SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. September 2019, 23:29 Uhr

Roman "Fake"

Meine Freundin, das digitale Monster

Von Swantje Kubillus

In Frank Rudoffskys Roman "Fake" sucht ein junges Elternpaar zwischen Karriere und Beziehung seine Rolle - und verliert sich im Internet in Lügen und Hasskommentaren. Ein bitterböses und temporeiches Buch.

Sophia ist Mitte zwanzig, Controllerin bei Daimler und gestresst. Denn mit ihrem vier Monate alten Sohn Max ist sie in Elternzeit und verbringt ihre Tage überwiegend allein zu Hause - zwischen schreiendem Kind, schmerzhaftem Stillen, schlaflosen Nächten und Langeweile.

Ihr Freund, Jan, will als Journalist durchstarten, ist allerdings nur mäßig erfolgreich, und bei jeder guten Gelegenheit weg. "Nimm du ihn wieder, Schatz, ich muss noch einen Artikel redigieren", heißt es dann. Sex? - nicht so kurz nach der Geburt. Vorbei die unbeschwerte Zeit, meint Sophia, als man die Nächte durchfeierte und das Leben nahm, wie es kam. Jetzt sind da nur noch Sabber, Rotz und Windeln.

Frank Rudkoffsky erzählt in seinem Roman "Fake" charmant realitätsnah von jungen Erwachsenen aus der Mitte der Gesellschaft, die mit ihrer Rollenfindung als Eltern hadern. Wo ist nur das Glück geblieben? Wollten wir nicht noch diese Weltreise machen? Sophias und Jans Leben ist durchdigitalisiert und voller Markennamen. Tablet und Smartphone die ständigen Begleiter. Das Internet ein Ort der Zuflucht. Sie twittern Belanglosigkeiten oder posten Bilder von sich beim Joggen. Klein Max interessiert das herzlich wenig. In seiner Funktion als Baby erinnert er ans Menschsein so ganz im Allgemeinen.

Sophia will die Wut, die sich in ihr angestaut hat, herausschleudern - das Internet scheint dafür perfekt. Vermeintlich ohne Konsequenzen. So wird sie kurzerhand zum "Troll": zu jemandem, der es darauf anlegt, andere im Netz mit seinen Kommentaren emotional zu provozieren, besser gesagt: aufs Gemeinste zu beleidigen.

Zynisch und klug schildert Rudkoffsky die dunkle Seite des Internets und wie leicht es ist, dort Bullshit zu verbreiten. Wo sich Journalisten mit Fake-Profilen unter Pegida-Leute mischen, und Mütter darüber streiten, welcher Kopfumfang des Kindes der richtige sei. Und dann findet man heraus, dass am Ende der Leitung vielleicht ein ganz normaler Mensch namens Hartmut sitzt.

Sophia erstickt fast an ihrer, wie sie es nennt, "Pflicht", sich um das Baby zu kümmern und sagt Dinge wie: "Max brauchte mich mehr als seinen Vater. Max brauchte mich auf", und fragt sich, weshalb es zwar das Wort "bemuttern" aber nicht das Wort "bevatern" gäbe.

Ihre Trolle sind voller Bosheit und politischer Unkorrektheit. Schon bald hatet sie unter diversen Fake-Profilen gegen Schwule, Feministinnen, Impfgegner und Homöopathiefreunde. Jeder fiese Kommentar verschafft ihr Erleichterung. Rudkoffsky gelingt das pointiert und witzig: "Hey, PETA - wie findet ihr meinen neuen Pelz?", lässt er Sophia schreiben, und sich über die empörten Reaktionen freuen. Dann fakt sie das Profil der überzeugten Stuttgart-21-Gegnerin "Rita", mit dem Jan ursprünglich Wallraff-artige Recherche betreiben wollte, hängt ihr noch eine amyotrophe Lateralsklerose an, und bekommt endlich das, was sie ihrer Meinung nach am meisten verdient hat: Mitleid. Und Likes. Ein schlechtes Gewissen? - Nö. Moral? - I wo! Stattdessen: Egotrip.

Rudkoffskys Protagonisten gehen ohne Rücksicht auf Verluste vor und treffen am Ende auf etwas Unerwartetes: sich selbst. Bitterböse geht's zu in "Fake", aber auch über 233 Seiten hinweg temporeich und spannend.

"Fake" ist Beziehungskiste mit digitalem Monster und ein Roman mit Lokalkolorit. Man isst Maultaschen und Kässpätzle, fährt durch Stuttgarts Westen und blickt mit den Protagonisten auf den Fernsehturm. Zu weiten Teilen des Romans nimmt Rudkoffsky die Perspektive der Frau ein, was gelingt und den Eindruck vermittelt, als hätte er manch junger Mutter in seiner Umgebung gut zugehört.

Der Roman lebt von seinen Übertreibungen und immer schwingt ein Fünkchen Wahrheit mit. So schleichen sich die Gedanken ein: Hat die nette Nachbarin mir etwa gerade diesen Hasskommentar geschrieben? Oder war es meine beste Freundin, die gerade alias "RollingRose" mein Kind als Reptil bezeichnet hat? Hat mir mein Partner tatsächlich gerade den Satz: "Du gehörst an die Wand gestellt!" geschickt?

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung