Familienpolitik "Wir brauchen einen ganz anderen Blick"

Katrin Menke hat untersucht, wie Männer und Frauen Arbeit und Kinder unter einen Hut bringen. Die Sozialwissenschaftlerin kritisiert, dass der deutsche Wohlfahrtsstaat durch das Elterngeld neue Ungleichheiten produziert.
Von Katharina Schipkowski
Baby mit Vater: "Es war überfällig, dass mal was Modernes kommt"

Baby mit Vater: "Es war überfällig, dass mal was Modernes kommt"

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Zur Person
Foto: Jochen Tack/ transcript

Katrin Menke, Jahrgang 1983, lebt in Essen. Die promovierte Sozialwissenschaftlerin lehrt und forscht an der Universität Duisburg-Essen zu sozialen Ungleichheiten, Familien- und Sozialpolitik, Migrationssoziologie und Asylpolitik. Die Elternzeit hat sie sich mit ihrem Partner aufgeteilt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Menke, Ihr Buch beginnt mit einem Zitat der englischen Autorin Laurie Penny: "Wir feministisch geprägten Frauen haben Leistungsdruck mit Freiheit verwechselt." Wie ist das gemeint?

Menke: Feminismus wird heute häufig darauf reduziert, erwerbstätig zu sein. Der Leistungsdruck, das Sich-Bewähren-auf-dem-Arbeitsmarkt, soll die vollbrachte Emanzipation der Frau sein. Ich will zeigen, welche sozialen Ungleichheiten sich daraus für Mütter und Väter ergeben.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Menke: Dieses aktuelle Feminismuskonzept denkt die Verteilung von Sorgearbeit nicht mit, also das Sorgen für Kinder, oder - in Deutschland eigentlich viel bedeutender - für pflegebedürftige Angehörige. Das übernehmen aber meistens Frauen, weltweit ist das so. Wer Feminismus nur als Erwerbstätigkeit von Frauen begreift, blendet eine wichtige Forderung der zweiten Welle der Frauenbewegung aus: die Aufwertung von Sorgearbeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben: "Wohlfahrtsstaaten tragen zur Ungleichheit zwischen Männern und Frauen bei." Wie das?

Menke: Der deutsche Wohlfahrtsstaat schätzt nur eine Form von Arbeit wert - und wertschätzen bedeutet: soziale Absicherung über die Rentenkasse, die Krankenversicherung, die Arbeitslosenversicherung. All das funktioniert vor allem über Erwerbsarbeit. Wer hingegen pflegt, hat viel weniger Ansprüche auf Absicherungen.

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Katrin Menke

»Wahlfreiheit« erwerbstätiger Mütter und Väter?: Zur Erwerbs- und Sorgearbeit aus intersektionaler Perspektive (Gesellschaft der Unterschiede, Bd. 53)

Verlag: transcript Verlag
Seitenzahl: 306
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06.12.2022 08.30 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen im Buch vom gewandelten Wohlfahrtsstaat. Welchen Wandel meinen Sie?

Menke: Familien- und Sozialpolitik hat sich von einer passiven zu einer aktivierenden Politik gewandelt. "Aktivierend" bedeutet, wir sind alle immer stärker aufgefordert, Existenzsicherung über Erwerbsarbeit zu generieren. Das fing mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen an.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlägt sich das in der Familienpolitik nieder?

Menke: Das zentrale Gesetz ist die Elterngeldregelung, die 2006 erstmals in Kraft getreten ist. Sie versteht sich als individuelle Entgeltleistung. Also das, was ich vorher verdient habe, ist die Grundlage zur Berechnung meines Elterngeldanspruchs. Vorher gab es das Erziehungsgeld, da wurde geschaut, wie viel Einkommen auf Haushaltsebene da ist, also eher bedarfsorientiert: Da war es in der Tat so, dass Haushalte mit hohem Einkommen weniger Erziehungsgeld erhielten und die mit niedrigem Einkommen mehr - also genau andersherum als beim Elterngeld, das explizit mit dem Ziel eingeführt wurde, Akademikerinnen zu motivieren, Kinder zu kriegen. Die Frage war: Was muss man denen anbieten? Die Antwort: Ein Instrument, bei dem die Einkommensausfälle in der Babypause besser aufgefangen werden. Das Ganze wurde von einem fragwürdigen Diskurs begleitet, weil es halt auch darum ging, dass die "richtigen" Menschen sich fortpflanzen.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Männer mehr oder weniger Elternzeit, je besser sie verdienen?

