man selbst erlitten hat, ist absolut unakzeptabel. Ich kenne genug Palästinenser, die gegen die Besatzung kämpfen - aber mit anderen Mitteln, als vier Jahre alte Kinder in die Luft zu sprengen.

SPIEGEL ONLINE: Warum also begehen diese Menschen solche Attentate?

Keret: Nicht weil ihr Leben so schrecklich ist und sie so verzweifelt sind. Sondern weil sie in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die solche Verbrechen legitimiert. In Wirklichkeit ist ihre Situation auch nicht verzweifelter als das anderer Menschen in der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also kein ultimatives Opfer?

Keret: Natürlich nicht. Leiden ist Leiden. Niemand ist die Nummer eins. Und Israelis oder Palästinenser schon gar nicht. Das ist nur eine Frage der Wahrnehmung. Ein Freund von mir war einmal in einer Lepra-Kolonie in Indien. Den Leuten dort geht es wirklich dreckig. Sie haben Lepra und verhungern auf der Straße. Aber als sie meinen Freund, einen Israeli, sahen, haben sie zu ihm gesagt: Ihr tut uns so Leid, ihr und die Palästinenser, ihr müsst so sehr leiden. Er antwortete: "Nein, nein, mir geht's eigentlich ganz gut. Schaut euch doch an!" Darauf meinten die Kranken, das könne man nicht vergleichen; sie hätten im Fernsehen gesehen, wie schlecht es den Menschen im Nahen Osten gehe. Diese Menschen verüben keine Selbstmordattentate gegen die Regierenden oder die reichen Sikhs. Das Argument, man habe keine andere Wahl, ist Unsinn. Es gibt viele Optionen. Meine Eltern haben den Holocaust miterlebt. Und sie wären nie auf die Idee gekommen, ein Selbstmordattentat zu begehen.

SPIEGEL ONLINE: Macht diese Überzeugung, Opfer und nicht Täter zu sein, die beiden Seiten taub für Kritik?

Keret: Ja, sowohl wir als auch die Palästinenser tendieren dazu, jegliche Kritik als Rassismus auszulegen. Wer Israel kritisiert, ist gleich ein Antisemit, und wer Palästinenser kritisiert, hasst Araber. Wir versuchen nie, auch mal einen anderen Standpunkt einzunehmen und auch das Leiden des anderen zu akzeptieren.

Wozu der Grandprix d'Eurovision gut sein kann und warum ein Schriftsteller im Heiligen Land kein Prophet sein muss: Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews!

SPIEGEL ONLINE: Können es die beiden Seiten alleine schaffen, diese eingeschränkte Sichtweise zu überwinden?

Keret: Ich fürchte nein. Wir bräuchten wohl einen internationalen Vermittler. Es käme natürlich darauf an, wer eine solche Rolle einnehmen würde. Amerikaner und Franzosen fallen aus. Erstere werden von den Palästinensern zu Recht verdächtigt, absolut einseitig und pro-israelisch zu sein. Das gleiche gilt umgekehrt für die Franzosen.

SPIEGEL ONLINE: Wer kommt also in Frage?

Keret: Die besten Vermittler wären wahrscheinlich europäische Länder wie Deutschland oder Großbritannien. Sie könnten am ehesten eine neutrale Position einnehmen. Natürlich werden auch sie den Vorwurf der Parteilichkeit hören, sobald sie eine der beiden Seiten kritisieren, aber das wird jedem Vermittler so gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten sich Deutschland als Vermittler vorstellen - trotz der Geschichte?

