Fallada-Premiere Treten, um selbst nicht getreten zu werden

Arbeitslosigkeit, Ausbeutung, Ausgrenzung: Hans Falladas sozialkritischer Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" (1934) erscheint zeitlos. Die Premiere des Dramas am Schauspielhaus Hamburg aber zeigt: Das Stück hat Staub angesetzt.

Von Matthias Matussek


Willi Kufalt steht da oben auf der schwarzen Bühne stellvertretend für alle Chancenlosen, Geknechteten, Geschlagenen. Er ist die Leidensfigur in Hans Falladas Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" (1934), und die Dramatisierung des Stoffes ein sozialkritisches Passionsspiel aus der Zeit der Massenarbeitslosigkeit der zwanziger Jahre.

Schauspielhaus-Darsteller: Sozialkritisches Passionsspiel
A.T. Schaefer

Schauspielhaus-Darsteller: Sozialkritisches Passionsspiel

Kufalt hat fünf Jahre gesessen. Er hat sich im Wolfsrudel der Mithäftlinge behauptet und gegen den Druck sadistischer Wärter, er hat das alles überstanden. Nun will er zurück in die Freiheit, will "sein wie alle anderen". Im Schauspielhaus sehen wir eine hohe schwarze Wand aus Monitoren, in der Mitte ein Auge. Willi Kufalt steht unter Beobachtung, schließlich soll hier ein ehrbares Mitglied für die bürgerliche Gesellschaft hingebogen werden.

Hans Fallada kannte genau, worüber er schrieb, er selbst saß wegen seiner Trunksucht für zweieinhalb Jahre ein. Mit seinen 18 Romanen, die meisten davon Bestseller und später verfilmt, war er einer der erfolgreichsten Schriftsteller der dreißiger und vierziger Jahre, bis er wieder zu trinken begann. Seine Helden sind durchweg die sogenannten "kleinen Leute", die Außenseiter, eine für die heutige Schicksen-Literatur à la Sarah Kuttner völlig uninteressante Gruppe.

Der steinige Weg zurück ist für Willi Kufalt gepflastert mit Schikanen. Die Besserungsanstalt, die ihn für Tipp-Arbeiten beschäftigt, zahlt Hungerlöhne, ein bigotter Pastor droht ihm mit Erpressung, das Mädchen Hilde ist eine Schlampe. Mit drei anderen ebenfalls Entlassenen gründet Kufalt schließlich ein eigenes Schreibbüro, doch bevor das Geschäft Fahrt aufnehmen kann, scheitert er auch hier - die Schreibmaschinen sind Hehlerware, die Polizei ist bereits alarmiert.

Willi Kufalt hat sein bestes gegeben. Er hat es durch die Mitte versucht. Nicht ja gesagt und nicht nein, hat auf seine Rechte gepocht. Jetzt nimmt er den Weg, den er kennt. Er schlägt die Scheibe zu einem Juweliergeschäft ein, er raubt Handtaschen, er schlägt die Frauen, denen er sie raubt, er explodiert, will nur noch treten, statt getreten zu werden.

Im Schauspielhaus ist Renato Schuch imponierend wach und drahtig und glaubwürdig zwischen Aufruhr und Resignation, einer, der nicht passt, obwohl er sich Mühe gibt.

Doch er und all die anderen (Achim Buch, Martin Wißner, Hedi Kriegeskotte) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Stoff Staub angesetzt hat. Der Abend zieht sich, trotz einiger Lockerungsübungen wie den gelungenen Einlagen des Neuen Knabenchors Hamburg und einem Schreibmaschinen-Konzert.

Regisseur Daniel Wahl, der auch die Bearbeitung besorgte, muss gespürt haben, dass ihm Falladas Sozialdrama ins Historische entschwindet. Er versucht den direkten Kontakt - Kufalt wendet sich ans Publikum. "Haben Sie Arbeit für mich?" fragt er. Und sein Kumpan versucht es mit der Provokation des Parketts: "Was glotzt ihr so blöd und satt?"

Doch diese Mittel waren bereits im "Marat"-Spektakel vor einigen Monaten wirkungsvoller eingesetzt, da standen echte Hartz-IV-Empfänger auf der Bühne und erzählten ihre Lebensläufe. So war der Authentischste an diesem Abend wohl der junge Simon Rennfranz, der vor dem Schauspielhaus die Obdachlosenzeitung "Hinz und Kunz" verkaufte, und nicht vergaß, auf das Interview zu verweisen, das man mit ihm geführt hatte.

Er bewirbt sich um eine Ausbildung. Eine Wohnung hat er bereits. Wer ihm imponiert? "Der Tenor Paul Potts. Aus dem Nichts heraus kann er alle seine Träume erfüllen, nur durch eigenes Können und Leistung."

Das immerhin unterscheidet ihn von Willi Kufalt. Er glaubt, er kann es schaffen. Willi Kufalt dagegen gibt auf. Im Roman kehrt er zurück ins Gefängnis mit den Worten: "Fein, wenn man wieder zu Hause ist. Keine Sorgen mehr. Fast, wie man früher nach Hause kam, mit Vater und Mutter. Fast? Eigentlich noch besser. Hier hat man seine Ruhe."



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