Menke: Laut den Statistiken ist der Anteil an akademisch gebildeten Männern in Elternzeit überdurchschnittlich hoch, vor allem, wenn sie mit einer akademisch gebildeten Frau zusammen sind. Wir sprechen da über ein sehr spezielles, urbanes, gut verdienendes akademisches Milieu. Da wird gern das Minimum zwei Monate Elternzeit genommen, um mit der Familie um die Welt zu jetten. Aber die Hürde, "Ich möchte vier Monate nehmen" zu sagen, ist groß.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Elterngeld, mit all den Neuerungen, die folgten, also tatsächlich ein Rückschritt für die Gleichstellung?

Menke: So kann man es nicht sagen. Es war überfällig, dass mal was Modernes kommt. Alle haben nach Skandinavien geguckt, was man gern macht, wenn es um den Sozialstaat geht, das Elterngeld haben wir ja eins zu eins kopiert. Aber es ist tatsächlich etwas ganz Untypisches für Skandinavien, weil es - etwa im Gegensatz zur Rentenpolitik dort - gar nicht auf Egalität ausgerichtet ist. In der Familienpolitik brauchen wir einen ganz anderen Blick. Es kann nicht nur um Gleichstellung in bestimmten sozialen Milieus zwischen Mann und Frau gehen. Es muss auch um Armutsvermeidung insgesamt gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben untersucht, welche Möglichkeiten verschiedene Beschäftigte des Krankenhaussektors haben, Erwerbs- und Sorgearbeit zu vereinbaren. Was haben Sie festgestellt?

Menke: Es kommt sehr darauf an, welche berufliche Position der Vater oder die Mutter hat - ob Ärztin, Pfleger oder Reinigungspersonal, ob die Person einen Migrationsstatus hat oder nicht. Zum Beispiel sind Ärzte viel häufiger in der Lage, individuelle Arrangements für sich auszuhandeln als andere Gruppen. Das Recht auf Teilzeit ist ja gesetzlich verankert, wie aber die Verhandlungen ausgestaltet werden, unterscheidet sich. Ärzte und Ärztinnen weisen dabei oft auf ihre gute Arbeitsmarktposition hin, der Ärztemangel ist ja eklatant.

SPIEGEL ONLINE: Der Mangel an Pflegekräften auch.

Menke: Ja, aber die haben nicht das Selbstverständnis, so aufzutreten. Die Reinigungskraft auch nicht. Das Perfide ist dabei auch noch, dass eine Familienpolitik diese Denke noch befeuert, wenn sie hauptsächlich auf gut qualifizierte Frauen auf dem Arbeitsmarkt setzt. Wer sich auf seine berufliche Qualifikation beruft, untergräbt damit das Argument des anderen, der nicht so hoch qualifiziert ist.

SPIEGEL ONLINE: Verhandeln Ärzte und Ärztinnen unterschiedlich?

Menke: Die von mir befragten Männer und Frauen haben geschlechtsspezifisch unterschiedlich argumentiert. Bei Männern ging es immer um die berufliche Leistungsfähigkeit: Sie betonten etwa gegenüber dem Oberarzt, wie lange sie schon mit ihm zusammenarbeiten würden, wie sie rangeklotzt hätten, dass sie es sich jetzt leisten könnten, zwei Monate Elternzeit zu nehmen. Die Ärztinnen aus meiner Studie betonten eher, wie gut sie darin seien, ihre Kinder "wegzuorganisieren". Sie argumentierten also im Subtext, dass Sorgearbeit kein Hinderungsgrund sei, beruflich aufzusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie auch, wie die Arbeitgeber den Forderungen begegneten?

Menke: Ein Krankenhausverband hat zum Beispiel eine Kita gegründet, die um sieben Uhr öffnet. Das bedeutet, dass die Ärzte ihre Kinder dahin bringen können, aber niemand aus der Pflege, geschweige denn die Reinigungskräfte. Aus Sicht des Unternehmens ist das logisch, aber die Familienpolitik muss da gegensteuern. Daran sieht man, dass Mütter und Väter als Wirtschaftssubjekte adressiert werden und nicht als Sorgetragende. Und das kann nicht sein. Es öffnet Tür und Tor für Ungleichheit.

Lesen Sie zum Thema hier auch, welche Fehler Eltern beim Antrag auf Elterngeld vermeiden sollten.

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