Keret: Die Ressentiments sind natürlich groß. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind den Schlager-Grandprix gesehen habe. Das war bei uns immer ein Gradmesser für Antisemitismus. Uns ging es nie um die Qualität der Musik, sondern nur darum, an der Punktevergabe abzulesen, wie antisemitisch die verschiedenen europäischen Länder waren. Vor allem haben wir immer mit Spannung darauf gewartet, wieviel Punkte uns die Deutschen geben würden. Wenn es dann "douze points" hieß, hat mein Bruder gesagt: "Ihr legt uns nicht rein. Ihr gebt uns zwölf Punkte, aber tief in euerm Herzen mögt ihr uns trotzdem nicht." Ich finde jedoch, wir sollten inzwischen den Fakt anerkennen, dass Deutschland in den letzten 50 Jahren eine der gefestigtsten und liberalsten Demokratien der Welt geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Denken viele Israelis so?

Keret: Vermutlich nicht. Deutschland ist immer noch ein heikles Thema. Ich habe einmal eine Satire fürs Fernsehen geschrieben, die in Israel zum Politikum wurde. Darin geht es um einen Hundertmeterlauf bei einer Weltmeisterschaft in Deutschland. Kurz vor dem Start, kommen zwei Israelis zu dem Deutschen, der den Startschuss geben soll, und bitten ihn um einen Gefallen: Ihr Läufer sei so langsam, sagen sie, deshalb solle er ihm doch bitte einen Vorsprung von zehn Metern geben. Der Starter lehnt das natürlich ab, aber sie drängen ihn weiter: Er bräuchte keine Sorge haben, ihr Läufer sei so schlecht, dass er ohnehin verlieren werde, sie wollten nur keine gar so große Erniedrigung erleiden. Sie erzählen ihm von der Mutter des Athleten, die eigens nach Deutschland gereist sei, obwohl ihr das nach dem Holocaust wirklich nicht leicht gefallen sei. Als der Deutsche sich weiterhin weigert, schreien sie ihn an: "Haben wir Juden noch nicht genug gelitten? Hast Du denn überhaupt keine Scham? Du Technokrat, du Eichmann!" Als einer der beiden schließlich die Pistole nimmt, sie sich unters Kinn hält und sagt "Ich bin auch ein Jude, bring Dein Werk zuende", gibt ihnen der Starter schließlich den Vorsprung. Plötzlich sind sie ganz freundlich zu dem Deutschen, erzählen ihm, dass er ein großer Freund der Juden sei und bieten ihm Freikarten für Jad Waschem an.

SPIEGEL ONLINE: Was ist passiert, als die Satire im Fernsehen gezeigt wurde?

Keret: Es wäre fast nicht dazu gekommen. Sie haben sogar im Parlament darüber gestritten und wollten die Ausstrahlung verhindern, weil das Stück antisemitisch sei.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viele politische Satiren geschrieben. Nächsten Monat sind Wahlen in Israel. Sie wollen jedoch nicht parteipolitisch Stellung beziehen, wie das beispielsweise Ihr Kollege Günter Grass in Deutschland tut. Warum?

Keret: Zum einen gibt es keine Partei, die wirklich meine politische Haltung widerspiegelt. Zum anderen - und das ist viel wichtiger für mich - fände ich es arrogant, wenn ich meinen Lesern sagen würde: Ich weiß, was richtig ist, und ihr nicht, drum sag ich's euch. Ich will meine Kunst nicht missbrauchen. Ich glaube nicht an eine Überlegenheit von Intellektuellen, die anderen Leuten sagen können, was sie zu tun und zu lassen haben.

SPIEGEL ONLINE: Das ist keine sehr verbreitete Haltung bei israelischen Intellektuellen.

Keret: Es werden aber immer mehr, die so denken wie ich. Bei den traditionellen israelischen Schriftstellern ist das noch anders. Die mischen sich durchaus in Parteipolitik ein, zum Beispiel Amos Oz, der die linke Friedenspartei Meretz unterstützt, der der Arbeitspartei nahe stehende David Grossman oder auch Netanjahu-Unterstützer Eyal Megged. Samech Yishar saß sogar lange für die Arbeitspartei in der Knesset. Die Israelis erwarten von ihren Schriftstellern, dass sie politische Propheten sind. Das ist typisch für ein junges Land, wie wir es sind. Aber die jüngeren von uns wollen keine Propheten mehr sein. Natürlich greifen mich auch einige Schriftsteller an, weil ich keine parteipolitische Position beziehe. Ich sei ein Feigling hält man mir vor. Meine Leser tun das aber nicht.

