Feridun Zaimoglu schreibt über Frauen "Ich verstehe die feministische Militanz nun sehr gut"

Feridun Zaimoglu hat genug von den Lügen, die Männer über Frauen erzählt haben. Deshalb hat er den Roman "Die Geschichte der Frau" aus deren Sicht geschrieben - als Gegengift zum "elenden Quatsch" der "Viagraprosa".

Autor Feridun Zaimoglu
DPA

Autor Feridun Zaimoglu

Ein Interview von


Zur Person
  • Feridun Zaimoglu, geboren 1964, ist Schriftsteller, Dramatiker und Maler und wurde mit seinen Büchern "Kanak Sprak" und "German Amok" bekannt. 2003 gewann er beim Bachmannpreis den Preis der Jury. Er ist in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, zuletzt erschien sein Lutherroman "Evangelio". Zaimoglu lebt in Kiel.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zaimoglu, in Ihrem Buch scheinen die Männerfiguren alle eine irre Angst vor den Frauen zu haben. Ist das Ihr Eindruck von der Welt?

Zaimoglu: Es ist so eine Sache mit dem Selbstbild des Mannes und dem Blick, den er auf "die Frauen" wirft. Zunächst einmal - eine banale Weisheit - "die Frauen" gibt es nicht. Der Alltag in sogenannten zivilisierten Gesellschaften zeigt: Der Mann findet sich in seiner Existenz nur, indem er "die Frauen" entwertet. Dem zugrunde liegt das Verständnis "der Frau" als einer großen Unheimlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen das in "Die Geschichte der Frau" mehrfach, wenn Frauen einzeln einer Männergruppe ausgesetzt sind: Wenn die Heilkundlerin Prista Frühbottin 1540 als Hexe angeklagt wird oder Lisette Bielstein 1848 in einer politischen Versammlung sitzt.

Zaimoglu: Es ging mir um diese Urszene: das Hohngelächter von Hordenwilden angesichts von Frauen, die überragend sind. Nur so können sich die Männer über sie hinwegsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Schon in "Isabel" oder "Leyla" haben Sie Frauen aus der Ich-Perspektive eine Stimme gegeben. Warum nun zehnfach, jedes Kapitel eine Frau, von Zippora 1490 vor Christus über Antigone bis zur Warhol-Attentäterin Valerie Solanas 1968?

Zaimoglu: Das Unrecht, auf das ich stieß, stank mir in die Nase: Die vom Mann gezeichneten Frauenfiguren sind untergeordnet, eine Karikatur, eine Männerfantasie. Ich hatte den großen Wunsch, die Lügen von uns Männern durch den großen Gesang der Frauen zum Verschwinden zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Wann dachten Sie: Jetzt reicht's?

Zaimoglu: Während ich 2017 mit meinem besten Kumpel am Stück "Siegfrieds Erben" für Worms saß. Da habe ich versucht, Brunhild als Kriegerkönigin darzustellen, nicht als gebrochene Frau, fügsame Magd. Wie die Männer sich im Nibelungenlied brüsten, Brunhild geschändet und um ihre Kräfte gebracht zu haben! Da bin ich durch die Decke gegangen. Da dachte ich: Na wartet, jetzt bin ich Brunhild und erzähle meine Geschichte, ihr Schweine!

SPIEGEL ONLINE: Und wie werden Sie Brunhild und all die anderen?

Zaimoglu: Jetzt werde ich dramatisch, aber mein Leben ist die Literatur. Ich mache Gewaltmärsche, ich schlafe schlecht, ich wache und wandle wie ein flackernder Geist, um mich einzustimmen. Meine öde Existenz ist völlig unwichtig, ich zerfalle im Text. Ich muss mich in dieser fremden Gestalt auflösen. Das ist zehn Mal geschehen. Es stellt sich ein besonderer Ton ein, plötzlich bin ich nicht mehr außerhalb. Ich bin es, ich bin die Frau. Ich bin Hildrun, ich bin Valerie Solanas. Es dauert viele Wochen, bis ich so weit bin. Dann setze ich mich hin und schreibe. Um all das in der nächsten Geschichte wieder zu verwerfen.

DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE: Das klingt anstrengend.

Zaimoglu: Ich habe mich kaputt gemacht. Von Freunden und in der Bäckerei, in der ich frühstücke, hieß es in der Zeit: Was ist los, bist du krank? Du musst Vitamintabletten nehmen, du bist so bleich. Ich neige wirklich nicht zu Übertreibungen, aber die wesentlichen Momente sollte man nicht verschweigen. Ich musste jedes Mal mit der Sprache und ihrer Geläufigkeit brechen. Das war sehr schmerzhaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie suchten Sie denn die Frauen aus?

