Klimakrisen-Roman »Ewig Sommer« Es brennt – nicht nur draußen

Wenn Waldbrände auf privates Drama treffen: In ihrem starken Debüt beschreibt Franziska Gänsler ein Schreckensszenario. Der Roman könnte kaum aktueller sein – und ist dennoch kein deprimierendes Buch.
Von Jana Felgenhauer
Waldbrände (hier in Tschechien, nahe der sächsischen Grenze)

Waldbrände (hier in Tschechien, nahe der sächsischen Grenze)

Foto: Robert Michael / picture alliance/dpa

Hochsommer im Oktober. Silberfolie an den Fenstern, abgesperrte Spielplätze, leere Straßen. Wir befinden uns im fiktiven Bad Heim im Süden Deutschlands. Icherzählerin Iris leitet das einzige Hotel im Ort. Doch niemand kommt, denn in der Gegend wüten Waldbrände.  

Franziska Gänslers Debütroman spielt in einer nahen Zukunft, in der die Klimaaktivistinnen und -aktivisten die Hoffnung, die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen, längst aufgegeben haben. Das neue Ziel der Demonstrierenden am Waldrand: 1,8. Die Atmosphäre, die Gänsler erschafft, ist düster und bedrohlich. Die Tage kriechen langsam vor sich hin, es ändert sich nichts, und doch ändert sich alles. Es sind 32 Grad, die Wiesen sind mit Asche überzogen, die Luft mit Rauch getränkt. In der Ferne surren Hubschrauber, heulen Sirenen, die Polizei ruft durch: »Bleiben Sie zu Hause, tragen Sie eine Schutzmaske, halten Sie Fenster und Türen geschlossen.« Im nahen Wald hinter dem Fluss spielt sich das Flammeninferno ab.

Autorin Gänsler: Treffsichere Schreibe

Autorin Gänsler: Treffsichere Schreibe

Foto: Linda Rosa Saal / Kein & Aber

Doch plötzlich steht eine Frau mit einem kleinen Mädchen bei Iris auf der Matte. Inmitten der großen Katastrophe entblättern sich so auch die kleinen Dramen: Dori, so heißt die Frau, hat nicht nur ihre Tochter Ilya im Gepäck, sondern auch Probleme. Sie kämpft mit einer kaputten Beziehung, rannte einst in ihr Unglück und nun davon weg. Es brennt, nicht nur draußen.

Gänslers Schreibe ist unaufgeregt und treffsicher. Parallel zu den fatalen Folgen der Klimakrise erzählt sie die Geschichten der Frauen. Nicht nur Dori, sondern auch Iris hat eine schwierige Geschichte. Die Frage, ob man im Leben einmal einen falschen Weg eingeschlagen und damit die Zukunft grundlegend verbockt hat, stellt die Autorin so fürs Private genauso wie für das große Ganze. Gleichzeitig arbeitet sie fein heraus, wie die Figuren mit dem Schuldkomplex und der Ohnmacht im Angesicht der Katastrophe umgehen.

Iris beobachtet, wie die Welt um sie herum zugrunde geht, lebt ihr Leben aber weiter wie gewohnt, kauft Fleisch, fährt Auto. »Ich sah keinen Weg, wie ich die Situation hätte beeinflussen können.« Im Umgang mit Ilya zeigt sie sich aber anders, besorgt, fast übervorsichtig – vielleicht auch getrieben von dem schlechten Gewissen, davon, zu wenig getan zu haben. Damit Ilya nicht dehydriert, wird sie stündlich gebadet, darf das Haus nicht verlassen. Panisch achten die Erwachsenen darauf, dass sie genügend trinkt.

»Ewig Sommer« ist aber dennoch kein deprimierendes Buch. Der Roman leuchtet immer dann auf, wenn Iris’ Nachbarin Baby auftaucht, eine Figur, die Gänsler besonders gut gelungen ist. Baby ist die Wächterin am Gartenzaun, die Moralinstanz ohne Moral. Sie kennt die Menschen besser als die sich selbst, mischt sich ein, hilft aber auch weiter. Sie ist wohltuend laut, bisweilen nervig und etwas aus der Form. Rauchend und hähnchenkeulenschwingend marschiert sie durchs Leben. In ihrem Garten hat sie einen Rückzugsort für streunende Katzen geschaffen. Die anderen beiden Frauen erstarren in der Panik. Baby tut etwas, im Kleinen.

Während Dori nur mit sich selbst beschäftigt ist und Iris der Vergangenheit nachträumt, wird es Baby sein, die später noch zur echten Heldin wird. »Eine Hitze. Das ist der Weltuntergang. So geht’s zu Ende mit uns«, sagt sie heiter. Als Leserin denkt man: Solang es Menschen wie sie gibt, ist die Erde noch kein hoffnungsloser Ort.

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