Mexiko-Roman Die Hexe ist tot, die Brutalität fängt erst an

Ein Dorf sucht eine Schuldige für all seine Probleme - und tötet sie. Nach wahren Begebenheiten erzählt Fernanda Melchor in ihrem preiswürdigen Roman "Saison der Wirbelstürme" von der Gewalteskalation in Mexiko.

Gesicht ohne Identität (Symbolbild)
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Gesicht ohne Identität (Symbolbild)


Fernanda Melchors Roman beginnt dort, wo das klassische Märchen aufhört: Die Hexe ist tot. Ein paar Dorfbewohner finden sie erstochen an einem Kanal. Ihr Gesicht ist halb verwest, "eine schwärzliche Maske". Doch selbst im Tod scheint es den Bewohnern noch so betörend wie das Haupt der Medusa: "lächelnd, in einem brodelnden Gewusel schwarzer Schlangen".

Im Märchen ist mit dem Tod der Hexe der Bann gelöst. Bei Melchor ist das Gegenteil der Fall: Schockstarre. Aus der Hexenjagd wird die Ermittlung nach Tätern. "Hexe", so nannten sie alle im Dorf. Die Identität wird nie ganz geklärt. Ihre Mutter soll aus "irgendeiner Dreckshütte im Wald" gekommen sein. Der Vater: unbekannt.

Eine "kriecherische Schlange", die den Menschen aus dem Dorf Zaubertränke verabreicht haben soll. Je mehr man sich als Leserin durch das Netz aus Gerüchten in dem Buch durcharbeitet, desto sichtbarer wird allerdings das Provinzleben in all seiner Brutalität.

Ohne die "Hexe" fehlen die Erklärungen

Die Geschichte spielt in La Matusa, einem mexikanischen Dorf in der Nähe der Küste. Weiter im Norden fand man Ölvorräte. Seitdem führt eine Landstraße von dort durch La Matusa bis zur Hauptstadt. Mit dem Strom von Händlern sind Kneipen und Bordelle gekommen. Die Männer arbeiten als Tagelöhner, die Frauen als Prostituierte. In diesem Sumpf aus Gewalt, Missbrauch und Drogenhandel ist die Hütte der Hexe Rückzugsort und scheinbare Lösung für alle Probleme.

Tagsüber besuchen sie die Frauen von La Matusa. Manche für ein Mittel gegen Bauchweh. Andere für ein Mittel zur Abtreibung. Nachts kommen die Männer. Für Orgien, heißt es, mit Drogen und Sex. Die Hexe soll verantwortlich sein für plötzliche Krankheiten, Todesfälle. Sogar für Stürme und Überschwemmungen. Als die "Hexe" ermordet wird, fehlen plötzlich jegliche Erklärungs- und Entschuldigungsmuster.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

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Fernanda Melchor
Saison der Wirbelstürme (Quartbuch)

Verlag:
Wagenbach Klaus GmbH
Seiten:
240
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Angelica Ammar

Fernanda Melchors Roman "Saison der Wirbelstürme" liest sich deshalb auch als Suche nach Verantwortung in einem kaum durchschaubaren Gespinst aus Tätern und Schuldigen. Melchor kommt selbst aus Veracruz, eine der Hochburgen des Drogenkriegs in Mexiko. Besonders Gewalt gegen Frauen führte in Mexiko zuletzt zu vermehrten Protesten: Aktivistinnen gingen deshalb unter dem Motto #VivasNosQueremos ("Wir wollen leben") im Februar 2019 auf die Straße. Die Autorin habe in einer Phase zu schreiben begonnen, als in Mexiko die "Gewalt endlos" schien, sagte sie in einem Interview.

Brutalität nahe der Wirklichkeit

In ihrem Roman hat das Dorf so auch keinen einzelnen Täter mehr. Hier werden alle schuldig. Die verschiedenen Stimmen verwebt Melchor zu einem dichten Klangteppich. Ohne Absätze. Manchmal gibt es über eine halbe Seite keinen einzigen Punkt zum Luftholen.

Besonders mit der Sprache ihres Romans hat Melchor deshalb in Deutschland bereits Aufmerksamkeit erregt: Im Mai erhielt Melchor den Anna-Seghers-Preis für Nachwuchsautoren. Sie schreibe mit "poetischer Imagination", heißt es in der Begründung, "die sich mutig und empathisch den Fragen unserer Zeit stellt". Für den Internationalen Literaturpreis steht sie für 2019 auf der Shortlist.

Der Roman wäre aber vermutlich kaum so beeindruckend, wenn seine Brutalität nicht so nah an der Wirklichkeit wäre. Allein die Quellen haben es in sich. Melchor nutzte nach eigenen Angaben zur Recherche Fotos und Texte von zwei mexikanischen Polizeireportern: Yolanda Ordaz de la Cruz und Gabriel Huge Córdoba. Beide arbeiteten in den Nullerjahren im Bundesstaat Veracruz. Ordaz de la Cruz wurde 2011 entführt und geköpft. Ihr Tod ist bis heute nicht aufgeklärt. Huge Córdoba verschwand 2012. Seine Leiche tauchte im selben Jahr zusammen mit drei anderen in einem Fluss auf.

"Einige der hier erzählten Begebenheiten sind real", zitiert die Autorin als vorangestelltes Motto aus Jorge Ibargüengoitias "Die toten Frauen" (Las Muertas), einem Roman über die Mordserie der sogenannten "Poquianchi"-Schwestern. Die Figuren in ihrem Roman benannte Melchor um. "Alle Personen sind fiktiv", geht das Zitat weiter. Als literarischer Wahlspruch klingt das beinahe wie eine bewusst gewählte Sicherheitsschranke.



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