Zaimoglu: Es mussten erst einmal biblische Figuren sein. Die Frauen in den biblischen Schriften sind entweder getilgt oder in einer Assistenzfunktion: Wo sind denn die Jüngerinnen, Frauen der sogenannten Apostel, was wurde aus Maria von Magdala gemacht, wieso sind sie entweder Huren oder Heilige? Alles Lügen, es ist widerlich. Über Maria wurde schon so viel geschrieben, also wählte ich Zippora, die schwarze Frau des Propheten Moses, eine große Geschichte, die bis in unsere Zeit hineinstrahlt, und Judith. Mir ist eine Judith, die nicht allein die Frau des Erzverräters Judas ist, sondern für sich steht, genauso lieb wie eine Valerie Solanas als militante Feministin. Die mag ich sehr. Deswegen hört das Buch mit ihr auch auf. Alles wirkmächtige Frauen, die man als irre oder unbedeutend denunziert hat.

Fotostrecke

7  Bilder
"Die Geschichte der Frau": Frauen, aus deren Sicht Zaimoglu schreibt

SPIEGEL ONLINE: Manche argumentieren, wir brauchen keine Männer, um starke Frauenfiguren zu erzählen. Verstehen Sie das?

Zaimoglu: Das ist ein Fundamentalismus, der ins Leere geht. Jeder ist bedingt und fixiert über seine Herkunft und sein Geschlecht. Wir müssen uns freiwillig beschränken? Das wäre Selbstzensur. Das Bewusstsein für Unrecht setzt mich ja instande, Geschichten zu schreiben. Mit den Mitteln der Literatur ist es möglich, mit seinem Geschlecht auf dem Papier zu brechen.

SPIEGEL ONLINE: Also sind die "Ichs", die Sie wählen, Akte der Solidarität?

Zaimoglu: Der Kampf der Frauen war immer ein Kampf gegen das Unrecht. Ich wollte in Erinnerung rufen, dass diese Kämpfe weitergehen. Wenn man meine Empathie für Frauen in diesem Buch entdeckt, freut mich das sehr. Es ist ein kämpferisches Buch geworden, ja. Nur so, als lächerliche Figur, kann ich schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist daran lächerlich?

Zaimoglu: Heute soll der Schreiber kühl sein, nicht zu sehr Teil seines Textes. Lächerlich macht sich ein Schreiber, wenn er für die Sache tatsächlich brennt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Lore-Lay-Kapitel ist gar der Kampf einer Frau gegen einen Schreiber: Dessen dichterische Freiheit ist wie die Vergewaltigung einer Identität.

Zaimoglu: Was bilden sich denn die Schreiber ein - und zwar immer noch! In der von mir böse "Viagraprosa" benannten Literatur stößt man auf Männer, die faltig und ranzig sind - aber schöne Frauen, junge Frauen, kluge Frauen verfallen ihnen sofort. Ein solch elender Quatsch. Meine Geschichte zeigt Lore als starke Frau, die sich von diesem dahergelaufenen Dichter nicht überrumpeln lässt. Der sie durch Geschwätz beeindrucken und in jeder Hinsicht des Wortes überwältigen möchte. Das war mir eine große Freude.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Blick durch dieses Buch verändert?

Zaimoglu: Ich liebe die Kämpfe der Frauen gegen die Männerdiktatur, das musste ich nicht erst entdecken. Aber während ich dieses Buch schrieb, musste ich immer wieder aufstehen und mich beruhigen, weil ich wütend wurde. Ich verstehe die feministische Militanz nun sehr, sehr gut - das ist neu hinzugekommen. Mehr will ich nicht sagen, um mich nicht ins Feuer zu begeben.

SPIEGEL ONLINE: Welches Feuer?

Zaimoglu: Dass man mir Gewaltverherrlichung unterstellt.

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Warhol-Attentäterin Solanas?

Zaimoglu: Ja. Und wenn ich sage, ich verstehe feministische Militanz, ist das nicht nur so dahergesagt.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sprache ist ein Gewaltinstrument. Wie nutzten Sie das?

Zaimoglu: Es sind Geschichten der Selbstermächtigung: Jede Frau schaut die Männer an, so nackt und erbärmlich wie sie sind. Und ich bin die Frau, lasse den Blick streifen, fresse die Lügen nicht mehr. Ich sehe, dass die Welt, wie man sie mir beschrieben hat, ein Wahngebilde ist. Ich entdecke, dass nicht ich verrückt bin. Die Männer sind die Irren, verantwortlich für die Kriege, für all die Geschichten, die mich als Frau knebeln und mir in einer von Männern festgefügten Ordnung meine Rolle zuweisen. Indem ich deren Worte verwerfe, verwerfe ich auch ihre Lügen. Meine Worte sind Ausdruck meiner Freiheit.