Warum Zwangsneurotiker manchmal eine Ohrfeige brauchen und in Russland die Witze ausgegangen sind... Lesen Sie den dritten Teil des Interviews!

SPIEGEL ONLINE: Ihre Leser? Was sind das für Leute?

Keret: Man würde meinen, das seien Linke, junge Intellektuelle, da ich ja selbst eher aus diesem Lager komme. Aber ich habe eine viel breitere Leserschaft: Da sind auch Siedler darunter, orthodoxe Juden, israelische Araber... Und das gibt mir Vertrauen: Diese Leute müssen doch trotz aller Unterschiede einiges gemeinsam haben.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie diesen Menschen vermitteln?

Keret: Ich möchte ihnen eine Ohrfeige geben. Wir sind doch alle Zwangsneurotiker. Wir gehen durchs ganze Leben voller Hysterie. Damit es nicht auffällt, haben wir einfach unseren persönlichen Autopiloten eingestellt, der uns bequem durchs Leben bringt. Ich möchte den Leuten mit meinen Geschichten eine Ohrfeige geben, damit sie aufwachen und ins Grübeln kommen. Ich will meinen Lesern keine Antworten geben; alles, was ich will, ist, dass sie anfangen, Fragen zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Humor dabei?

Keret: Humor ist eine wunderbares Mittel, um Kritik zu üben. Er ist die Waffe der Schwachen. Wer die Macht hat, Dinge zu verändern, braucht keinen Humor. Du machst mehr Witze über Deine Lehrer als über Deine Mitschüler. Mein russischer Übersetzer hat sich mal bei mir über den Untergang der Sowjetunion beklagt: Das sei das Schlimmste gewesen, was dem Humor habe passieren können. Seither gebe es dort keine neuen Witze mehr. Und dann ist Humor auch eine gute Möglichkeit, über ernste Dinge zu sprechen, ohne in Pathos zu verfallen. Denn Pathos bringt nichts, er lähmt nur den Dialog.

SPIEGEL ONLINE: Und? Erreichen Sie etwas?

Keret: Ich denke schon. Bei mir geht es ja meistens um moralische Themen. Ich möchte die Leute dazu bringen, sich in andere hineinzuversetzen. Ich hoffe, das gelingt mir.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat Kunst zu Zeiten des Krieges? Kann denn die intellektuelle Elite eine konstruktive Rolle im Friedensprozess spielen?

Keret: Intellektuelle haben nie eine große Rolle gespielt. Vielleicht können wir eine Stimme der Vernunft in verrückten Zeiten sein, vielleicht manchmal eine Notbremse. Wir können Straßenschilder sein, die mögliche Wege zeigen, die Menschen erinnern, dass es noch andere Routen gibt. Aber wir sind nie der Motor - und wir sollten uns dieser Grenzen bewusst sein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn eine rege Debatte mit palästinensischen Intellektuellen?

Keret: Die gibt es auf den verschiedensten Ebenen. Ich bin zum Beispiel in Kontakt mit palästinensischen Schriftstellern. Wir telefonieren und schreiben uns E-Mails. Aber sobald es in die Öffentlichkeit geht, wird es schwierig. Ich sollte einmal bei einer Veranstaltung in Norwegen mit zwei palästinensischen Schriftstellern aufs Podium. Ich kenne sie beide und weiß, dass sie meine Arbeit sehr schätzen. Aber sie haben sich geweigert, gemeinsam mit mir auf dem Podium zu erscheinen. So etwas gibt mir schon zu denken. Selbst Arafat und Netanjahu sind schon zusammengesessen. In was für Zeiten leben wir, wenn das Schriftsteller nicht schaffen?

Das Gespräch führte Dominik Baur 

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