Debbie Harrys Autobiografie Ein Tritt in den eigenen Hintern

Als Sängerin von Blondie wurde sie in den Siebzigern zur Stilikone und zum feministischen Vorbild. Nun hat Debbie Harry ihre Autobiografie herausgebracht, "Face It". Was steht drin? Hier der Check.

Vintage Style / Schwarzkopf & Schwarzkopf

  • Debbie Harry hat also ihr Leben aufgeschrieben. Warum ist das spannend?

Weil Deborah Ann "Debbie" Harry Sängerin und Texterin der US-Band Blondie ist, die aus Rock, Punk, Disco, Reggae und Rap ihren eigenen Musikstil kreierte und in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit Hits wie "Heart of Glass" und "Atomic" erfolgreich wurde. Die platinblondierte Harry bezeichnet sich auch mit 74 noch als Punk und hat mehrere Soloalben gemacht. Sie ist nicht nur eine Stil-Ikone, die ihre Outfits anfangs aus Kissenbezügen, Müll und Klebeband bastelte, sondern wurde durch ihr Auftreten im Rockmusikgeschäft auch zum feministischen Vorbild. In dem Buch erinnert sie sich: "Eine künstlerisch selbstbestimmte Frau in eindeutig weiblich und nicht männlich konnotierten Klamotten war damals eine klare Grenzüberschreitung". Zudem sang sie von für Frauen damals unsingbaren Dingen: "Statt ihn devot anzubetteln, doch bitte wieder nach Hause zu kommen, gab ich ihm einen gewaltigen Tritt in den Hintern, schmiss ihn raus und trat mir danach selbst noch in den Hintern", beschreibt sie ihre Haltung in der Rolle als Blondie-Sängerin.

  • Wie fällt ihre Bilanz aus?

Erstaunlich nüchtern: "Man tut gewisse Dinge, wenn man Glück hat, lernt man aus ihnen, und dann zieht man weiter". Was sie lernen wollte? Sich künstlerisch auszudrücken, "besser in dem zu werden, was ich tat, meinen Platz im Leben zu finden und die Kontrolle darüber zu gewinnen." Hinsichtlich Kreativität und künstlerischem Ausdruck habe das hingehauen, auch als Frontfrau sei sie gereift und habe ihren Platz gefunden, im Rockbusiness und allgemein. Doch Kontrolle? "Nicht wirklich. Ich hatte die Art von Kontrolle, die man eben hat, wenn man sein Leben mehrfach vertraglich geregelt in fremde Hände gegeben hat und an den Kopf einer Rakete gefesselt wurde." Hier spielt Harry auf miese Deals mit Plattenfirmen und Managern an, die dazu führten, dass Blondie auf dem Zenit ihres Erfolgs pleite waren - im Zusammenspiel mit Drogensucht und der schweren Krankheit von Blondie-Mitmusiker Chris Stein. Die 13 Jahre lang währende Liebesbeziehung mit jenem Chris Stein bildet in "Face it" den roten Faden, um den Harry Anekdoten über die Musikszene im legendären CBGB, die Kunstszene um Andy Warhol, Überfälle, einen stalkenden Ex-Lover und eine Vergewaltigung wickelt.

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10  Bilder
Autobiografie der Blondie-Sängerin: "Dirty Harry"
  • Was sind die erstaunlichsten Fakten?

1. Debbie Harry, dank ihres Humors auch "Dirty Harry" genannt, liebt Wrestling und spielte 1983 in dem Wrestling-Musical "Teaneck Tenzi" neben Andy Kaufman die Hauptrolle. Dafür futterte sie sich Kilos drauf, trainierte hart und wurde mehrfach vermöbelt: "Wir mussten singen, während wir uns von einer Ringecke zur anderen durchschlugen." Leider war das Musical ein Flop und wurde gleich nach der Premiere am Broadway abgesetzt. Erfolgreicher war Harry im gleichen Jahr mit ihrer Hauptrolle im Sci-Fi-Horrorfilm "Videodrome" von David Cronenberg.

