Schwule Selbsterfahrung Manchmal kann es nicht heiß genug sein

Bye-bye Jugend: Fabian Hischmanns "Am Ende schmeißen wir mit Gold" beginnt wie ein schwuler Erweckungsroman - und entwickelt sich dann zur Geschichte einer Identitätsfindung, die an Benjamin Lebert erinnert.

Fabian Hischmann: Die Überspanntheiten und Pathos-Exzesse der Jugend
Rabea Edel

Fabian Hischmann: Die Überspanntheiten und Pathos-Exzesse der Jugend

Von Thomas Andre


Man muss vor der Lektüre von Fabian Hischmanns Debütroman "Am Ende schmeißen wir mit Gold" in eine Zeitkapsel steigen. Oder grundsätzlich eine Restsympathie behalten haben für die Überspanntheiten und Pathos-Exzesse der Jugend - die sich hier im rührenden Freundschaftskult und in melancholisch grundierten Erfahrungstrips äußern.

Die Geschichte in diesem Coming-of-Age-Roman wird aus der Perspektive des Junglehrers Max Flieger erzählt, der in dem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Buch eine Art Held der Neuesten Subjektivität ist - Selbsterfahrung ist um den Preis einer zeitweiligen Zurückversetzung in kindliche Verhaltensmuster zu haben. Flieger ist Ende 20 und müsste längst erwachsen sein. An seinem Job als Pädagoge in einer Bremer Schule hängt er nicht, lieber schaut er Tierfilme. Der Mann ist ein Abhänger.

Bis er in seine süddeutsche Heimat zu seinen Eltern, einem Architekten-Ehepaar, reist und nach einem Schicksalsschlag die Reset-Taste drückt: Wer er bisher war, der kann er nicht bleiben. Wie praktisch, dass er in dem Ort, aus dem er stammt, ohnehin Vergangenheitsbewältigung betreiben kann. Dort leben in einer Kommune seine Ex-Freundin Maria und der alte Weggefährte Jan. Angesichts des Wiedersehens erinnert sich Max an die amouröse Verwirrung seiner Teenagerjahre. "Die Möglichkeit eines Dreiecks" kommt ihm wieder in den Sinn - die libidinöse Verunsicherung ist wieder da.

Um sie zu verdeutlichen, schickt Hischmann, der 1983 in Donaueschingen geboren wurde und zunächst in Hildesheim Kulturwissenschaften und Literatur und dann in Leipzig am Literaturinstitut studierte, seinen Helden mit dem schwulen Valentin, einem Freund aus Bremen, in die Sauna. Wogegen nichts einzuwenden wäre, hätte er nicht vorher die Beschwernisse eines 30-Grad-Sommers geschildert. Scheint ganz so, als könnte es manchen nicht heiß genug sein.

Verlust der Jugend betrauern

Es ist dem Roman, der bis auf einige sprachliche Allgemeinplätze und Ungenauigkeiten nicht schlecht geschrieben ist, zuträglich, dass er im zweiten Teil den Handlungsort verlässt. Von der Sauna geht es zunächst nach Kreta, wo Max Aufnahme in einer Ersatzfamilie findet und Strand-Partys mit griechischen Schülern feiern darf, sie trinken Jägermeister und versichern ihm ihre Zuneigung: "I love Germany". Derart gestärkt reist der sensible Protagonist nach New York, wo er eine biografische Scharte auszuwetzen gedenkt. Einst war Max als Au-pair in Amerika und dort Zeuge eines gewaltsamen Übergriffs auf eine Frau, ohne dass er sie beschützt hätte.

Was wie ein schwuler Erweckungsroman beginnt, ist am Ende dann vor allem die Geschichte einer Identitätsfindung, in der auch der Verlust der Jugend betrauert wird. Man wäre ein Zyniker, könnte man den ausführlich geschilderten Zartheiten zwischen den jungen Figuren überhaupt nichts abgewinnen. Und irgendwie ist es auch beeindruckend, wie rückhaltlos emotional Hischmann seinen Max Flieger hier auftreten lässt: als empathiefähigen Sänftling, der gar nichts gemein hat mit den kaputten Sickstern und abgefuckten Wohlstands-Kids, die zuletzt die Belegschaft der deutschen Gegenwartsliteratur stellten.

Viel eher erinnert "Am Ende schmeißen wir mit Gold" an Benjamin Leberts "Crazy" und Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum", zwei Bücher, die vor anderthalb Jahrzehnten mit Musikbezügen, der Beschreibung von Oberflächenphänomenen und Jungmännern im Nabelschau-Modus die kurze, aber glückliche Ära des deutschen Popromans einläuteten.

Flieger freut sich auch am Ende seiner Reise seltsamerweise noch über die kleinen Dinge ("Im Auto darf ich vorne sitzen"), und trotzdem streift er eine gewisse Lebensuntauglichkeit ab. Vielleicht kann man seine nachträgliche Mannwerdung als Absage an die behüteten Verhältnisse des gehobenen Mittelstandes lesen, in denen die Einzelkinder verwöhnt sind und sich die nötige Wettkampfhärte erst dann holen, wenn es fast schon zu spät ist.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Gerhard Henschels "Bildungsroman", Emmanuèle Bernheims "Alles ist gutgegangen", Martin Mosebachs "Das Blutbuchenfest", Roberto Savianos "Zero Zero Zero", Ryad Assani-Razakis "Iman", Horst Bredekamps "Der schwimmende Souverän", Alexander Schimmelbuschs "Die Murnau Identität", Don Winslows "Vergeltung", Zadie Smiths "London NW" und Haruki Murakamis "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
immertreu 20.02.2014
1. Erschüttern
Das wird die Nation erschüttern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.