ANZEIGE
Feridun Zaimoglu:
Die Geschichte der Frau

Kiepenheuer&Witsch; 420 Seiten; 24,- Euro (gebunden)

    Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier.

SPIEGEL ONLINE: Diese Selbstermächtigung entwickelt sich: Zippora beobachtet eher, Solanas sagt "Ich bin abstrakt" und so erzählt sie auch. Ist das die Alternative zur gängigen Geschichtsschreibung?

Zaimoglu: Valerie Solanas, diese kluge Frau, kann das Phantasma von der von Männerhand gefügten Gestalt nur zum Zerbrechen bringen. Also ist sie wunderbar sprunghaft. Sie, die Verfasserin des "Manifests zur Zerstückelung der Männer" - ein wunderbarer Titel - ist eine Schriftstellerin, eine Künstlerin. Sie hat keine Lust auf Sentimentalitäten. Es war mir ein Vergnügen, aufzuschreiben, wie sie mit zwei Männern fertig wird, bumm, weg mit dem Mist. Für sie sind Männer Fleischabfall. Man hat sie oft genug um Licht und Geld und Geltung betrogen. Sie rächt sich.

SPIEGEL ONLINE: Das war 1968. Auch heute ist die Wut der Frauen unübersehbar. Wie empfinden Sie diesen Zorn?

Zaimoglu: Ich bin begeistert, dass man in der Wirklichkeit kämpft und nicht nur im Soziologieseminar. Ich bin begeistert, dass man machtgeile Männer zum Stürzen bringt. Sie sollen stürzen. Ist man wütend, kommt man näher an die Wirklichkeit. Ich wäre beglückt, wenn dieser Zorn nicht vergeht.



insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jot-we 24.02.2019
1. Das einzig wahre Verständnis für die Frau ...
... hat halt immer noch ein Mann; endlich sagt's mal einer. Und nicht, dass mir jetzt jemand mit sowas wie 'Geschlechtliche Aneignung' um die Ecke kommt! Mehr kann ich leider nicht zum Thema sagen, weil ich dringend die Perspektive der chinesischen Wanderarbeiter einnehmen muss, über die ich gerade einen Hintergrundroman verfasse und das braucht meine ganze Zeit und Energie; nin hao, if you know what I mean!
Mehrleser 24.02.2019
2.
Zaimoglu betreibt extremes mansplaining. Hoffentlich merken „die Frauen“ das nicht. Ansonsten arbeitete sich hier wieder jemand an einem Problem ab, welches er selbst postuliert hat. Nicht schlimm, ist ja Kunst.
Exilbraunschweiger 24.02.2019
3. "Die Männer"
Ich gebe zu, ich habe nach ein paar Zeilen aufgehört zu lesen. "Die Männer" könnten sich nur über Abwertung "der Frauen" definieren, wobei es "die Frauen" gar nicht gäbe. Letzterem stimme ich uneingeschränkt zu, doch warum gilt das für Männer nicht? Ich kann mich in dem statement als Mann nicht wiedererkennen und meine (rein subjektiv natürlich, kann ich als Mann ja auch gar nicht anders), das auch noch nicht als feedback weiblicherseits bekommen zu haben. Kurz, auf dem zweifelhaften Niveau möchte ich doch lieber keine Beiträge zu mir nehmen.
rob.einhaus 24.02.2019
4. Spaltung der Gesellschaft
Die älteste und wirkmächtigste Spaltung der Gesellschaft besteht zwischen Männer und Frauen. Menschen, die diese Spaltung vertiefen, brauchen wir nicht. Und dramatisierende Schreihälse erst recht nicht.
.patou 24.02.2019
5.
Zitat von MehrleserZaimoglu betreibt extremes mansplaining. Hoffentlich merken „die Frauen“ das nicht. Ansonsten arbeitete sich hier wieder jemand an einem Problem ab, welches er selbst postuliert hat. Nicht schlimm, ist ja Kunst.
Wie können Sie dem armen Mann mansplaining unterstellen, wo er doch so leidet ("Ich habe mich kaputt gemacht"), um sich in die Frauen hineinzuversetzen und Unrecht endlich zu benennen. Wenn das Interview ernst gemeint ist, was zu befürchten ist, habe ich selten etwas gelesen, das unter dem Deckmantel der Solidarität herablassender und egozentrischer ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.