2. Blondie spielten 1975 sieben Monate am Stück jedes Wochenende im CBGB - für Bier. Es war "die Zeit der gelebten Experimente - keine Tricksereien, nur das pure, unverfälschte Leben direkt aus dem Bauch heraus."

3. Auf der Suche nach einem Drummer checkten Blondie an einem Tag 50 Schlagzeuger aus. Just als der Fünfzigste spielte, schneite Patti Smith herein, moserte, dass er viel zu laut und aggressiv spiele, und haute wieder ab. Blondie nahmen ihn dennoch. Es war Clem Burke, der bis heute bei Blondie trommelt.

Preisabfragezeitpunkt:
18.10.2019, 10:54 Uhr
Ohne Gewähr

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Debbie Harry
Face it: Die Autobiografie

Verlag:
Heyne Verlag
Seiten:
432
Preis:
EUR 25,00
Übersetzt von:
Philip Bradatsch, Frank Dabrock, Harriet Fricke, Torsten Gross
  • Was hätten wir lieber nicht gewusst?

Von Harrys obsessiven Zwängen, wie das Einsammeln von abgeschnittenen Fingernägeln und Haaren aus der Bürste, die sie auf Tour in Hotelzimmern im Klo runterspülte, um Beweise zu vernichten: "Wenn ich könnte, würde ich jede verlorene Hautzelle aufsaugen und sie ebenfalls runterspülen." Der bloße Gedanke, Spuren zu hinterlassen, jage ihr Angst ein.

  • Wie lässt es sich lesen?

Das Buch beruht auf exklusiven Interviews mit der Musikjournalistin und Musikerin Sylvie Simmons, die schon hochgelobte Biografien über Leonard Cohen oder Serge Gainsbourg geschrieben hat - entsprechend geschlossen liest es sich. Bewegend sind Momente, in denen sich Debbie Harry an tote Freunde wie William S. Burroughs, Joey Ramone oder Divine oder ihr ganz persönliches 9/11 erinnert. Dass sie nicht immer Lust auf Nabelschau hat, zeigen detaillierteste Schilderungen, die sie brüsk abwürgt (als es etwa um die Trennung von Chris Stein oder um Band-Querelen geht). Am Schluss des Buches unkt sie: "Da ich ein sehr privater Mensch bin, habe ich wohl einiges für mich behalten." Klingt ein bisschen nach Cliffhanger.

  • Was können wir noch von ihr erwarten?

Tja, ein "Face it 2"? Ansonsten sorgen sich Debbie Harry und Blondie um den Rückgang von Bienenpopulationen und "das Überleben der Menschheit". Und: Debbie Harry singt weiter - sie tritt der Frauenfeindlichkeit in der Musikbranche hoffentlich noch lange in den Hintern.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 05.11.2019
1. Marilyn Monroe des Punks
Stimmt, die Frau war in den Siebzigern in NYC omnipräsent, siehe CBGB oder vorher Max's Kansas City. Und sie galt als sowas wie eine Punkikone. Sehr attraktiv und der Darling der Kunstszene. Aber wenn man ehrlich ist: Sie hat zwei Hits gehabt, Hearts of Glass und Atomic. Und die Blondie- Alben waren jetzt nicht die Überflieger. Vor kurzem habe ich sie in einem Interview erlebt, in dem sie eher wenig sagte. Für mich eine Überlebende von Punk und Drogen, in die viel geheimnist wurde und wird. Eher sympathisch, aus einer Zeit und einem New York, das es schon länger nicht mehr gibt, jetzt, im Jahr 2019.
exilfranzose 05.11.2019
2. Mindestens so wichtig wie Patti Smith..
Für mich ist sie mindestens genauso wichtig wie Patti Smith, die die eher "intellektuelle" New Yorker Szene der Zeit verkörperte. Debbie Harry stand für das "schmutzige" New York, die Partys, die Drogen und die "F*** You"-Attitüde. Und sie hat es verstanden, Disco, Rap, Reggae usw aufzugreifen und zu etwas eigenem zu machen, zu einer Zeit, wo noch niemand von "cultural appropriation" sprach, wenn es darum ging, sich anderen, vermeintlichen "fremden" Kulturen zu öffnen und daran Spaß zu haben, etwas neues für sich zu entdecken. Und ganz ehrlich, es waren ja wohl mehr als nur 2 "Hits" ;-)..! Call me, Hanging on the Telephone, The Tide is High, Rapture, Denis, Sunday Girl..
ambulans 05.11.2019
3. hi,
debbie ("blondie") hat schon ziemlich von ihrem aussehen (und dann auch noch - punk-icon - image) gelebt; der musikalische output ist insgesamt eher überschaubar. aber - so auch z.b. chrissie hynde/pretenders - gerockt haben diese mädels, damals, wie die teufel(innen). g**l wars jedenfalls ... dr. ambulans (alle kassen)
Schattenriss 05.11.2019
4.
Zitat von PapazacaStimmt, die Frau war in den Siebzigern in NYC omnipräsent, siehe CBGB oder vorher Max's Kansas City. Und sie galt als sowas wie eine Punkikone. Sehr attraktiv und der Darling der Kunstszene. Aber wenn man ehrlich ist: Sie hat zwei Hits gehabt, Hearts of Glass und Atomic. Und die Blondie- Alben waren jetzt nicht die Überflieger. Vor kurzem habe ich sie in einem Interview erlebt, in dem sie eher wenig sagte. Für mich eine Überlebende von Punk und Drogen, in die viel geheimnist wurde und wird. Eher sympathisch, aus einer Zeit und einem New York, das es schon länger nicht mehr gibt, jetzt, im Jahr 2019.
Wie? Blondie war eine phantastische Band. "Blondie" (1976), "Plastic Letters" (1977), "Parallel Lines" (1978) und "Eat To The Beat" (1979) macht vier Killer-Alben am Stück, entstanden in einem Zeitraum von - heute undenkbar - drei Jahren. Ganz großartiges Songwriting, zeitlos, ultrapräziser Trash, jeder Song hat die epische Wahrheit eines 2,5-Minuten-Dramas. Debbie Harrys tough girl-Glamour war supercool, erst recht, wenn Zuckersüßes mitschwang. Geniale Musiker, Clem Burke einer der besten Drummer überhaupt damals (pardon, Patti Smith), Jimmy Destris Orgel spricht genug Bände für den Büchnerpreis. Aber Debbie Harrys Aplomb, her "bombshell zombie's voice that can sound dreamily seductive and woodenly Mansonite within the same song" - war natürlich das Beste seit den Shangri-Las.
Papazaca 05.11.2019
5. Wenn man seine große Liebe trifft, 40 Jahre später ...
Zitat von SchattenrissWie? Blondie war eine phantastische Band. "Blondie" (1976), "Plastic Letters" (1977), "Parallel Lines" (1978) und "Eat To The Beat" (1979) macht vier Killer-Alben am Stück, entstanden in einem Zeitraum von - heute undenkbar - drei Jahren. Ganz großartiges Songwriting, zeitlos, ultrapräziser Trash, jeder Song hat die epische Wahrheit eines 2,5-Minuten-Dramas. Debbie Harrys tough girl-Glamour war supercool, erst recht, wenn Zuckersüßes mitschwang. Geniale Musiker, Clem Burke einer der besten Drummer überhaupt damals (pardon, Patti Smith), Jimmy Destris Orgel spricht genug Bände für den Büchnerpreis. Aber Debbie Harrys Aplomb, her "bombshell zombie's voice that can sound dreamily seductive and woodenly Mansonite within the same song" - war natürlich das Beste seit den Shangri-Las.
Schöner Kommentar, Wahre Liebe. Habe mir dann mal die größten 20 Hits, Mega, Middle und Mini angehört. Und dann hatte ich das Gefühl, das Menschen in Filmen haben, wenn sie die große Liebe nach 40 Jahren wiedersehen. Ich habe die beiden ersten Alben und das ist gut. Nochmal zu Ihrem Kommentar: Der ist wirklich schön. Fast wie in einem Poesialbum. Da wird mir klar, das ich gerne auch so schreiben würde ...... Blondie ist ein schöner Anlass
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